Ein Donnerstagmorgen im Primarschulhaus Chriesiweg in Zürich-Altstetten. Kurz vor seiner Pensionierung steht Martin Wendelspiess, der in Geroldswil wohnhafte Chef des kantonalen Volksschulamtes, mitten in jenem Zimmer, in dem er selber zur Schule ging – vor fast 60 Jahren. Seine Haare, wild wie eh und je, sind weiss geworden und kontrastieren die dunkle ZSC-Krawatte aus dem Meisterjahr 2000. Um ihn herum 20 Viertklässler. Unaufgefordert löchern sie ihn seit einer Viertelstunde mit Fragen und strecken noch immer ihre Arme hoch:

«Waren Sie gut in der Schule?»
«Ja, aber Zeichnen und Musik lagen mir nicht. Die beste Note hatte ich in Schrift.»
«Ihre Lieblingsfächer?»
«Mathe, dann Turnen und Realien.»
«Was mochten Sie gar nicht?»
«Schwimmen. Das war schlimm. Wir hatten kein Hallenbad und mussten draussen in der Kälte schwimmen. Am Vorabend habe ich jeweils gebetet, dass es doch bitte regnen möge, damit das Schwimmen ausfällt. »
«Sind Sie ins Gymi?»
«Ja, 7 Jahre. So lange in der gleichen Klasse und bei den gleichen Lehrern fand ich allerdings nicht gut. Heute würde ich lieber ab der Sek ins Gymnasium.»
«Haben Sie ...»

Die Lehrerin unterbricht: «Das würde nicht aufhören – ich habe eine sehr neugierige Klasse.» Vielleicht müsse er mal an einem Morgen den Unterricht übernehmen. «Jaaa», rufen die Kinder im Chor und stimmen zum Abschied ein Lied an.

Rita Wendelspiess steht in der Tür und freut sich mit. Sie ist eine von vier Schwestern und unterrichtet ganz in der Nähe. «Er hat einen guten Job gemacht», sagt sie über die 38 Jahre, die ihr Bruder im Volksschulamt arbeitete, davon 18 Jahre als Chef. Im Lehrerzimmer hörte sie nicht selten kritische Töne über ihn, vor allem dann, wenn Veränderungen anstanden – und davon gab es in seiner Amtszeit einige. «Lehrer sind halt zarte Pflänzchen», sagt sie und meint dies durchaus positiv. «Doch manchmal fehlt ihnenwš der Blick aufs Ganze.»

Martin Wendelspiess schaut noch einmal ins Schulzimmer, erinnert sich, dass hier zu seiner Zeit um die 35 Kinder den Raum füllten, weiss noch, wie er jeweils um 10 Uhr aus dem Fenster guckte, wenn die Pausenmilch angeliefert wurde. Auf dem Weg zum Teamzimmer – früher hiess es noch Lehrerzimmer – sagt er: «Der Eindruck ist nicht anders als vor 60 Jahren. Ich weiss noch genau, wo ich sass und wo das Pult stand. Ein Klassenzimmer oder eine Turnhalle erkennt man ja schon am Geruch wieder.» Auch die Kinder seien gleich geblieben. «Es gibt die Stillen, die Lauten, die Neugierigen – und die, die Seich machen», sagt Wendelspiess, lächelt und fasst sich, wie noch oft während des Gesprächs, an den Bart.

Und wie waren Sie als Schüler?

Martin Wendelspiess: Problemlos, ausser: Ich habe viel geschwatzt. Im Kindergarten hat man mir mal mit einem Tuch den Mund zugebunden, weil ich ständig plauderte. Damals gab’s noch eine «Flättere» oder den Stock auf die «Töpe», wenn man unartig war. Die Abschaffung der Körperstrafe gehörte übrigens zu den ersten Vorlagen, die ich als Jurist im Rechtsdienst des Volksschulamtes für den Regierungsrat vorbereitete. Das war Ende der 70er-Jahre, also gar nicht so lange her.

