Embrach
Eskalation im Asylzentrum: Rätsel um Kieferbruch nach Handgemenge

Securitas-Mitarbeiter sollen einem Asylsuchenden in Embrach den Kiefer gebrochen haben. Das Opfer verbrachte danach drei Nächte mit geringster medizinischer Versorgung in Polizeihaft.

Sharon Saameli und Astrit Abazi
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Tatort war das Bundesasylzentrum in Embrach, wo der Geschädigte bis vor wenigen Tagen lebte.

Tatort war das Bundesasylzentrum in Embrach, wo der Geschädigte bis vor wenigen Tagen lebte.

Keystone

Zeitweise eingeschränkter Ausgang, Ausweiskontrollen und Durchsuchungen der Asylsuchenden bei jedem Eintritt: Im Bundesasylzentrum (BAZ) Embrach wird Sicherheit gross geschrieben. In dem im Jahr 2017 eröffneten Zentrum leben aktuell einige Dutzend Personen, die Mehrheit wartet auf ihre Ausschaffung, weil ihre Asylgesuche entweder unter das Dublin-Abkommen fallen oder bereits abgelehnt wurden.

Die Kontrollen stossen freilich immer wieder auf Widerstand – im Januar kam es gar zu einer gröberen Gewalteskalation. Nun steht nicht nur ein Asylsuchender auf der Anklagebank, sondern auch mindestens ein Mitarbeiter der Securitas AG, welcher im Auftrag des Staatssekretariats für Migration (SEM) im BAZ tätig ist.

Im Mittelpunkt der Ereignisse steht Behzad Ghanavati-Behbahan. 31-jährig, Kurde, aus dem Iran über das als sicherer Drittstaat geltende Deutschland in die Schweiz eingereist und dementsprechend ein Dublin-Fall, wonach sich Deutschland um sein Asylgesuch zu kümmern hat. Ghanavati lebt seit Ende Oktober im Embracher Asylzentrum. Am Freitag, 17. Januar, kommt er laut eigener Aussage um 23.30 Uhr zum Zentrum zurück, eine halbe Stunde nach offizieller Türschliessung. Der Zugang zu seinem Zimmer wird ihm verwehrt, er solle im sogenannten Notschlafzimmer übernachten. Draussen macht er seiner Wut Luft: Mit Steinen zerschlägt er die Scheiben beim Zentrumseingang, darauf bringen ihn drei Securitas-Mitarbeitende zu Boden.

Es lässt sich nur schwer nachzeichnen, wie es zur Eskalation kam und was genau geschah – einer Quelle zufolge habe Ghanavati auch mit einem Stein nach dem Sicherheitsdienst werfen wollen. Fest steht aber, dass der 31-Jährige noch am selben Abend in Polizeihaft genommen wird und drei Nächte im Zürcher Kasernenareal verbringt. Eine Haftanordnung des Migrationsamtes, datiert auf den 18. Januar, liegt dieser Zeitung vor.

Erst als Ghanavati nach seiner Entlassung am Montag, 20. Januar in das BAZ Embrach zurückkehrt, wird er vom dortigen Pflegepersonal an das Spital Bülach weitergeleitet. Er gibt an, während der dreitägigen Polizeihaft unter starken Schmerzen gelitten zu haben. Als er sich in Bülach untersuchen lässt, wird sein Kieferbruch bei einer Computertomografie sichtbar.

Behzad Ghanavati wird direkt ans Universitätsspital Zürich (USZ) verwiesen und dort am 22. Januar operiert. Ärztliche Berichte aus beiden Spitälern belegen sowohl die Fraktur als auch diverse Hämatome. Handyfotos und Videos zeigen ebenfalls mehrere Verletzungen – auch an den Augen – und eine stark geschwollene linke Gesichtshälfte.

Erstmals über die Vorfälle geschrieben hat «Ajour», ein laut eigener Beschreibung selbstorganisiertes Online-Magazin aus der «anarchistischen und kommunistischen Bewegung». In den beiden publizierten Artikeln erhebt Behzad Ghanavati schwere Vorwürfe gegen das BAZ: Schikanen und Demütigungen, fremdenfeindliche Äusserungen seitens Mitarbeitenden. Am Abend der Eskalation hätten die Securitas-Mitarbeiter mit Stiefeln gegen seinen Kopf und Rumpf getreten.

