Zürich
Marco Cortesi geht in Pension: «Die belastenden Ereignisse sind in der Mehrheit»

Marco Cortesi, das Gesicht und die Stimme der Stadtpolizei Zürich, geht in Rente. Davor steht er noch einmal Rede und Antwort im Interview.

Christian Dietz-Saluz
Merken
Drucken
Teilen
Marco Cortesi war als langjähriger Pressesprecher der Stadtpolizei Zürich deren Aushängeschild.

Marco Cortesi war als langjähriger Pressesprecher der Stadtpolizei Zürich deren Aushängeschild.

Bild: Sabine Rock

Über 600-mal trat Marco Cortesi vor die Kameras des Schweizer Fernsehens, bei Tele Züri verging kaum eine Woche ohne Auftritt des Sprechers der Stadtpolizei Zürich. Im breitesten Bündnerdeutsch erklärte der gebürtige Engadiner fast 30 Jahre lang den Hergang von Unglücken, Unfällen und Verbrechen. Nun hat der 65-jährige Cortesi, der am rechten Zürichseeufer lebt, die Leitung des Mediendienstes der Stapo an Judith Hödl übergeben.

Sie haben 1984 die Polizeilaufbahn eingeschlagen. Könnten Sie noch auf Streife gehen?

Marco Cortesi: Nein, das nötige Wissen habe ich nicht mehr. Da ist so viel Neues dazugekommen, das Gesetz verändert sich ständig. Nur schon das Rapportwesen. Früher wurde alles von Hand und mit der Schreibmaschine geschrieben. Als Uniformpolizist durchläuft man eine ständige Ausbildung. Die fehlt mir. Darum gehe ich immer mal wieder mit auf eine Tour, um zu erleben, wie das heute abläuft.

Warum braucht es einen Polizeisprecher?

Jeder Firma ist heute klar, wie wichtig die Kommunikation ist. Mit guter Kommunikation kann man einen schlechten Einsatz besser machen, umgekehrt geht das natürlich auch. Ich kann aber aus einem schwarzen Blatt kein weisses machen, bestenfalls ein graues. Bei uns basiert alles auf Teamarbeit – und ich habe ein extrem gutes Team. Darum können wir gut informieren.

Hat das Lokal- und Regionalfernsehen Sie zu dem gemacht, was Sie heute sind – der bekannteste Polizeimediensprecher der Schweiz?

Nicht nur das Fernsehen, sondern auch die Printmedien haben mir zu dieser Bekanntheit verholfen. Das ist nicht erstaunlich, wenn es kaum einen Tag ohne Interview gibt.

Trug der Bündner Dialekt zu Ihrer Popularität bei?

Ich glaube schon, man muss authentisch sein. So bin ich halt. Auch die Wortwahl ist wichtig. Wenn ich etwas erzähle, dann rede ich so, dass mich die Leute verstehen. Es liegt mir, Kompliziertes verständlich auszudrücken. Dafür muss ich mich aber vorher selbst bei den Fachleuten schlaumachen. Bei einem grossen Baustellenunfall hiess es einmal: Den verantwortlichen Bauchef hat man nicht verstanden, Cortesi schon.

Sie gelten sogar als Prominenter: Schmeichelt Ihnen das?

Ja und nein, alles hat zwei Seiten. Ohne Helm Velo fahren oder neben dem Fussgängerstreifen über die Strasse gehen, Vordrängen an der Migros-Kasse – das kann ich mir nicht erlauben. In Oerlikon habe ich einmal, um schnell Gipfeli zu kaufen, falsch parkiert. Zurück im Büro, bekam ich einen Anpfiff vom damaligen Polizeivorsteher Robert Neukomm. Er hatte das schon erfahren. Dafür wird mir im Restaurant ohne Zutun eher ein guter Platz zugewiesen. Es gibt auch überraschende Begebenheiten. Vor ein paar Jahren bin ich auf den Piz Palü geklettert. Trotz Berghelm und dunkler Brille hat mich jemand erkannt. «Sind Sie nicht der Cortesi von der Polizei – kann ich ein Selfie mit Ihnen machen?» Das passiert halt auch (lacht).

Wie hat sich die Medienbranche in all Ihren Berufsjahren verändert?

Als ich zur Polizei kam, gab es nur einen Radiosender: Beromünster. Seither ist der Medienmarkt explodiert. Beim «Fall Tschanun» (Amoklauf im Bauamt der Stadt Zürich; Anm. d. Red.) vor 34 Jahren sind alle Reporter nach der Pressekonferenz zu den Telefonkabinen gerannt, um zu berichten. Da dachte ich: Schneller geht es nicht mehr mit den Medieninfos. Heute, im Zeitalter des Handys, ist fast alles live. Ich bin nach einer Pressekonferenz noch nicht einmal richtig im Büro zurück, da ist schon alles auf dem Sender.

Was macht einen guten Mediensprecher aus?

Glaubwürdigkeit, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und ganz wichtig: richtig vor schnell. Diese Prinzipien stehen bei mir zuoberst. Ich sage nicht immer alles, was ich weiss. Aber es stimmt alles, was ich sage. Das gibt mir eine gewisse Kompetenz. Die Nachrichtenagentur SDA hat mich eines Morgens angerufen: «Stimmt es, dass Pfarrer Sieber gestorben ist?» Ich habe es abgeklärt und nach Absprache mit dem Staatsanwalt und nach Rücksprache mit den Angehörigen bestätigt. Daraufhin haben sie gesagt, «jetzt glauben wir es» – und haben die Meldung rausgelassen.

