Samstagsinterview
Eric Bergkraut: «Die Beiz ist wie eine Bühne»

Der Zürcher Filmer über Beizen, Trendbars und ein Gegenmodell zum Tod.

Matthias Scharrer
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Eric Bergkraut im Restaurant Transit, einem der Schauplätze seines neuen Films «Service inbegriffe».

Eric Bergkraut im Restaurant Transit, einem der Schauplätze seines neuen Films «Service inbegriffe».

Jiri Reiner

Einfache Holztische mit Papiersets, ein Mittagsmenü mit und eines ohne Fleisch sowie Tagessuppe, ein herzliches Wirtepaar: Das «Transit» in Zürich Altstetten stellt eine Oase der schlichten Gastlichkeit dar.

Und das an einem Ort, wo man so eine Beiz nicht gerade erwarten würde: Die Baracke, in der das Restaurant untergebracht ist, steht im Niemandsland hinter den Gleisen, gleich neben Strichplatz und Containersiedlungen für Asylsuchende und Künstler. Züge rattern vorbei. Im Hintergrund rauscht die Autobahn.

Der Zürcher Regisseur Eric Bergkraut hat hier und in vier anderen Schweizer Gasthäusern seinen neuen Film «Service inbegriffe» gedreht. Wir treffen uns in der Beiz zum Gespräch über Beizen. Bergkraut bestellt einen grossen Teller Brokkolisuppe und Mineralwasser.

Herr Bergkraut, was macht eine gute Beiz aus?

Sie ist wie ein zweites Zuhause und sehr stark von den Wirtefiguren geprägt.

Wie sind Sie darauf gekommen, Beizen zum Thema ihres neuen Films zu machen?

Ich gehe gern in Beizen, oft auch mit einem Buch. Es gibt dieses Wort von Peter Bichsel: «Allein und doch unter Menschen.» (Die Wirtin bringt das Essen.) En Guete!

Im Film porträtieren Sie einfache Beizen, einen Restaurant-Typus, der am Verschwinden ist. War das auch ein Auslöser für diesen Film?

Wir leben in einer Zeit, in der alles ökonomisiert ist, in allen Bereichen, auch in Beizen. Man fragt sich manchmal, was das am Schluss bringt. Alles muss sich rechnen. In einer Beiz wird der Umsatz pro Quadratmeter berechnet. Ich finde das schrecklich, weil dabei etwas auf der Strecke bleibt, was wir alle suchen.

Was?

Der Austausch, das Nicht-Berechnende, der Raum für den Zufall, die kleinen Zwischenräume, die das Leben ausmachen. Auch die Beiz, in der wir jetzt sitzen, muss sehr genau rechnen. Aber ich habe das Gefühl, die Beizer sind hier nicht in erster Linie, weil sie ein neues Gastrokonzept entdeckt und einen Businessplan dazu entwickelt haben, sondern weil Leidenschaft dahinter steckt.

Wie kamen Sie gerade aufs «Transit»?

«Service inbegriffe»

Fünf Beizen in Zürich, im Neuenburger Jura, im Appenzellerland und im Tessin sind zugleich Schauplatz und Gegenstand von Eric Bergkrauts neuem Film «Service inbegriffe». Der 57-jährige Zürcher porträtiert darin das Restaurant und das Beizertum als Lebensform. Mit seinen ruhigen, alltagsnahen Bildern und Geschichten ist Bergkraut ein Dokumentarfilm gelungen, den man durchaus auch als Heimatfilm sehen kann, wenn Heimat dort ist, wo Menschen einander zuhören. «Service inbegriffe» läuft ab 20. November im Kino Stüssihof in Zürich. (mts)

Das hat einen biografischen Grund. Ich habe mein Atelier in einem Industriebau im Zürcher Binz-Quartier. Die heutigen «Transit»-Beizer wirteten damals dort in einem alten Eisenbahnwagen. Aber das ist nur der eine Grund. Der andere: Die Wüste Altstetten blüht! Hier mischen sich Künstler und Bahnangestellte. Ich nehme an, in zehn Jahren wird Altstetten ein Trendquartier sein. Diese Entwicklung gibt es in vielen Städten: Quartiere leben erst von Industriebauten, dann kommen Künstler, die Mieten gehen rauf, das Quartier wird allmählich chic. Und dann ziehen die Leute, die wirklich etwas Neues machen, wieder weiter. Deshalb ist es kein Wunder, dass hier zwischen den Gleisen und einer Asylcontainersiedlung so eine Beiz entstand.