Was waren in Ihrer Amtszeit die einschneidendsten Veränderungen in der Bildung?

Ganz klar die Einführung der Schulleitungen. Früher waren die Schulen eine Ansammlung von Einzelkämpfern, heute wird im Team gearbeitet. Fächermässig hat sich recht wenig verändert, auch bezüglich der technischen Mittel. Es ist ja nicht so, dass heute alle Schüler vor dem PC sitzen. Der Trend geht eher wieder zurück zum Authentischen.

Wie wird sich die Schule weiterentwickeln?

Wir befinden uns in einer Phase der Konsolidierung. Der Lehrplan 21 erfindet die Schule nicht neu. Die naturwissenschaftlichen Fächer werden sicher einen höheren Stellenwert einnehmen. Für viele Fragen der Welt, sei es in Bezug auf die Umwelt oder Energie, braucht es die Naturwissenschaften. Die Schwierigkeit wird sein, zu entscheiden, welche Stunden gekürzt werden sollen.

Weil jeder eine andere Meinung dazu hat?

Letztlich ist es immer eine Frage des Weltbildes. Die einen finden, man müsse die Kinder auf die Welt vorbereiten, die wir uns wünschen. Die andern, ich inklusive, sind der Ansicht, man müsse die Schüler auf die Welt vorbereiten, die sie antreffen werden. Diese zwei Grundhaltungen stossen ja auch in der Diskussion um den Lehrplan 21 und die Gestaltung der Lektionentafel aufeinander.

Mittelfristig bleibt die Schule mehr oder weniger unverändert?

Sie wird sich in Richtung Tagesschulen bewegen, nicht nur in der Stadt. Angesichts des Fachkräftemangels müssen wir Bedingungen schaffen, mit denen es einfacher wird, Kinder zu haben und arbeiten zu gehen. Das erwartet die Wirtschaft – mehr als die Stärkung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer.

Martin Wendelspiess kramt ein schwarzes Trückchen aus der Tasche, schüttet Schnupftabak auf die Hand und zieht die Ladung in die Nase.

Sie schnupfen?

Seit zehn Jahren. Dafür habe ich mit dem Rauchen aufgehört.

Sie wirken entspannt und gut gelaunt. Liefen Sie nie am Limit?

Es gab sicher anstrengende Zeiten. Zum Beispiel nach der Trennung von meiner Frau, als ich neben der Arbeit für unsere drei Buben sorgte – damals alle im Primarschulalter. Aber wir hatten eine lässige Männer-WG. Burnout-gefährdet war ich jedenfalls nie. Ein bisschen Prophylaxe war mein Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule, wo ich 35 Jahre lang über «Kind und Recht» unterrichtet habe. Das war immer ein Aufsteller.

Im Januar mussten Sie sich einer Herzoperation unterziehen.

Bei einer Kontrolle hat mein Arzt festgestellt, dass mit meinem Herz etwas nicht stimmt. Zwei Tage später wurde ich operiert. Drei Bypässe. Ich hatte Glück. Und mein Herz ist wieder voll leistungsfähig.

Sie scheinen das locker wegzustecken.

Ich bin ein Optimist. Das Leben ist so lässig.

Waren Sie nie verärgert?

Praktisch nie. Bei den Kindern habe ich versucht, Ärger vorzutäuschen, aber die haben das natürlich gemerkt (lacht). Nein, das Positive in meinem Leben überwiegt klar.

Gab es im Beruf auch schwierige Zeiten?

Genau genommen zwei. Am schwierigsten war die Zeit, als Anfang der 90er-Jahre der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) besonders aktiv war. Die sektenähnliche Organisation wollte Einfluss auf das Bildungswesen nehmen. Dabei ging sie nicht zimperlich vor. Auch ich fühlte mich ständig beobachtet. Das hat mir schon Angst gemacht.

Die zweite schwierige Zeit?

