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ETH-Rektor Guzzella: «Die ETH ist eine Weltuniversität»

Lino Guzzella ist der neue Rektor der ETH Zürich. Im Interview mit der az Limmattaler Zeitung verrät er, welche Pläne er für sein Amt hat und weshalb er dem Hörsaal den Rücken kehrt.

Anna Wepfer
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Möchte die Professoren zu besseren Lehrern machen: Der neue ETH-Rektor Lino Guzzella. Marc Dahinden

Möchte die Professoren zu besseren Lehrern machen: Der neue ETH-Rektor Lino Guzzella. Marc Dahinden

Sind Sie heute mit dem Velo an die ETH gekommen?

Lino Guzzella: Nein. Ich muss heute noch ins Krafttraining, da schaffe ich nicht auch noch den Weg mit dem Velo.

Mit Gedanken an die Umwelt hat Ihr Velofahren...

...sicher auch zu tun. Ich versuche, unser Familienleben möglichst umweltfreundlich zu gestalten. Mein grösster Beitrag ist aber die Forschung hier in meiner Gruppe. Mit der Arbeit haben wir über die Jahre mehr CO2 gespart, als ich es je durch ein noch so asketisches Leben könnte.

Die ETH ist kürzlich von Öko- auf Atomstrom umgestiegen, weil das weniger kostet. Ein gutes Signal?

Die Frage war: Wollen wir unser Geld ausgeben, um nachhaltigen Strom zu kaufen, oder um Forschung zu machen, die nachhaltigen Strom ermöglicht? Die ETH ist der Meinung, dass wir unser Geld in Forschung und Lehre effizienter einsetzen können. Persönlich war ich an diesem Entscheid nicht beteiligt, aber ich stehe dahinter.

Anders als der Bundesrat sprechen Sie sich für den Bau einer neuen AKW-Generation aus. Warum?

Das war vor Fukushima. Fukushima hat auch mich sehr betroffen gemacht und ich weiss nicht, ob ein neues AKW heute noch die richtige Strategie ist. Das ist ein politischer Entscheid. Sicher ist: Die ETH wird für die Umsetzung der Energiestrategie des Bundesrats ihr Möglichstes tun.

Werden Sie sich künftig mit solch pointierten Aussagen zurückhalten?

Als Rektor kann ich nicht so direkt kommunizieren, wie als Professor. Ich werde aber weiterhin eine sachliche Meinung vertreten – dort, wo es meine Pflicht ist oder wenn ich danach gefragt werde.

Sie sind Forscher und Dozent mit Leib und Seele. Warum kehren Sie nun dem Hörsaal den Rücken?

Das tue ich nicht ganz. Ich will den Kontakt mit den Studierenden behalten. Pro Semester werde ich eine Vorlesung halten, zwei Stunden wöchentlich – das tönt nicht nach viel, aber glauben Sie mir, wenn Sie vor 500 Leuten auftreten, müssen Sie für jede Vorlesungsstunde mindestens eine Stunde vorbereiten.

Gibt es keine Routine?

Ich will keine Routine. Wenn Sie routiniert vortragen, ist es stinklangweilig. Lernen hat mit Emotionen zu tun. Sie müssen den Dozenten hassen, lieben, genial finden. Es braucht Reibung.

Und diese Leidenschaft wollen Sie nun fast ganz aufgeben?

Ich bin seit fast 20 Jahren Professor, irgendwann braucht man eine neue Herausforderung. Ausserdem ist das Amt des Rektors sehr ehrenvoll. Man erhält Einblick in wichtige Prozesse und kann etwas beeinflussen. Ich habe auch ein paar Ideen, die ich einbringen möchte.

Nämlich?

Die Lehre liegt mir am Herzen. Die ETH macht hervorragende Forschung. Die Lehre ist auch gut, aber man könnte sie noch besser machen. Das ist mein oberstes Ziel für die nächsten vier Jahre. Hierfür will ich die Feedback-Kultur ausweiten. Auch Neue Medien bieten Chancen. Wir haben dazu Spannendes geplant. Mehr kann ich aber noch nicht sagen.

Sie sind neu zuständig für alle Fachrichtungen, die es an der ETH gibt. Wie gehen Sie das an?

Bescheiden. Ich glaube an das Weitergeben der Verantwortung. Entscheidungen sollen dort gefällt werden, wo Wissen und Kompetenz sind. Unsere 16 Departemente funktionieren recht autonom und das ist auch gut so.

Im Zusammenhang mit der Energiewende ist der Ruf nach Innovation sehr laut. Lanciert die ETH in diesem Bereich eine Forschungsoffensive?

Ich plaudere hier aus dem Nähkästchen, aber es gibt in diesem Zusammenhang tatsächlich Vorhaben unter Federführung des Bundes. Er wird dafür auch zusätzliche Mittel bereitstellen. Die ETH ist für solche Projekte hervorragend positioniert. Schon immer hat sie eine dominante Rolle eingenommen in der Energiediskussion und wir werden weiterhin solche Beiträge leisten können.

Wo genau?

Umwandlung von Solarenergie­, Energiespeicherung, Energienutzung – das sind nur drei Beispiele. Daneben werden wir auch ganz neue Forschungsrichtungen aufbauen, etwa im Bereich der Geothermie. Konkret ist aber noch nichts.

Die Studierendenzahlen sind in 12 Jahren um rund 60 Prozent gestiegen. Ist das für Sie Freude oder Sorge?

Es ist grundsätzlich eine Freude. Jahrelang haben wir gesagt, wir bräuchten mehr Ingenieurinnen und Naturwissenschafter. Diese Botschaft hat gefruchtet, es kommen viele talentierte Menschen zu uns. Jetzt zu jammern, es seien zu viele, wäre fatal. Ich bin auch dagegen, die Anforderungen zu erhöhen. Natürlich gibt es negative Aspekte, etwa zu kleine Hörsäle oder nicht ausreichende Finanzmittel. Aber ich habe lieber diese Sorgen, als dass es an Studierenden fehlt.

Was halten Sie davon, die Studiengebühren von 1200 auf 2400 Franken im Jahr zu erhöhen?

Wir diskutieren das mit allen Beteiligten. Ein ETH-Studium ist im Vergleich mit ausländischen Unis nun einmal sehr günstig. Eine Verdoppelung der Gebühren wäre immer noch bescheiden. Es darf aber nicht passieren, dass jemand aus finanziellen Gründen nicht studieren kann. Wir müssen deshalb die Stipendien ausbauen.

Und wenn die Studierenden wie an der Uni Zürich auf die Barrikaden gehen?

Dann führe ich mit ihnen gerne ein Gespräch und erkläre, dass die Erhöhung aufs ganze Studium rund 6000 Franken ausmacht. Also bitte. Fliegt einfach ein paarmal weniger nach New York.