Studie
Entgegen der Logik: Je schlechter die Sicht, umso schneller wird gefahren

Die Universität St. Gallen führte in Zusammenarbeit mit der Universität Bern, dem Max-Planck-Institut in Berlin und der Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich eine Studie zum Verkehrsverhalten durch. Die Erkenntnis: Je schlechter die Sicht, desto häufiger wird zu schnell gefahren.

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Bei eingeschränkter Sicht wird die Höchstgeschwindigkeit häufiger überschritten. (Themenbild)

Bei eingeschränkter Sicht wird die Höchstgeschwindigkeit häufiger überschritten. (Themenbild)

Keystone

Was tun, wenn es dunkel ist und der Nebel die Sicht auf die Strasse behindert? Man fährt langsamer. Oder eben nicht. Wie eine Studie der Universität St. Gallen ergab, überschreiten Autofahrer die Höchstgeschwindigkeit häufiger bei Dunkelheit oder eingeschränkter Sicht. In der Realität ist es folglich genau anders herum, als man es vermuten würde. Die Untersuchung wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Bern und dem Max-Planck-Institut in Berlin durchgeführt. Den Datensatz dazu lieferte die Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich.

1,2 Millionen Fahrbewegungen aus Zürich wurden dafür untersucht. Die Daten stammen "von versteckten Messungen im Rahmen der Verkehrsplanung in verschiedenen Zürcher Quartieren", wie der St. Galler Assistenzprofessor Emanuel de Bellis dem "St. Galler Tagblatt" sagt. Die anonymisierten Daten wurden zwischen 2007 und 2009 an 71 Strassen erhoben, bei welchen Tempo 50 oder Tempo 30 gilt.

Je dunkler, desto schneller

Da es sich nicht um offizielle Radarkästen handelte und folglich auch keine Verkehrsbusse drohte, fühlten sich die Autofahrer unbeobachtet. Ihr Fahrverhalten wird daher als "natürlich" taxiert. Das Resultat: 18,3 Prozent der Verkehrsteilnehmer fuhren in der Nacht zu schnell. Am Tag waren es 14 Prozent. Der Prozentsatz der Geschwindigkeitsübertreter nahm zudem um 0,6 Prozent zu, wenn das Licht um 100 Lux abnahm, also etwa der Lichtstärke in einem schummrigen Flur. Zum Vergleich: In einem normal beleuchteten Büro misst man ungefähr 500 Lux.

Je dunkler es auf den Strassen also ist, desto schneller wird gefahren. Dies widerspricht der Logik, wie de Bellis sagt. Weil ein Drittel der Verkehrstoten auf Tempoüberschreitungen zurückzuführen seien, sei diese Erkenntnis durchaus relevant.

Veränderte Wahrnehmung im Dunkeln

Zwar kann de Bellis die Ergebnisse nicht definitiv erklären, liefert allerdings Erklärungsansätze. So könne es beispielsweise mit der veränderten Wahrnehmung im Dunkeln zusammenhängen. In kontrastreicher Umgebung, also bei Tageslicht, wird die Geschwindigkeit von Objekten höher eingeschätzt als bei Dunkelheit. Autofahrer haben bei Nacht also das Gefühl, langsamer zu sein, als sie in Wirklichkeit sind. Als Folge beschleunigen sie. Eine zweite mögliche Erklärung ist, dass sich die Lenker in der Nacht unbeobachtet fühlen. Sie glauben, nicht gesehen oder ertappt zu werden.

Ausschliessen kann de Bellis Faktoren wie Alkohol am Steuer, Freizeitverhalten oder mit der Tageszeit zusammenhängende Lenkertypen. Grund dafür ist, dass die Tempoüberschreitungen genauso bei Tempoüberschreitungen bei eingeschränkter Sicht tagsüber beobachtet werden konnten.

Mit der Studie wolle man Entscheidungsträger wachrütteln und Autofahrer sensibilisieren. Wenn man fünf Stundenkilometer langsamer fahre, reduziere sich die Zahl der Unfälle statistisch um 15 Prozent, so de Bellis.