Die war nach dem Nein zum neuen Volksschulgesetz im Jahr 2002. Das hat mich wirklich belastet, nicht primär wegen der politischen Niederlage, sondern weil ich Mitarbeiter entlassen musste, die für die Umsetzung des Gesetzes vorgesehen waren. Drei Jahre später wurde die Vorlage dann angenommen. Belastend waren sicher auch Fälle von Sexualdelikten oder Verfahren gegen Lehrer.

Wie war denn Ihr Verhältnis zu den Lehrerinnen und Lehrern?

Gut – zumindest in meiner Wahrnehmung. Probleme gab es nur, weil in einem so grossen Kanton kaum direkte Gespräche mit den 15 000 Lehrpersonen möglich sind. Aber von einzelnen bösen Briefen darf man sich nicht beeinflussen lassen.

Waren Sie nahe an den Lehrern und Schülern dran?

Zwei Schwestern, drei Schwager, meine Ex-Frau und viele Kollegen des FC Wollishofen, wo ich früher kickte – alles Lehrer. Sie haben mir stets unverblümt gesagt, was sie von meiner Arbeit halten und was in der Schule richtig oder falsch läuft. Zudem habe ich fünf bis sechs Mal im Jahr Klassen besucht.

Sie wollten nie Lehrer werden?

Als in der ersten Hälfte der 70er-Jahre Hunderte von Lehrerstellen unbesetzt waren, habe ich es mir kurz überlegt.

Auch ein Branchenwechsel war für Sie kein Thema?

Es gab Angebote. Aber wieso sollte ich kündigen, ich hatte ja durch neue Aufgaben und die Wechsel der Regierungsräte immer wieder Veränderungen. Der Übergang von Alfred Gilgen zu Ernst Buschor war wie Wasser zu Feuer.

Wie erlebten Sie Alfred Gilgen, ihren ersten Chef?

Er übertrug mir viel Verantwortung. Ich glaube, er hatte den Narren an mir gefressen. Ich erinnere mich noch gut an das Bewerbungsgespräch, er mit Glatze, ich mit langen Haaren. Er meinte, zusammen hätten wir den idealen Beamtenhaarschnitt. Seine zweite Frage war, ob ich gut Fussball spiele und somit eine Verstärkung für das Fussball-Team der Erziehungsdirektion wäre.

Spielen Sie noch?

Nein, ich bin aber Supporter meines Dorfvereins, dem FC Oetwil-Geroldswil. Nun habe ich wieder mehr Zeit für einen Besuch im Clubbeizli. Im Juni werde ich zudem mit Freunden zwei Mal nach Frankreich an die Fussball-EM reisen. Ich freue mich. Und dann habe ich ja noch eine Wohnung im Toggenburg und meine Partnerin ein Haus in Ungarn. Den Sommer zu geniessen war mit ein Grund, weshalb ich mich drei Monate früher pensionieren liess. Ich werde ja erst im September 65.

Werden Sie sich weiter für die Schule engagieren?

Ich habe weder ein Mandat übernommen noch für Referate zugesagt. Ich will mit null Terminen in den neuen Lebensabschnitt starten. 40 Jahre lang habe ich gegen meinen Rhythmus gearbeitet. Nun freue ich mich darauf, endlich den Wecker nicht mehr stellen zu müssen. Nein, ich werde mich sicher nicht in Bildungsthemen einmischen oder Leserbriefe schreiben. Aber das Interesse wird bleiben. Und ich möchte meine Lebensgeschichte aufschreiben. Darin wird die Schule zwangsläufig vorkommen.

Wann erscheint das Buch?

Es ist nicht zur Veröffentlichung. Nur für mich, um zurückzuschauen und einzuordnen. Ich fände es schade, wenn Erinnerungen, wie ich sie heute in meinem alten Klassenzimmer hatte, vergessen gingen. Der Schwimmunterricht – das war wirklich der Horror.