Kurz vor Jahreswechsel hat die «Süddeutsche Zeitung» Philipp W. einen Besuch in Bassersdorf abgestattet. W. war nicht zu Hause, zumindest öffnete niemand die Tür. Es handle sich um eine «neuere Wohnanlage, moderner Stil», schreibt die Zeitung. Aber weit und breit stehe kein Firmengebäude. Dass der Reporter dies für erwähnenswert hielt und dass er überhaupt den Weg hierher fand, liegt an The Archive AG. Die Firma war zu jenem Zeitpunkt an der Bassersdorfer Adresse gemeldet und hatte gemäss Handelsregister den Deutschen W. als Direktor. Und sie hat die bis anhin grösste Abmahnwelle Deutschlands ausgelöst.

Im Auftrag der Archive AG verschickte die Regensburger Kanzlei U+C vergangenen Dezember Zehntausende Abmahnungen an Kunden der Deutschen Telekom. Der Vorwurf: Sie hätten sich auf der Plattform Redtube urheberrechtlich geschützte Pornofilme wie «Amanda’s Secrets», «Hot Stories» oder «Glamour Show Girls» angesehen. Weil die Rechte daran der Archive AG gehören würden, müsse jeder Empfänger 250 Euro bezahlen.

An der Rechtmässigkeit des Vorhabens sind inzwischen zahlreiche Zweifel aufgekommen. Da wäre etwa der Verdacht, die Schweizer Firma und ihre Anwälte könnten das Landgericht Köln mit falschen Angaben hinters Licht geführt haben, um an die Daten der Redtube-Nutzer zu gelangen. Oder die Recherche der «Welt am Sonntag», wonach The Archive AG jene Filmrechte, die sie als verletzt erklärt, womöglich gar nicht besitzt.

Der Anwalt Johannes von Rüden, der abgemahnte Opfer vertritt, geht sogar davon aus, dass die Firma die Filme selbst in Netzwerke gestellt hat, um alle abzumahnen, die sich diese ansehen. Dabei ist noch nicht einmal die Frage endgültig geklärt, ob das Streaming in Deutschland überhaupt abgemahnt werden kann. Denn anders als bei Downloads ist nicht das Anlegen einer Kopie das Ziel, sondern das blosse direkte Betrachten eines Mediums.

Erpressung und Betrug

Mehrere Anwaltskanzleien haben Strafanzeigen gegen die Abmahner gestellt. Die Vorwürfe sind vielfältig: besonders schwerer Fall von Betrug, schwere Erpressung, Verstoss gegen das Datenschutzgesetz, Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung ... Es ermitteln die Staatsanwaltschaften in Köln, Hamburg und Berlin. In Bassersdorf blieb es währenddessen hingegen verdächtig ruhig. Bloss einmal meldete sich The Archive AG öffentlich zu Wort: Am 22. Dezember berichtete Verwaltungsratsmitglied Ralf R. im Namen der Firma von einer «Vielzahl von falschen Spekulationen».

Aus Schweizer Sicht interessiert vor allem, wie die Archive AG an die IP-Adressen gelangt ist. Das Bundesgericht entschied sich 2010 gegen eine private Firma, die IP-Adressen ausforschte. Nach eigener Aussage will The Archive AG die IP-Adressen von einer in den USA angesiedelten Firma namens itGuards erhalten haben. Recherchen des deutschen Bloggers Klemens Kowalski lassen aber vermuten, dass hinter beiden Firmen die gleichen Verantwortlichen stehen.

Behörden schauen zu

Trotz der Verdachtsmomente schauen die hiesigen Behörden bisher bloss zu. «Sobald Schweizerisches Strafrecht anwendbar ist, sind die Behörden grundsätzlich zuständig», sagt der auf Internet- und Urheberrecht spezialisierte Zürcher Rechtsanwalt Gregor Wild. Für das Zivilrecht gelte aber der Grundsatz: Wo kein Kläger, da kein Richter. «Ähnlich verhält es sich bei Delikten, die nur auf Antrag des Verletzten strafbar sind. Bei diesen werden die Strafverfolgungsbehörden erst tätig, wenn ein solcher Antrag vorliegt.» Doch der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland liegen zum «Fall Redtube» bisher weder Strafanträge noch Anzeigen vor. Auch ein Rechtshilfegesuch aus Deutschland sei bisher keines eingegangen, heisst es von der zuständigen Staatsanwaltschaft I. Beim Bundesamt für Polizei fedpol weiss man von keinen Schweizer Betroffenen im «Fall Redtube».

Bekannt ist lediglich, dass Trittbrettfahrer aufgetaucht sind: Per Mail senden sie ihre Abmahnungen auch an Schweizer Haushalte und geben sich darin als die Kanzlei U+C aus. Die echten Abmahnungen erfolgten auf dem Postweg.

Während die deutschen Behörden ermitteln, sind die Akteure aus der Schweiz offenbar untergetaucht. The Archive AG ist für Fragen nicht zu erreichen, die Webseite ist verschwunden, ebenso jene der itGuards. Der Firmenmitbegründer und bisherige Direktor Philipp W. ist gar aus der Aktiengesellschaft ausgetreten und will sich offenbar aus der Schusslinie ziehen.

Firma bleibt in der Region

Dafür ist die Firma laut einem Eintrag im Handelsregister jüngst nach Weisslingen umgezogen. Dort wohnt mit dem beninischen Staatsangehörigen N. D. nämlich der neue Firmendirektor. Gemäss der «Handelszeitung» ist der Westafrikaner in der Schweizer Finanzszene «kein Unbekannter». Mit dem Austritt von Philipp W. habe die Firma ihr Domizil verloren und einen raschen Ersatz gebraucht, vermutet die Zeitung – sie wäre sonst eher früher als später zwangsläufig liquidiert worden, da sie gegen die Handelsregisterverordnung verstossen hätte. Der 35-jährige Nounagnon D. arbeitet laut Medienberichten als Call Agent und will keine Stellung nehmen. Er gilt als Strohmann.