Zürich
Er war Eisenbahner, Banker, Politiker und ETH-Mitgründer – und ein meisterhafter Mischler

Der Unternehmer und Staatsmann zeigt in seinen Briefen sein wahres Gesicht. Von der Wahl in den Regierungsrat bis kurz vor seinem Tod, hielt er seine Gedanken fest.

Matthias Scharrer
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Alfred Escher blickt als Denkmal noch heute vom Hauptbahnhof aus Richtung Bahnhofstrasse.

Alfred Escher blickt als Denkmal noch heute vom Hauptbahnhof aus Richtung Bahnhofstrasse.

Matthias Scharrer

Da steht Alfred Escher, der vor 200 Jahren am 20. Februar 1819 geboren wurde: ein Monument von einem Mann. Schon sieben Jahre nach seinem Tod wurde ihm vor dem Hauptbahnhof Zürich das grosse Denkmal errichtet. Noch heute zeigt es: Escher war eine grosse Persönlichkeit. Doch wie war der Eisenbahner, Banker, Politiker und ETH-Mitgründer persönlich? Seine Briefe, die in der Edition des Historikers Joseph Jung online zugänglich sind, geben Einblicke.

Schon mit 29 Jahren wurde Escher 1848 Zürcher Regierungsrat. Über seine Stimmung gibt ein Brief Auskunft, den er knapp einen Monat nach seiner Wahl schrieb: «Je seltener mir Anerkennung von Seite meiner Mitbürger im engern Sinne des Wortes zu Theil wird, desto mehr Werth muss es für mich haben, wenn einzelne derselben, welche mit mir über den engen Gesichtskreis des Pfahlbürgers sich zu erheben wissen, wenigstens meinem guten Willen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Seien Sie überzeugt, dass fort & fort alle meine Kräfte dem politischen Systeme, zu dem ich mich in dem für dasselbe äusserlich ungünstigsten Augenblicke zu bekennen begann, gewidmet sein werden», heisst es da in verschnörkelten Sätzen.

Der engagierte Politiker, der sich über den «engen Gesichtskreis» anderer erhebt: An Selbstbewusstsein mangelte es dem Jung-Regierungsrat keineswegs. Gleichzeitig sehnte er sich nach Anerkennung. Und blickte zurück auf turbulente Zeiten: Noch im Jahr vor seiner Wahl hatten sich die radikal-liberalen und die konservativen Kantone einen Bürgerkrieg mit 99 Toten geliefert.

1848, im Jahr der Gründung des Bundesstaats Schweiz, wurde Escher auch Nationalrat, was er bis zu seinem Tod 1882 blieb. Es begann eine neue Ära – politisch und wirtschaftlich. Escher, der seit 1853 der neugegründeten Nordostbahn vorstand, prägte diese Zeit.

Über sein neues Leben als Nationalrat und Eisenbahn-Unternehmer schrieb er 1853 aus Bern seinem Freund und politischen Weggefährten Franz Hagenbuch in Zürich: «Meine Zeit ist ungemein in Anspruch genommen. Die Sitzungen des Nationalrathes sind das wenigste. Die Commissionalarbeiten & die Eisenbahngeschäfte, denen ich mich auch hier nicht entziehen kann, beschäftigen mich ganz besonders.»

Und weiter: «Ich habe bis anhin nichts von dem Eintreffen der erneuerten Zürcherschen Conzession an die Nordostbahngesellschaft für Zürich–Dietikon sowie der Uster-Conzession bei dem Bundesrathe Behufs Einholung der Bundesgenehmigung gehört.» Es ging um die 1847 eröffnete Spanisch-Brötli-Bahn zwischen Zürich und Baden und die geplante Eisenbahnlinie durchs Glattal. Und es ging vorwärts. Am Ende des Briefes fügte Escher nachträglich an: «Herr Bundespräsident Näff sagt mir so eben, es seien die beiden fraglichen Conzessionen eingetroffen.»

Der Chefbähnler kümmerte sich auch um kleinere Bahnhöfe persönlich. So schrieb Escher 1862 an Hagenbuch: «Unter Bezugnahme auf unsere Unterredung am Pfingstmontage schlage ich dir vor, Morgen (Freitag) Abend mit dem Zuge 17 (4 Uhr 54 Min.) nach Schlieren zu fahren & von dort aus die für die Haltstelle Schlieren an der Luzernerlinie in Betracht kommenden Localitäten in Augenscheines zu nehmen. Für einen Wagen zur Rückfahrt würde ich besorgt sein. Ich hoffe, dass wir Euch gleichzeitig auch in Betreff der Localisirung der für Bonstetten, Wettsweil & Stallikon dienenden Station Vorlagen werden machen können.»

Auch bei der 1855 erfolgten Gründung des Polytechnikums, später ETH genannt, mischte Escher im Vorfeld mit. Er machte sich für den Standort Zürich stark: «Ich habe die Überzeugung, dass nun in Zürich mit Hochschule, polytechnischer Schule & Cantonsschule etwas sehr bedeutendes & durch & durch harmonisches gemacht werden kann. Und noch einmal, ich habe den Glauben an noch weiterern Fortschritt für die Zukunft nicht verloren!», schrieb Escher 1854.

