«Das Gebäude beginnt erst richtig zu leben, wenn die Besucher kommen», sagt der Architekt Christoph Gantenbein und beginnt mit der Führung durch den Erweiterungsbau des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich.

Hinein geht es in den Rohbau, durch verwinkelte, hohe Räume, entlang schräger Betonwände. Noch sind diese nackt und die Räume leer, und tatsächlich bringen die Stimmen der Besucher Leben ins Gebäude. Die Besucher müssen Bauhelme tragen, denn fertig ist erst der Rohbau. Und im zweiten Stock, dort, wo schliesslich eine lange, geschlossene Betonbrücke das Bild des Museums neu prägen wird, blickt man in den Himmel anstatt ans Dach.

Ausstellungen ab Sommer 2016

Doch vorstellen kann man sich schon, wie hier ab Sommer 2016 Ausstellungen stehen, Vernissagen stattfinden, Geschichte und Gegenwart vermittelt werden. «Das wird richtig, richtig gut!», sagt die 70-jährige Christiane Marro, als sie vom Rundgang zurückkommt. Einen Blick erhaschen in den imposanten neuen Betonbau – das lässt sie sich wie viele andere Zürcher an diesem Samstag nicht entgehen. Das Landesmuseum hatte zum «Tag der offenen Baustelle» eingeladen; auf dem Rundgang erfährt man viel über die Geschichte des Landesmuseums, der Eintritt ist gratis und auf dem Vorplatz gibt es Getränke und Essen.

Die kostenlosen Führungen waren schnell ausgebucht. Die Rückmeldungen nach den Rundgängen sind positiv: «Ich freue mich richtig darauf, wenn es dann fertig ist», sagt Karin Sutton, die mit ihrem Partner und den Kindern gekommen ist. Den Kindern hätten natürlich vor allem die Baumaschinen und das Hallen in den leeren Räumen gefallen. Sie selbst sei sehr angetan von «all den modernen, kantigen Formen und dem Beton».

Vorfreude auf den Bauschluss

Ein Rentner aus Zürich pflichtet bei: «Die Verbindung von Alt und Neu ist gelungen. Ich freue mich darauf, das Ganze dann in seinem Endzustand zu sehen.» Die geschlossene Brücke aus Beton – das zentrale Element des Baus – werde dann ein schöne Verbindung zwischen dem Museum und dem dahinterliegenden Platzspitzpark herstellen.

So gross die Zustimmung bei den Besuchern am Samstag ist, so beschwerlich war der Weg zum Neubau: Das 2002 von einer Fachjury ausgewählte Projekt der jungen Schweizer Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein war umstritten. Der imposante Neubau, so wurde befürchtet, zerstöre das Bild des angrenzenden Platzspitzparks. Baubewilligung und Finanzierung haben dann bis hinauf zum Bundesgericht beschäftigt, Referenden wurden ergriffen, Abstimmungen mussten gewonnen werden. Als das Zürcher Stimmvolk im Februar 2011 mit 62,3 Prozent deutlich dem kantonalen Beitrag von 20 Millionen zustimmte, stand dem Neubau jedoch nichts mehr im Wege.

Seit zweieinhalb Jahren wird nun gebaut, zwei weitere folgen. 2200 Quadratmeter Ausstellungsfläche mehr wird das Landesmuseum dann haben, 111 Millionen Franken beträgt der Kredit dafür. 76 Millionen trägt der Bund bei, 20 Millionen der Kanton Zürich, 10 Millionen die Stadt Zürich und 5 Millionen private Gönner.

«Die Öffentlichkeit finanziert den Bau, deshalb sollen die Bürger auch sehen können, was hier entsteht», sagt der Direktor des Landesmuseums, Andreas Spillmann. Der Neubau ist für ihn eine «sehr überzeugende Verbindung von Alt und Neu». Der verwinkelte, schlossähnliche Altbau, Ende des 19. Jahrhunderts vom Zürcher Stadtbaumeister Gustav Gull entworfen, und der moderne Neubau ergänzten sich gut. So werde zum Beispiel das Dach die Formen des Altbaus übernehmen und diese neu erfinden.

Mit dem Neubau und seinen neutralen, multifunktionalen Räumen habe man nun mehr Handlungs- und Gestaltungsspielraum, sagt Spillmann. Im hochgebauten Auditorium im Erdgeschoss können Vernissagen und andere Veranstaltungen durchgeführt werden, ein Geschoss weiter oben entsteht eine öffentliche Studienbibliothek mit grosser Fensterfront und Ausblick auf die Limmat. Ebenfalls neu hinzu kommen ein Restaurant und ein Bistro, und neu wird auch der Eingang ins Landesmuseum: Er wird sich weiter vorne im ehemaligen Flügel der Kunstgewerbeschule befinden und Alt- und Neubau verbinden. Der Kunstgewerbeschulflügel wird saniert und gehört ebenfalls zum Neubauprojekt. Fertig ist die Bautätigkeit damit noch nicht: Der Altbau wird ab nächstem Jahr ebenfalls saniert. Gesamthaft in neuem Glanz erscheinen wird das Landesmuseum schliesslich im Jahr 2020.