Er sprach Winston Churchill persönlich seinen Dank für den Sieg über Nazi-Deutschland aus – und kochte für Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler dessen Leibspeise. Während dreier Jahre hat Alex Werthmüller mithilfe seiner Enkelin Sarah Scarnato seine Biografie geschrieben. Das Buch erscheint Ende August. Der 93-Jährige blickt darin auf ein langes Leben voller unverhoffter Wendungen zurück. Als Koch arbeitete er in grossen Schweizer Hotels. Zuletzt leitete er bis zu seiner Pensionierung die Küchencrew des Zürcher Triemlispitals. «Es war ein verrücktes Leben», sagt er einmal während unseres zweieinhalbstündigen Gesprächs in seiner Alterswohnung in Adliswil – und kommt auf seine Lehrzeit zu sprechen.

Sie begann 1938 im Zürcher City-Hotel, vis-à-vis vom Jelmoli-Gebäude an der Bahnhofstrasse. «Es war schwer. Als die Kriegszeit kam, stand ich als Stift oft allein in der Küche», sagt Werthmüller. Und fährt fort: «Nur der Entremetier und ich waren für die Alliierten. Alle anderen waren für die Deutschen. Der Chef war ein Nazi. Der Koch ging zur Waffen-SS.» Eindringlich schildert der 93-Jährige die Stimmung in Zürich, wie er sie während des Krieges erlebte: «Ich ging täglich heim zum Schlafen. Wir hatten solche Angst, jede Minute konnte es knallen. Überall waren Maschinengewehre und

Gstaad im Winter 1944/45 und als Dreijähriger 1925.

Gstaad im Winter 1944/45 und als Dreijähriger 1925.

Stacheldraht.»

Nach der Rekrutenschule rückte Werthmüller zum Aktivdienst ein. Er kam zur Fliegerabwehr. Musste den Schweizer Luftraum verteidigen. Schüsse auf amerikanische Mosquito-Holzflugzeuge waren dabei laut Werthmüller keine Seltenheit. Auch er habe eines abgeschossen. «Zum Glück kam der Pilot mit dem Fallschirm runter», erinnert er sich. Die amerikanische Flugzeugbesatzung habe jeweils gestaunt, dass gleich hinter dem «Bächlein» Deutschland begann. Das «Bächlein» war der Rhein. Werthmüller war beim Kraftwerk Rheinsfelden stationiert und erlebte dort das Kriegsende.

Seinen Dank an die siegreichen Alliierten konnte er wenig später einem der Hauptakteure persönlich überbringen: Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill besuchte 1946 Zürich, um dort seine berühmte Rede zu halten, die mit den Worten «Let europe arise» endete. Werthmüller erspähte ihn in einem Modegeschäft an der Bahnhofstrasse, verneigte sich vor ihm und sprach, «mit weinerlicher Stimme», wie er beim Nachspielen der Szene in seiner Adliswiler Alterswohnung erklärt, dem Ex-Premier aus nächster Nähe sein «Thank you, Mister Churchill» aus.

Alex Werthmüller (3. v. r., stehend) als Mitglied der Küchencrew im Hotel Palace,

Alex Werthmüller (3. v. r., stehend) als Mitglied der Küchencrew im Hotel Palace,

«Dutti liebte Apfel-Omeletten»

Ein Jahr später traf Hotel-Koch Werthmüller auf einen anderen prominenten Zeitgenossen: Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Werthmüller arbeitete damals in der Küche des «Metropol» in Bern. Eines Tages kam der Chef auf ihn zu: «Dutti wünscht Apfel-Omelette.» Werthmüller bereitete das gewünschte Gericht für Duttweiler zu, der damals LdU-Nationalrat war. Von da an sei «Dutti» während der Parlaments-Session praktisch jeden Tag ins «Metropol» gekommen, um Apfel-Omelette zu essen. Persönlichen Kontakt hatte Werthmüller nicht zu ihm. Nur so viel: «Er liebte einfach meine Apfel-Omeletten.»

Einsatz für die «kleinen Leute»

Werthmüller erzählt Anekdote um Anekdote aus seinem langen Leben, sowohl im Gespräch als auch in seinem Buch. Viele der Geschichten des Trämlersohns drehen sich um seinen Einsatz für die sogenannten kleinen Leute. So setzte Werthmüller während seiner Zeit als Küchenchef im Zürcher Stadtspital Triemli durch, dass auch das Küchenpersonal zusammen mit den Büroleuten, Ärzten und Krankenschwestern im Personalrestaurant essen durfte. Auch der «grosse Unbekannte», ein Synonym für Gott, kommt in den Erzählungen des gläubigen Christen immer wieder vor. Und die Frauen, in die er sich verliebte – allen voran seine 2007 verstorbene Ehefrau Elisabeth.

«Mein Buch handelt von der Liebe», sagt Werthmüller. Er habe es aus Dankbarkeit gegenüber dem «grossen Unbekannten» geschrieben: «Dank ihm fand ich immer wieder einen Ort, wo ich meine Sorgen klagen konnte und wieder gestärkt wurde.» Und noch ein Leitmotiv gibt der 93-Jährige am Ende unseres Gesprächs beim Mittagessen im Restaurant der Alterswohnsiedlung weiter. Eines, das ihm einst seine Mutter mit auf den Weg gab: «Sei nett zu den Leuten. Dann kommst Du gut durchs Leben.» Eine einfache Botschaft. Doch aus dem Mund eines Mannes, der nach fast einem Jahrhundert auf ein erfülltes Leben zurückblickt, klingt sie einfach weise.