Teure Krippen

Eltern schicken ihre Kinder frühzeitig in den Kindergarten – es ist billiger

Schon fit für den Chindsgi? Eltern wollen ihre Schützlinge immer früher in den Kindergarten schicken.

Schon fit für den Chindsgi? Eltern wollen ihre Schützlinge immer früher in den Kindergarten schicken.

Viel Eltern wollen ihr Kind vorzeitig in den Chindsgi schicken – mit Hintergedanken. Sie sind berufstätig und eine Kinderkrippe ist teuer. Da ist der Kindergarten die praktischere Betreuungslösung – denn der ist gratis.

Der dreijährige Knirps kann einem leidtun. Im Kindergarten ist Probetag für die vermeintlich Frühreifen, aber er zeigt nicht mal den Ansatz eines Entwicklungsvorsprungs – im Gegenteil. In seinen Windeln und mit dem Schnuller im Mund steht er auf ziemlich verlorenem Posten.

Erst im Gespräch mit den Eltern wird später klar, was sie dazu bewogen hatte, dieses Kind vorzeitig in den Kindergarten schicken zu wollen: Sie sind beide berufstätig, und eine Kinderkrippe ist teuer. Da dünkte sie der Kindergarten die praktischere Betreuungslösung – denn der ist gratis.

Diese Geschichte stammt von einer Schulpsychologin aus einer der wohlhabendsten Zürcher Gemeinden. Deren Name soll aus Diskretionsgründen nicht in der Zeitung stehen. Er spielt aber keine entscheidende Rolle, denn der Fall ist nichts Spezielles.

In diesen Wochen entscheiden die Schulbehörden in vielen Zürcher Gemeinden über vorzeitige Einschulungen – gemeint ist der Eintritt in den Kindergarten –, und ähnliche Geschichten wiederholen sich fast überall im Kanton. Das zeigt eine Umfrage in mehreren Gemeinden aus verschiedenen Bezirken.

Vor allem bei Reichen verbreitet

Das Kind aus finanziellen Gründen möglichst früh in den Kindergarten schicken: Paradoxerweise scheint dieses Motiv im Speckgürtel rund um die Stadt Zürich besonders verbreitet. Dort lebten nun mal jene gut situierten, beruflich stark engagierten Paare, die an Tagesstrukturen gewohnt seien. So erklärt das die Leiterin der Schulverwaltung einer Gemeinde am Zürichsee, die ebenfalls anonym bleiben will.

Anders die Schulleiter von Zollikon und Erlenbach, zwei der einkommensstärksten Gemeinden überhaupt: Beat Albonico und Thomas Isler sprachen in der «Zürichsee-Zeitung» offen darüber, dass Eltern auf diese Weise die Kosten für den Krippenplatz sparen wollten.

Schulleiter und Schulpsychologen nennen noch andere Gründe, warum immer mehr Eltern ihre Kinder früh in den Kindergarten schicken wollen – mal abgesehen von jenen Fällen, in denen ein Kind tatsächlich frühreif ist. Manche wollen dem Nachwuchs einen Bildungsvorsprung verschaffen, andere kommen aus Ländern, wo Kinder früher eingeschult werden.

Aus all diesen Gründen steigt die Zahl der Anträge oder sie bleibt zumindest konstant, wie es in der Mehrheit der befragten Gemeinden heisst. Dijana Feybli, Leiterin der Schulverwaltung in der Millionärshochburg Uitikon, bestätigt, dass es dabei zunehmend auch um Kinder ohne erkennbaren Entwicklungsvorsprung geht.

Genaue Abklärung ist freiwillig

Dabei scheinen die Regeln im Kanton Zürich auf den ersten Blick klar: Ein Kind darf nach den Sommerferien nur dann in den Kindergarten gehen, wenn es an einem bestimmten Stichtag den vierten Geburtstag schon hinter sich hat. Dieses Jahr ist das der 15. Mai, in den kommenden Jahren rutscht das Datum nach hinten (siehe Textbox).

Bei Kindern, die nach dem Stichtag, aber vor Ende Juli vier werden, können die Schulpflegen Ausnahmen machen – sofern der Entwicklungsstand dies «als angezeigt erscheinen lässt». Der Haken daran: Die Schulpflegen sind nicht verpflichtet, dies näher abzuklären. In manchen Gemeinden ist ein Antrag der Eltern alles, was es braucht, sagt etwa Matthias Obrist, Schulpsychologe im Bezirk Horgen.

Das dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass die Zahl vorzeitig eingeschulter Kinder nach der Einführung des neuen Volksschulgesetzes und des Kindergartenobligatoriums ab 2007 kurzfristig explodiert ist. Umgekehrt dürften verschärfte Beurteilungen verantwortlich dafür sein, dass die Kurve seither wieder nach unten zeigt – obwohl bei der Zahl der Anträge kein entsprechender Trend auszumachen ist.

Man schaut genauer hin. Die Gemeinden an der Zürcher Goldküste bestätigen dies. Sie organisieren für die Kandidaten auf vorzeitige Einschulung seit einigen Jahren Schnuppervormittage unter den Augen von Fachleuten. Auf der gegenüberliegenden Seeseite verlangen mehrere Gemeinden inzwischen eine schulpsychologische Abklärung. Und in Uitikon kombiniert man beides miteinander.

«Das hat die Aufnahmequote spürbar gesenkt», sagt Dijana Feybli von der Uitiker Schulverwaltung. Kinder wie der eingangs erwähnte Dreijährige werden nun ausgesiebt. In den befragten Gemeinden hat im Schnitt nur noch jeder fünfte Antrag Erfolg. Die Ausnahme sind Gemeinden wie Zollikon, wo die Hälfte aller Anwärter den vorzeitigen Sprung in den Kindergarten schafft.

Strengere Kriterien sind nötig

Schulpsychologe Obrist sagt, die Erfahrung habe gezeigt, dass strengere Kriterien anzulegen seien. «Sonst sind die Kinder nach zwei Jahren nicht bereit sind für den Übertritt in die 1. Klasse.» Nicht nur er betont, dass der Kindergarten kein Ersatz für eine Betreuungseinrichtung ist. Ein Kind brauche für den vorzeitigen Eintritt einen Entwicklungsvorsprung von mindestens sechs Monaten, und zwar in vielerlei Hinsicht. Es reiche nicht, wenn es ein paar einfache Rechnungen lösen könne.

Es gibt auch Fachleute, die betonen, dass es den meisten Eltern um das Wohl des Kindes gehe, wenn sie einen Antrag stellen. Andere äussern Verständnis, dass sich Eltern am willkürlich wirkenden Stichtag stören, der ihr Kind vom Kindergarten ausschliesst. Fast alle sind sie aber zuversichtlich, dass vorzeitige Eintritte bald ohnehin kein Thema mehr sind. Denn 2019 gilt im Kanton Zürich der 31. Juli als neuer Stichtag. Ausnahmen werde es dann nicht mehr geben.

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