Während sich manche Angeklagte für die Gerichtsverhandlung herausputzen und einen Anzug oder ein Hemd tragen, erschien die 26-jährige Slowakin am Freitag mit schmuddeliger Kleidung vor dem Zürcher Obergericht. Ihr Erscheinungsbild deutete an, dass in ihrem Leben nicht alles nach Plan gelaufen ist. Geboren wurde sie in Prag, ist slowakische Staatsangehörige und wuchs in Polen und Deutschland auf. Ihr Vater starb, als sie drei Jahre alt war. Die Schule besuchte sie nie. «Eine Freundin brachte mir das Schreiben und Lesen bei», sagt sie.

Die etwas festere Frau gehört einem Roma-Clan an. Dort gehört sie zu den Untergebenen und wurde bereits im Alter von 13 Jahren verheiratet. Vier Jahre später gebar sie einen Sohn. Bis vor ihrer Verhaftung, lebte sie mit ihm und ihrer Mutter in einer Mietwohnung in Polen.
Der Verteidiger stellte seine Mandantin in seinem Plädoyer dann auch als Opfer hin. Trotzdem liess sich die 26-Jährige zu mehreren Straftaten hinreissen. Sie war Mittäterin bei Fällen von Enkeltrick-Betrug. Ihre Aufgabe bestand darin, das Geld bei den Opfern abzuholen. Eine der Geldübergaben fand im September 2016 am Bahnhof Kloten statt.

«Hallo ich bin’s»

Die 75-Jährige Frau ist Zuhause, als ihr Telefon klingelt. Am anderen Ende meldet sich ein Mann: «Hallo, ich bin’s, kennst du mich nicht?», sagt er. Die Seniorin aus Zürich vermutet, dass ein guter Bekannter aus Deutschland namens Achim am Telefon ist. Der Mann bestätigt das und äussert sogleich sein Anliegen. 40 000 Franken brauche er, um eine Immobilie zu kaufen. Er verspricht, das Geld sobald wie möglich wieder zurückzubezahlen. Das Problem: Am Telefon spricht nicht Achim, sondern ein Betrüger.

Die 75-Jährige ist sich derweil sicher, dass Achim auf ihre Hilfe angewiesen ist. Dieser ruft innerhalb einer Stunde fünfmal bei ihr an und sagt ganz genau, was sie machen soll. Die Geschädigte gehorcht und betritt wenig später eine Bank in Embrach. Dort bezieht sie 40 Tausendernoten. Als Grund gibt sie auf Rat von Achim an, dass sie damit ein Auto kauft. Der Betrüger meldet sich erneut und bestimmt den Bahnhof Kloten als Übergabeort. Da er es nicht mehr rechtzeitig schafft, werde dort jemand für ihn das Geld abholen. Um das Ganze noch glaubwürdiger aussehen zu lassen, ruft auch noch die «Notarin» bei der 75-Jährigen an.
Nun kommt die Slowakin ins Spiel. Am Bahnhof steigt sie ins Auto der Seniorin und stellt sich unter falschem Namen bei ihr vor. Achim sagt am Telefon, dass man dieser Frau vertrauen kann und das Geld bei ihr sicher aufgehoben ist. Obwohl die ältere Dame ein wenig Zweifel hat, übergibt sie der 26-Jährigen das Couvert mit dem Geld. Diese verschwindet danach in unbekannte Richtung. Erst als die 75-Jährige zu Hause beim richtigen Achim anruft bemerkt sie, dass sie Opfer eines Enkeltricks geworden ist.

Schon in Deutschland verurteilt

Die Slowakin wurde einige Jahre zuvor bereits in Deutschland verurteilt. Damals nahm sie einer 81-Jährigen Frau — ebenfalls als Eintreiberin — 13 500 Euro ab. Dazu kommt ein weiterer versuchter Betrug dieser Art im Kanton St. Gallen. Für den Staatsanwalt ist klar: «Enkeltricks sind eine ganz perfide Masche, mit der betagte Leute aussgenommen werden.» An die Angeklagte gerichtet sagte er: «Diese Menschen leiden danach mehr als Sie in der Haft.» Er beschäftige sich schon seit vielen Jahren mit Enkeltrick-Betrügern: «Solche Delikte müssen so hart bestraft werden, dass die Betrüger Angst haben, in der Schweiz aktiv zu werden.» Dass die Angeklagte zu ihrer Tat nur sehr knappe Aussagen gemacht hat, ist für den Staatsanwalt ein Zeichen, dass sie weiterhin straffällig sein wird, wenn sie aus dem Gefängnis freikommt. Er forderte vom Gericht eine unbedingte Freiheitsstrafe von 40 Monaten. Der Verteidiger sagt, die 26-Jährige hat sich im Gefängnis bereits viele Gedanke zu ihrer Zukunft gemacht. Deshalb plädiert er für eine bedingte Freiheitsstrafe von neun Monaten. Für das Jahr, das sie bereits abgesessen hat, sei sie zu entschädigen.

Das Bezirksgericht Bülach verurteilte die Slowakin im Sommer wegen Betrugs und schwerer Geldwäscherei zu einer unbedingten Gefängnisstrafe von 36 Monaten. Daraufhin war es die Verurteilte selbst, die einen Weiterzug ans Obergericht forderte. Dieses verurteilte die Frau am Freitag ebenfalls wegen Betrugs und schwerer Geldwäscherei zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten. Somit bleibt ihr ein halbes Jahr Gefängnisaufenthalt erspart.