Ich habe eine neue Sportart erfunden: Bahnhof-Stretching. Man nehme: ein paar Minuten Zeit morgens vor der Arbeit beim Warten auf den Zug, frische Luft, ein ruhiges Plätzchen am Perronende – und losgehen kann es. Jacke ausziehen, Arme in die Luft, Oberkörper nach rechts dehnen, dann nach links, je etwa fünfmal; danach den Kopf kreisen lassen, bis sich die Nacken- und Schultermuskeln leicht lockern. Bald darauf den Oberkörper vorbeugen und mit den Händen bei gestreckten Beinen den Boden oder zumindest die Zehenspitzen berühren. Das Programm ist beliebig ausbau- oder verkürzbar, je nachdem, wie lange es dauert, bis der Zug kommt. Und es passt perfekt in unsere auf Effizienz und Fitness getrimmte Arbeitswelt. Mit anderen Worten: Bahnhof-Stretching hat das Potenzial zum Trendsport.

Anfangs hatte ich noch Hemmungen, diesen potenziellen Trendsport auszuüben. Man könnte ja komisch angeschaut werden, wenn man morgens inmitten der Pendlerströme den Hampelmann macht. Abends nach der Arbeit in der Fitnesshalle mit den grossen Fenstern beim Bahnhof machen das ja alle, und zwar hemmungslos. Die Leute zahlen sogar Eintritt dafür. Aber so ganz allein in aller Öffentlichkeit?

Rund drei Monate nach der Lancierung des potenziellen Trendsports muss ich feststellen: Das mit den Hemmungen erwies sich als Fehlannahme. Es schaut eh keiner hin. Denn alle glotzen ständig auf ihr Smartphone, bevor sie ins Büro fahren. Und verspannen sich damit ihre Schultern noch mehr. Das Potenzial für Bahnhof-Stretching wäre wirklich da.