Pneumologie

«Es wird etliche Menschen mit Folgeerkrankungen geben» – Lungenspezialist über Folgeschäden von Corona

Vor allem Menschen mit schweren Symptomen der Covid-19-Erkrankung tragen Langzeitschäden davon. (Im Bild eine Intensivstation aus Genf).

Vor allem Menschen mit schweren Symptomen der Covid-19-Erkrankung tragen Langzeitschäden davon. (Im Bild eine Intensivstation aus Genf).

Manche Covid-19-Patienten haben noch Wochen später Atemnot und Husten. Malcolm Kohler ist Direktor der Klinik für Pneumologie am Universitätsspital Zürich und versucht herauszufinden, wie es den Patienten langfristig geht.

In letzter Zeit gab es Hinweise auf mögliche Langzeitschäden der Covid-19-Erkrankung. Was muss man sich darunter vorstellen?

Malcolm Kohler: Wir erhalten zunehmend Zuweisungen von Patienten, die auch Wochen nach der akuten Covid-19-Erkrankung noch unter Atemnot und Husten leiden. Bei den meisten handelt es sich um einen sogenannten postinfektiösen Husten, was eine dem Asthma ähnliche Erkrankung ist. Bei einigen Patienten bestehen aber Zeichen einer Lungenfibrose, welche in schweren Fällen auch mit einer Hochdruckerkrankung im Lungenkreislauf einhergehen kann.

Sind die Erkrankungen alle gleich gravierend?

Nein. Die asthmaähnlichen Erkrankungen sind weniger schlimm. Wir kennen das bereits von anderen Virusinfektionen. Meist klingen die Symptome mit einer Inhalationstherapie innert einiger Wochen ab.

Wie verhält es sich mit der Fibrose und dem Lungen-Hochdruck?

Die schwerwiegendste Folgeerkrankung ist die Lungenfibrose. Kommt es in der Lunge wegen der durch das Virus ausgelösten Entzündung zu Vernarbungen, kann die Lunge den Sauerstoff weniger gut aufnehmen und Kohlensäure weniger gut abgeben. Hochdruckerkrankungen im Lungenkreislauf wiederum können entstehen, wenn die Patientinnen und Patienten eine schwere Lungenfibrose mit zu wenig Sauerstoff im Blut haben, oder sie treten als Folge der häufig bei Covid-19 beschriebenen Lungenembolien auf.

Kann man diese Krankheiten behandeln?

Bei der Lungenfibrose ist das tatsächlich schwierig. Es können Medikamente verabreicht werden, die das Immunsystem beeinflussen, um die durch das Immunsystem ausgelöste übermässige Entzündungsreaktion zu bremsen. Die Fibrose kann voranschreiten, und dann sind immer grössere Lungenareale von der Vernarbung betroffen. Bei einer schweren Fibrose brauchen die Patienten Sauerstoff. Im Extremfall kann solchen Patienten nur noch eine Lungentransplantation helfen. Die häufig bei Covid-19 beschriebenen Lungenembolien werden mit Blutverdünnern behandelt und bilden sich in den meisten Fällen innerhalb von Monaten zurück.

Reden wir von Langzeitbehandlungen?

Ja. Es kann sein, dass sich Patienten insbesondere mit Lungenfibrose lebenslang behandeln lassen müssen.

Sind das Einzelfälle?

Asthmaähnliche Symptome sind häufig. Lungenfibrosen treten selten auf.

Müssen sich auch infizierte Menschen, die keinerlei Symptome gezeigt haben, Sorgen machen?

Nein. Bis jetzt ist mir kein Fall bekannt, bei dem ein Patient ohne Symptome kurz nach Covid-19 an einer der genannten Lungenkrankheiten erkrankt wäre. Die schwerwiegenden Folgeerkrankungen treten nach einem schweren Krankheitsverlauf auf. Diese Patientinnen und Patienten waren in aller Regel hospitalisiert. Asthmaähnliche Erkrankungen haben wir auch schon bei Patienten beobachtet, die keinen schweren Covid-19-Verlauf hatten.

Wie spüren Patienten, dass eine Folgeerkrankung vorliegen könnte?

Sie leiden in der Regel an Atemnot, Husten und körperlicher Leistungseinschränkung.

Weiss man schon, was verantwortlich dafür ist, dass es zu einer Folgeerkrankung von Covid-19 kommt?