Die Interessen des Eisenbahnunternehmers, Politikers und ETH-Gründers gingen Hand in Hand. So wurde der technische Leiter der Nordostbahn, Johannes Wild, einer der ersten Professoren am Polytechnikum. 1856 schickte Nordostbahn-Präsident Escher dem «Herrn Ingenieur Wild Professor am Polytechnikum» eine Einladung zur Eröffnung der Bahnlinie Bodensee-Zürich: «Die Direktion ersucht Sie ergebenst die Festlichkeit durch Ihre Gegenwart beehren zu wollen.»

Das System Escher

Im gleichen Jahr gründete er mit der Schweizerischen Kreditanstalt (heute Credit Suisse) jene Grossbank, die das System Escher komplettierte: Sie sollte helfen, das für den Eisenbahnbau nötige Geld aufzutreiben. Escher vereinte in seiner Person nun wirtschaftliche und politische Interessen, koordinierte diese am Polytechnikum mit der Wissenschaft – und wollte damit zugleich dem Fortschritt der Schweiz dienen.

Regierungsrat war er ab 1855 nicht mehr. Doch er hatte weiterhin beste Kontakte zur Regierung – und nutzte sie. Dies belegt ein Brief aus der Gründungsphase der Kreditanstalt. Adressiert ist er an den «lieben Freund» Jakob Dubs, der damals Regierungsrat, Ständerat und «Landbote»-Redaktor war.

Escher zeigte sich darin als meisterhafter Mischler: «Indem ich dir die beiliegende nachträgliche Eingabe des Comite’s der Creditanstalt zu Handen der Regierung übermittle, bemerke ich, dass die Handelskammer, wie ich höre, heute Nachmittag zur Verhandlung über die Statuten der Creditanstalt zusammen kömmt. Es dürfte daher sehr angemessen sein, wenn Du die nachträgliche Eingabe der Handelskammer so rechtzeitig zu überweisen die Güte hättest, dass sie ihr heute Nachmittag vorliegen würde.»

Ab den 1860er-Jahren erwuchs dem System Escher, einem Vorläufer dessen, was gut ein Jahrhundert später als «freisinniger Filz» in Verruf kommen sollte, starke Opposition. Die Demokratische Bewegung stürzte bei den Wahlen 1868 die Vorherrschaft der Radikalliberalen im Kanton Zürich. Escher hatte deren Macht wie kein Zweiter verkörpert. Nun musste er vermehrt Rücksicht auf andere politische Kräfte nehmen, um seine Projekte voranzubringen.

Davon zeugt ein Brief, mit dem er 1878 seinen Rücktritt als Präsident der Gotthardbahn-Gesellschaft einleitete. Adressiert war er an Karl Karrer-Burger, Berner Nationalrat und Vizepräsident der Gotthardbahn, die Escher als letztes seiner Grossprojekte aufgegleist hatte.

Das Entlassungsgesuch

Der gesundheitlich angeschlagene Escher schrieb: «Es wurde mir nun aber gesagt, dass eine Fraktion der Bundesversammlung, deren man bedürfe, um eine Mehrheit in den Räthen für die Gotthardbahn zu erhalten, als Preis für ihre Stimmgabe zu Gunsten dieser Bahn meinen Austritt aus der Direktion verlange. Man hat mir ferner mitgetheilt, dass so viel als alle Berner, die Grosszahl der Zürcher Demokraten u. s. f. diesen Standpunkt einnehmen.»

Und jetzt kommts: «Angesichts einer so gearteten Situation glaubte ich es der Sache, welche ich in dieser grossen vaterländischen Angelegenheit von jeher allein im Auge hatte, geradezu schuldig zu sein, den Verwaltungsrath zu bitten, mein Gesuch um gänzliche Entlassung aus der Direktion schon vor der bevorstehenden, für die Entscheidung der Gotthardfrage bestimmten Session der Bundesversammlung, also sofort, im entsprechenden Sinne erledigen zu wollen.»

Das System Escher war am Ende. Doch seine Resultate wirken bis heute nach. Das letzte Wort über Alfred Escher sei an dieser Stelle seinem Freund Oswald Heer überlassen. Der Glarner Naturforscher, Politiker und Professor am Polytechnikum hatte Alfred als 13-jährigen kennengelernt, weil er als Student im Escherschen Elternhaus Belvoir unterkam.

1882, zu Beginn von dessen Todesjahr, schrieb er an Alfred Escher: «Ich bin glücklich, dass ich Zeuge sein konnte, wie aus dem Knaben der mir heute vor 50 Jahren zum ersten Mal die Hand schüttelte, ein Mann geworden, der an der Neugestaltung unseres Vaterlandes den wesentlichsten Antheil genommen hat u. dessen Namen mit Allem was in demselben seit einem Menschenalter Grosses u. Wichtiges in öffentlichen Werken auf geistigem u. materiellen Gebiete geschah, für alle Zeiten verknüpft ist.»