Braucht es für diesen Job eine gewisse Extrovertiertheit?

Man muss den Job gerne machen. Dazu gehört, vor eine Kamera zu stehen. Als mir die Stelle angeboten wurde, habe ich mich gefragt, was denn ein Mediensprecher den ganzen Tag macht. Ich habe es gewagt, und je länger, desto mehr war ich überzeugt, dass es genau das Richtige ist für mich. Und ich lerne jeden Tag etwas Neues – kein Wunder bei jährlich 25'000 Anrufen.

Ihre Uniform besteht aus Anzug und Krawatte. Markenzeichen?

Ja. Good News vor dem Firmenlogo oder auch in Uniform. Bad News aber immer so neutral wie möglich, also mit Sakko und Krawatte. Ich ziehe übrigens immer das an, was mir meine Freundin hinlegt. Ich könnte mich nicht selber gut kleiden. Eines Morgens ging ich im hellen Anzug zur Arbeit. Gleich darauf musste ich zu einem Banküberfall, der sich als Amoklauf mit drei Erschossenen erwies. Da sagten mir Kollegen: «Spinnst du? Im Hochzeitsanzug zu so etwas vor die Medien treten?» Sie hatten recht. Seither ziehe ich nur noch dunkle Sachen an.

Unfälle, Unglücke, Verbrechen: Wie belastend ist es, ein Botschafter der schlechten Nachricht zu sein?

Im Polizeiberuf gibt es nicht nur negative Ereignisse. Aber die belastenden sind in der Mehrheit. Und manche belasten mich auch.

Welche Einsätze sind für Sie die bedrückendsten?

Generell tote Menschen, am schlimmsten, wenn Kinder betroffen sind. Auch wenn es hart ist, ich gehe immer an die Front, ich muss sehen und wissen, was Sache ist. Nur dann kann ich es richtig erklären. Es sind nicht die spektakulärsten Fälle, die am meisten belasten, sondern die, bei denen die Betroffenheit der Angehörigen und Zeugen tief sitzt. So tief, dass bei denen nach Jahren noch der Film vor ihren Augen abläuft, wenn sie mich wiedersehen. Das macht auch mich stark betroffen. Bei mir bleiben immer Opfer zurück. Die tragischen Geschichten vergisst man nicht.

Wie befreien Sie sich von dieser Belastung?

Wichtig ist, alles im Team zu besprechen. Sonst läuft einem die Geschichte ewig nach. Man muss Schwächen akzeptieren und dass man nicht alles beeinflussen und noch weniger steuern kann. Privat versuche ich, die Belastung in der Natur und beim Sport abzulegen.

Und was bleibt Ihnen als positives Ereignis in Erinnerung?

Berührt hat mich die Geschichte eines älteren Ehepaars, das regelmässig über den Zürichsee geschwommen ist. Die Frau geriet eines Tages in die Schraube eines Boots und wurde sehr schwer verletzt. Die Tochter des Unglücksfahrers berichtete mir, dass ihr Vater aus Gewissensbissen unbedingt die Frau im Spital besuchen wollte, um sich zu entschuldigen. Ich habe das arrangiert und bin schier aus meinen Schuhen gekippt. Sie haben sich sofort herzlich verstanden, es ergab sich sogar eine Freundschaft zwischen den beiden Familien. Das ist eine schöne Geschichte.

Sie stehen permanent in der Öffentlichkeit, aber Ihr Privatleben halten Sie bedeckt, weshalb wir dieses Interview auch nicht an Ihrem Wohnort führen. Gibt es Menschen, die Ihnen übel mitspielen wollen?

Es gibt Leute, die finden mich ganz schlimm. Ich wurde schon x-mal angegriffen – zum Beispiel von Fussball-Hooligans im Tram oder Demonstranten, die mit Eisenstangen auf mein Auto einschlugen, während ich drin sass. Darum werde ich bei heiklen Einsätzen von zwei Bodyguards begleitet. Aber die Mehrheit der Menschen mag mich offenbar.

Aber im Wohnort werden Sie ja auch erkannt. Ticken die Menschen im Dorf anders als in der Stadt?

Ich fühle mich sehr wohl in meiner Wohngemeinde am rechten Zürichseeufer. Es ist schön, wenn man merkt, willkommen zu sein, sei es im Supermarkt oder in einem Restaurant. Aber ob die Menschen hier anders ticken? Viele, die im Dorf leben, arbeiten in der Stadt. Deshalb glaube ich, dass sich das Verhalten in Zürich vermischt – aus den Menschen von ausserhalb der Stadt und denen in der Stadt. Beide Teile haben Zürich zu dem gemacht, was es heute ist.

Für wen oder was hätte es Sie gereizt, Mediensprecher zu sein?

Das Feuer für die Stadt und die Stadtpolizei ist nicht übertragbar. Bis jetzt ist das mein Arbeitsort, der mich erfüllt und begeistert hat. Aber ich kann mir vorstellen, nach meiner Pensionierung auch andere zu vertreten.

Wie?

Mit Cortesi Kommunikation – Medientraining und Krisenmanagement: Ich würde gerne mein Wissen und meine Erfahrung weitergeben.