Wollen Sie mit Ihrem Film diesen Moment festhalten, bevor er vorbei ist?

Ich bin nicht so kulturpessimistisch. Es gibt in Zürich eine Reihe von illegalen Beizen junger Leute, viele Sachen, die immer wieder neu entstehen. Das wollte ich zeigen: Es gibt nicht nur die «Mutter der Nation», wie die Beizerin der «Hundwiler Höhe» im Appenzellerland genannt wird, sondern auch junge Leute, die so etwas machen. Ich hoffe nicht, dass der Film eine nostalgische Referenz an etwas ist, das bald verschwindet. Eher verstehe ich ihn als Film über ewige Werte.

Welche ewigen Werte meinen Sie damit?

Die Fähigkeit, mit Leuten zu reden und ihnen zuzuhören, ohne dass es ein billiger Trick wäre. Die Bereitschaft, etwas zu teilen.

Sie bringen im Film diesen schönen Satz: «Hier, wo es noch Lücken gibt in den Zonenplänen, wo niemand ernsthaft glaubt, ein Geschäft machen zu können, hat sich Gastlichkeit eingeschlichen. Am Rand, mitten in der Stadt.» Wird Gastlichkeit an die Ränder gedrängt?

Ich glaube, die erwähnte totale Ökonomisierung steht mit der Gastlichkeit im Clinch. Wenn man keine Zeit zum Reden hat geht die Gastlichkeit flöten.

Sie haben auch in einer Beiz im Hauptbahnhof Zürich gedreht, also mitten im Zentrum. Warum?

Obwohl der Chef de Service dort einen super Job macht, ist es eine Beiz, die von den Gästen geprägt wird, nicht von den Wirten. Aber eigentlich ist es trotzdem noch ein letzter Ableger vom guten alten Bahnhofsbuffet, wo sich Leute aus allen sozialen Schichten treffen und man nicht nur unter seinesgleichen ist.

Sind Sie bei der Arbeit an Ihrem Beizenfilm zu neuen Erkenntnissen gelangt? Gab es Aha-Erlebnisse?

(Er lacht.) Ja: was für eine konservative Seite ich in mir habe! Ich bin nicht politisch konservativ. Aber ich habe diesen Werte-Konservativismus in mir, Stichwort «ewige Werte».

Ausser in Zürich spielt «Service inbegriffe» in ländlichen Regionen. Weshalb?

Provinz hat mich fasziniert, auch die Frage, ob es überhaupt Provinz gibt. Die Schweiz ist ein vielfältiges Land. Sie hat derart verschiedene Kulturen vom Umgang miteinander. In Fleurier im Val de Travers begrüsst die Wirtin alle Gäste mit Küsschen. In Biasca ist die Beiz fast ein Reduit, ein Bunker gegen die Modernisierung. Ich will das gar nicht idealisieren. Auch auch das kann eine Beiz sein.

Und was haben Sie in Zürich für eine Kultur des Umgangs miteinander festgestellt?

Das «Transit» ist ein Ort, der auch die Wunden der Gesellschaft zeigt: Asylbewerber, Prostituierte ... Ein spannender Ort, der sehr schnell trendy werden kann, wenn er zum Beispiel von all den Kunststudenten entdeckt wird, die jetzt im Toni-Areal sind.

Sind Trendlokale per se ungastlich?

Nein, das ist jetzt sehr zugespitzt. Ich habe nichts gegen eine schicke Bar. Dafür habe ich die Theatralik des Lebens zu gern. Aber hier hat mich eine gewisse Unzerstörbarkeit einer Haltung interessiert; Leute, die nicht im Trend funktionieren.

Geht es Ihnen um die Beiz als Lebensform?

Ja, eigentlich schon. Das war mir aber nicht bewusst. Ich hätte auch einen Film über ein Schwimmbad oder an einer Strassenkreuzung machen können. Für mich ist die Sensation des Gewöhnlichen, des Unspektakulären die grosse Herausforderung. Die Beiz ist wie eine Bühne.

Was macht das Unspektakuläre sensationell?

Jeder hat eine spannende Geschichte. Das finde ich auch an Beizen spannend, all die Menschen mit ihren Geschichten. Eigentlich ist eine Beiz das Gegenmodell zum Tod. Es gibt immer den nächsten Morgen. Dann wird gewischt, und die Beiz geht wieder auf.

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