Bauindustrie
ETH baut mit Laubholz – und hofft auf viele Nachahmer

Laubholz wird beim Bauen kaum genutzt, obwohl in der Schweiz der Mischwald wächst und der Nadelholz-Anteil schrumpft. Mit einem Vorzeigeprojekt will die ETH Zürich den Rohstoff beliebt machen.

Heinz Zürcher
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Die ETH Zürich baut mit Laubholz

Die ETH Zürich baut mit Laubholz

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Auf dem Hönggerberg entsteht derzeit ein Gebäude, das es in sich hat. Der mehrgeschossige Bau ist Testobjekt, Forschungslabor und Büro in einem und enthält ganz nebenbei eine Weltneuheit. Zum ersten Mal wird eine Verbunddecke aus Buchenholz und Beton verbaut. Üblich für Konstruktionen dieser Grösse sind Decken aus Stahlbeton.

Die tragenden Bauteile bestehen weitgehend aus Eschenholz. Auch das ist selten. In der Regel wird in der Schweiz mit Nadelhölzern gebaut, Laubholz wird heute vorwiegend verbrannt. «Das ist ökologisch nicht sinnvoll», sagt Andrea Frangi, Professor für Holzbau an der ETH Zürich.

Nachhaltiger wäre, das Holz 50 bis 100 Jahre als Baumaterial zu verwenden, dann zu Faser- oder Möbelteilen zu verarbeiten und erst danach zu verbrennen. «Mit unserem Projekt wollen wir beweisen, dass man aus Laubholz mehr machen kann als nur Pellets — und das im Massstab 1:1.»

Vorzeigeprojekt: So soll das Gebäude aus Laubholz aussehen

Vorzeigeprojekt: So soll das Gebäude aus Laubholz aussehen

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Stärker, aber teurer

Dank eingebauten Sensoren kann die ETH das Tragverhalten in einem realen und belebten Gebäude über mehrere Jahre untersuchen und kleinste Verformungen, Schwingungen und Spannungen erkennen. Nach der Einweihung im Mai 2015 wollen die Forscher auch beobachten, wie sich die Nutzer in diesem revolutionären Bau fühlen. Die Ergebnisse sollen Grundlagendaten für weitere Projekte liefern.

Andrea Frangi sieht im Laubholz grosses Potenzial und sagt voraus, dass künftig acht- bis zehngeschossige Holzbauten möglich sind. «Gegenüber Nadelholz ist Laubholz schwerer, steifer und dichter und kann dadurch viel höhere Lasten tragen.»

Das sei eine wichtige Erkenntnis, wenn man bedenke, dass die Gebäude tendenziell höher würden. Angesichts dieser Perspektiven stelle das Holz aus Schweizer Wäldern eine gute Alternative zu Stahl und Stahlbeton dar.

Dass Bauherren trotz dieser Argumente nicht längst auf Laubholz umgestiegen sind, hat mehrere Gründe. «Die Holzindustrie ist auf Nadelholz ausgerichtet», sagt Frangi.

Die Herstellungsprozesse sind etabliert und optimiert. Die Verarbeitung des dichten Laubholzes ist zudem aufwendiger; es zu sägen, zu bohren, zu trocknen oder zu verkleben, ist anspruchsvoller und verschleisst mehr Maschinen. Kurz: Die Produktion ist teurer.

Der Preis ist aber nicht der einzige Grund, wieso noch nicht mit Laubholz gebaut wird. «Die Firmen wollen keine Risiken eingehen», sagt Frangi. Es brauche Erfahrung, Normen und Qualitätssicherung.

Das ETH-Projekt ist deshalb ganz im Sinne des Bundesamtes für Umwelt. Dieses hat sich mit dem Aktionsplan Holz zum Ziel gesetzt, den einheimischen Rohstoff möglichst effizient und CO2 -neutral zu verwerten. Einer der sechs Schwerpunkte ist die Verwertung von Laubholz.

Dessen Anteil in den Schweizer Wäldern ist zwar deutlich geringer als jener von Nadelholz. Doch durch den Klimawandel verändern sich die Verhältnisse. Das letzte Landesforstinventar von 2004 bis 2006 ergab, dass die Laubholzvorräte um 10,4 Prozent zunahmen, wogegen der Vorrat an Nadelholz um 2,4 Prozent sank.

Die Tendenz wird zunehmen, und darauf will der Bund die Industrie vorbereiten. Die Vorleistungen des Bundes und der ETH sollen dazu führen, dass Ingenieure und Firmen an das Laubholz glauben und dessen Mehrwert erkennen. Wie gross der Markt für das teurere Laubholz ist, wagt Andrea Frangi indes nicht vorauszusagen.