Mit diesen Anklagen konfrontiert, warnt SEM-Kommunikationschef Daniel Bach jedoch, die Aussagen in den Artikeln des Magazins einfach zu übernehmen. «Aus unserer Sicht haben sich die Dinge definitiv anders zugetragen.» Sowohl die rassistischen Beleidigungen von Asylsuchenden als auch «irgendeine Form unverhältnismässigen Zwangs» werde weder vom SEM, der Asylorganisation Zürich (AOZ) noch der Securitas akzeptiert. Die Mitarbeitenden, die in den BAZ im Einsatz sind, seien entsprechend ausgebildet, mit solchen Situationen umzugehen. Bestehe dennoch der Verdacht, dass Mitarbeitende der BAZ gegen diese Richtlinien verstossen haben, werden diese intern überprüft. «Wenn es solche Vorfälle gibt, werden sie untersucht, aufgearbeitet und allenfalls auch geahndet. Dabei arbeiten SEM, AOZ und Securitas eng zusammen. Im Weiteren wird, wenn eine Situation eskaliert, immer die Polizei beigezogen», erläutert Bach. «Und es gibt selbstverständlich immer die Möglichkeit, eine Anzeige zu erstatten.»

Der besagte Securitas-Mitarbeiter arbeite derzeit nicht mehr in Embrach. Da in Bezug auf diesen Vorfall mehrere Strafanzeigen eingereicht wurden und es sich deshalb um ein laufendes Verfahren handelt, könne er inhaltlich aber nicht weiter Stellung nehmen. Auch Ghanavati hat gegen den Mitarbeiter, der ihm mutmasslich den Kiefer gebrochen hat, eine Strafanzeige eingereicht.

Was die Situation zusätzlich verkompliziert, ist die psychische Verfassung des Asylsuchenden. Mehrere psychiatrische Gutachten, die er vorweisen kann, bescheinigen ihm eine Angststörung, ADHS und Depressionen. Zwei medizinische Abklärungen vom Oktober und November 2019 – adressiert an das BAZ Juch, dem inzwischen geschlossenen Testzentrum in Zürich – zeigen, dass das SEM von Ghanavati psychischen Problemen gewusst haben müsste.

Auf Anfrage bestätigt das SEM, dass in den BAZ für die medizinische Betreuung der Asylsuchenden gesorgt ist. Auch die BAZ-Mitarbeitenden seien entsprechend vorbereitet. «Alle Bundesasylzentren verfügen über medizinisches Fachpersonal, welches regelmässig für Sprechstunden konsultiert werden kann», erklärt Daniel Bach. «Diese überweisen die Asylsuchenden bei Bedarf an eine Hausärztin oder einen Hausarzt, welche über die weitere Behandlung entscheiden.» Weil Asylsuchende während des ganzen Asylverfahrens krankenversichert sind, können sie ärztlich verordnete medizinische Leistungen in Anspruch nehmen.

Frappante Diskrepanzen in den Erzählungen

Auch wenn das SEM der Darstellung in den beiden Artikeln von «Ajour» widerspricht: Die Diskrepanzen in den Erzählungen der verschiedenen Parteien sind frappant. So bestätigt die Kantonspolizei Zürich auf Anfrage zwar, dass sie am 17. Januar zu einem Einsatz gerufen worden sei. Der Mann habe bei seiner Verhaftung aber angegeben, keine Verletzungen zu haben. «Ich habe zwar der Polizei am Anfang gesagt, dass ich nicht verletzt bin», widerspricht Behzad Ghanavati, «aber ich habe schnell gemerkt und dem Arzt in der Kaserne auch öfters gesagt, dass ich nicht beissen kann.» Selbst der Verzehr einer Banane sei zu schwierig für ihn gewesen. Gemäss seiner Erinnerung habe der Arzt ihn aber lediglich beschwichtigt und ihm Schmerzmittel und Blutverdünner verabreicht.

Laut Florian Frei, Mediensprecher der Kantonspolizei, wurde vor der Inhaftierung, wie in solchen Fällen üblich, ein Arzt beigezogen. Dieser hätte jedoch keinen Kieferbruch festgestellt. Auch bei zwei weiteren Konsultationen im Gefängnis hätten die Ärzte keinen Kieferbruch diagnostiziert. «Hätte einer der Ärzte einen Kieferbruch festgestellt, wäre der Mann in Spitalpflege gebracht worden.» Die offizielle Stellung- nahme der Kantonspolizei lässt die Frage, wann Ghanavati den Kieferbruch erlitten hat, ­jedoch offen.

Behzad Ghanavati befindet sich inzwischen nicht mehr in der Schweiz und will auch nicht zurückkehren: «Ich lebe schon einige Jahre in Europa, aber etwas wie in diesem Land habe ich noch nie erlebt.» Schwierigkeiten bereitet ihm der Kiefer bis heute. Noch am vergangenen Donnerstag erzählt Ghanavati, sei er beim Zahnarzt gewesen – eine Infektion mache eine weitere Kieferoperation notwendig.