Wir gehen heute davon aus, dass es sich um eine Überreaktion des Immunsystems auf das Virus handelt. Man muss sich das so vorstellen: Das Immunsystem versucht unter allen Umständen, das Virus zu eliminieren, das führt zu einer enormen Entzündung. Ohne Reaktion des Immunsystems würde eine ungebremste Ausbreitung des Virus mit grosser Sicherheit zum Tod führen. Bei gewissen Menschen schiesst das Immunsystem aber übers Ziel hinaus. Das Phänomen ist von verschiedenen sogenannten Autoimmunerkrankungen bekannt. Beispielsweise von Rheumaerkrankungen, wo das Immunsystem Antikörper gegen körpereigene Strukturen bildet und so zu einer Entzündung führt.

Lässt sich diese Überreaktion verhindern?

Medikamente, welche das Immunsystem unterdrücken – etwa Cortison – können helfen und werden bei Autoimmunerkrankungen auch eingesetzt. Bei Covid-19 wird der Ansatz experimentell im Labor untersucht.

Man könnte den Patienten also prophylaktisch Cortison geben?

Theoretisch wäre das möglich. Man müsste dazu aber eine klinische Studie machen. Die Sache mit der übertriebenen Immunreaktion ist eine Hypothese. Dabei stütze ich mich auf folgende Beobachtung: Patienten mit Asthma oder der Lungenkrankheit COPD werden häufig mit Cortison behandelt zur Unterdrückung der immunsystembedingten Entzündung in den Bronchien. Eigentlich gelten sie als Risikopatienten für einen schweren Covid-19-Verlauf. Erstaunlicherweise scheinen sie aber eine Covid-19-Erkrankung besser zu überstehen, als Patienten mit beispielsweise kardiovaskulären Nebenerkrankungen.

Von den Kindern heisst es, sie würden wenig Symptome zeigen. Jetzt liest man von Überreaktionen und Entzündungen in verschiedenen Körperteilen. Muss einem das beunruhigen?

Tatsächlich ist es beunruhigend, dass auch bei Kindern in den USA Hinweise auf eine Gefässentzündung im Rahmen von Covid-19 gefunden wurden. Bis anhin sind wir aufgrund der Daten in der allerdings noch spärlichen Literatur davon ausgegangen, dass Kinder einen weitgehend harmlosen Verlauf der Covid-19-Erkrankung durchmachen. Solche Gefässentzündungen können, wie bei erwachsenen Patienten gezeigt worden ist, zu Thrombosen und Embolien in verschiedenen Organen führen. Folge davon sind Infarkte des versorgten Organs. Ich bin im Kontakt mit Kinderärzten und habe bis jetzt keine Kenntnis von Fällen, wie sie aus den USA geschildert werden.

Langzeitfolgen gibt es bei den Krankheiten Sars und Mers, die ebenfalls durch Coronaviren ausgelöst wurden. Was ist der Unterschied zu Covid-19?

Bei Sars und Mers sprechen wir von einigen Hundert oder Tausend Fällen. Bei Covid-19 sind es Millionen. Aktuelle Berichte lassen darauf schliessen, dass Langzeitschäden an den Lungen im Verhältnis zur Anzahl der Infizierten etwa gleich häufig wie bei Sars und Mers auftreten werden. Es wird also etliche Menschen mit Folgeerkrankungen geben.

Worauf liegt momentan das Augenmerk in der Erforschung der Langzeitschäden?

Es gibt aktuell nur sehr wenige Studien zum Langzeitverlauf der Covid-19-Erkrankung. Die Klinik für Pneumologie des Universitätsspitals Zürich nimmt aktuell eine Studie in Angriff. Man will Patientinnen und Patienten, die wegen Covid-19 hospitalisiert wurden, über einen längeren Zeitraum beobachten. Wie geht es ihnen heute? Wie haben sie sich von der Krankheit erholt? Kam es längerfristig zu Lungen- oder Gefässschäden?

Wird aus Ihrer Sicht genug unternommen, was die gesundheitlichen Langzeitschäden von Covid-19 angeht?

Die meisten Forschungsprojekte fokussieren auf die akute Phase der Krankheit. Was langfristig mit den Patienten geschieht, scheint auf den ersten Blick weniger interessant zu sein. Mit den Folgeschäden sehen sich dann vor allem auch die Hausärzte konfrontiert, weil sie die Patienten langfristig betreuen. Zudem spricht man momentan in erster Linie über die wirtschaftlichen und nicht über die gesundheitlichen Folgen der Pandemie. Aber genau davon werden etliche Leute betroffen sein.

Zu welchem Zeitpunkt hat man eine Covid-19-Erkrankung wirklich überstanden?

Es sind Verläufe bekannt, bei denen es Patienten während einer Woche besser ging, und dann bekamen sie plötzlich massive Atemnot und erkrankten schwer. Wenn jemand aber während zweier Wochen keine Symptome mehr hat, dann scheint die Infektion überstanden zu sein.

Meistgesehen

Artboard 1