Bildband
Esther Eppstein über die Zürcher Kulturszene: Mehr als ein Familienalbum für Künstler

Esther Eppsteins Kunstraum «Message Salon» an der Langstrasse war eine Institution. Acht Jahre lang trafen dort Künstler auf Partygänger und Passanten. Nun dokumentiert ein Buch diese Zeit.

Florian Niedermann
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Mehr als ein Familienalbum der Offspace-Szene: Zwei Seiten aus dem Buch «Esther Eppstein – message salon».

Mehr als ein Familienalbum der Offspace-Szene: Zwei Seiten aus dem Buch «Esther Eppstein – message salon».

zvg/Esther Eppstein

Eigentlich beginnt alles im Jahr 1995. Die offene Drogenszene in Zürich ist aufgelöst, die Stadt rappelt sich auf und Esther Eppstein öffnet ihren ersten Salon «Monotony» am Rennweg. «Eine Stunde vor Beginn der ersten Vernissage schoss mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf: Ich brauche eine Kamera, um das alles zu dokumentieren», erinnert sich die Künstlerin und Kunstvermittlerin.

Sofort rennt sie los und besorgt sich im gegenüberliegenden Foto Ganz eine Olympus Kompaktkamera. Es ist der Anfang einer Liebschaft, die erst 2013 ihr Ende finden sollte; einer Dreierkiste zwischen Kamera, Eppstein und ihrem Salon, welche die Zürcher Kulturszene 18 Jahre lang bewegte.

Selbst ernannte «Madame» des Salons

Es ist schwer, zu erklären, welcher Kunstform diese Frau zuzuordnen ist. Ihr kürzlich veröffentlichtes Buch «Esther Eppstein – message salon», ein 688 Seiten starker Bildband, verleitet auf den ersten Blick dazu, sie in die Ecke der Fotografie zu stellen. Doch das greift zu kurz.

Eppstein schuf nach ihrem Kurzauftritt am Rennweg in einem Eckhaus an der Ankerstrasse/Zweierstrasse den ersten «Message Salon». Der Name entstand als Anlehnung an die Massage Salons des Milieus in der Nachbarschaft, aber auch an den Künstlertreffpunkt, den die amerikanische Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein 1903 in Paris gründete.

Eppstein, die selbst ernannte «Madame» des Salons, kuratierte dort fast wöchentlich wechselnde Kunstausstellungen. Sie wurde so zu einer Pionierin der Zürcher Offspace-Szene, die sich der AchtzigerBewegung verbunden fühlte und sich eigene Räume für ihre Kunst schuf, weil ihr der etablierte Kunstbetrieb widerstrebte.

Wo Passanten auf Künstler treffen

Doch der Message Salon war von Anfang an weit mehr als nur eine alternative Galerie. Er war auch Kleinkunstbühne, Theatersaal, Kino, Diskussionsplattform und Diskothek in einem. Eine Szene-Institution, die den Austausch mit Aussenstehenden nicht nur zuliess, sondern suchte.

An unzähligen Vernissagen, Filmabenden, Konzerten und Partys trafen dort Kulturschaffende auf Passanten und Partygänger. Das blieb trotz der vielen Umzüge des Salons so. Ob am Rigiplatz, in einem Wohnwagen hinter dem Restaurant Les Halles an der Pfingstweidstrasse, in Paris, Fribourg, im Appenzell, oder zuletzt im ehemaligen Textilgeschäft «Perla-Mode» an der Langstrasse: Der Message Salon wurde stets zu einem Bindeglied zwischen Kunst und Gesellschaft. Und immer mittendrin stand Esther Eppstein mit ihrer Kamera.

Fotoalben wurden zur eigenen Attraktion

Sie knipste scheinbar wahllos, wer und was auch immer ihr vor die Linse kam: Künstler beim Aufbau, Performances und Vernissagen, Partygäste und verschrobene Gestalten von der Langstrasse sind darauf zu sehen. Die Bilder editierte sie regelmässig und legte sie in kleinen Fotoalben im Salon auf. Bald wurden sie zu einer eigenen Attraktion. Oft sah man an Veranstaltungen Besucher in einer Ecke sitzen und vertieft darin blättern. 58 Alben wurden es schliesslich, bis Eppstein ihren Platz im «Perla-Mode» Ende 2013 räumte.

Das Gebäude, das sie und weitere wechselnde Partien ab 2006 zwischennutzen konnten, musste zwar erst ein Jahr später endgültig einem Wohn-Neubau mit Gastrobetrieb weichen. Doch die umtriebige Künstlerin brauchte eine Pause: «Ich war die 18 Jahre davor eigentlich Nonstop mit dem Message Salon beschäftigt und wirklich erschöpft», sagt sie.

Mehr als ein Familienalbum der Offspace-Szene: Zwei Seiten aus dem Buch «Esther Eppstein – message salon».

Mehr als ein Familienalbum der Offspace-Szene: Zwei Seiten aus dem Buch «Esther Eppstein – message salon».

Der Kanton Zürich ermöglichte es ihr mit einem Kulturstipendium, vier Monate lang in Tel Aviv Energie zu tanken und neue Inspiration zu sammeln. Doch das reichte nicht. Sie habe auch nach einem Jahr noch nicht gewusst, wie sie mit ihrer Arbeit weiterfahren sollte, sagt Eppstein: «Die Kunstszene in Zürich entwickelte sich weit weg von der Idee des Message Salons.» Ihre Generation habe sich eigene Kunst-Freiräume geschaffen, weil ihnen der etablierte Kulturbetrieb keine Plattform zugestand. Heute sähen junge Künstler Offspaces hingegen in erster Linie als Türe zum Kunstmarkt, stellt sie fest.

Der Salon wird international

Dennoch: «Madame» macht weiter. Derzeit konkretisiert sich ihr Vorhaben, einen international ausgerichteten Salon aufzubauen. Künstler aus dem Ausland sollen so eine Plattform und die Möglichkeit erhalten, sich in der hiesigen Szene zu vernetzen. Einen Vorgeschmack bot die Message Salon «Embassy» an der Grubenstrasse, wo Eppstein letztes Jahr Kunstschaffende aus Tel Aviv einquartiert hatte. Nun will sie dieses Konzept in Zusammenarbeit mit einem Hotel im Kreis 4 verstetigen.

Noch vor ihrer Abreise nach Israel begann die Künstlerin, die 58 Fotoalben aus der Zeit des Message Salon zu einem Bildband zu editieren. Entstanden ist eine monumentale Arbeit über den vielleicht prägendsten Zürcher Kultur-Freiraum seit den Nullerjahren.

Eppstein selbst bezeichnet es als ihr «Lebenswerk»: «Ich habe von Anfang an gewusst, dass meine Arbeit schwer zu fassen und kaum konservierbar ist. Deshalb bin ich damals am Rennweg losgerannt und habe mir die Kamera besorgt», sagt sie. Und so ist dieses Buch viel mehr als nur ein Familienalbum der Zürcher Offspace-Kunstszene. Es ist, Bild für Bild, eine Dokumentation einer jahrelangen Performance mit dem Titel: «Message Salon».

«Esther Eppstein – message salon»

ist beim Verlag Scheidegger & Spiess erschienen. Erworben werden kann es heute Abend auch in der Kontiki-Bar im Niederdorf: Esther Eppstein signiert ihr Werk dort auf Wunsch. Dazu steht sie auch als DJ «Sistaesta» an den Plattentellern.