Kindesmisshandlungen
Eltern misshandeln ihre Kinder im Virenstress so häufig wie noch nie

Das Zürcher Kinderspital hat 2020 fast 600 Verdachtsfälle von Kindesmisshandlungen registriert – so viele wie noch nie.

Michel Wenzler
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Die Pandemie trifft oft die Schwächsten: Die Zahl der Kindesmisshandlungen nimmt zu. (Symbolbild)

Die Pandemie trifft oft die Schwächsten: Die Zahl der Kindesmisshandlungen nimmt zu. (Symbolbild)

Keystone

Die Zahl ist erschreckend hoch. 592 Verdachtsfälle von Kindesmisshandlungen hat das Universitäts-Kinderspital Zürich im vergangenen Jahr verzeichnet. «Das ist die höchste Fallzahl, die wir bei uns je erfasst haben», teilte das Kispi am Donnerstag mit. Die Zahl ist gegenüber 2019 um 48 gestiegen.

Das Kinderspital führt die hohe Zahl zu einem grossen Teil auf die Pandemie zurück. «Wir haben alle mehr Stress», sagt Georg Staubli, Leiter der Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Kispi. Das wirke sich in manchen Familien leider auch unmittelbar auf die Kinder aus. Lockdown, Homeoffice sowie im Frühling 2020 die temporären Schliessungen der Schulen hätten vermehrt für Konflikte gesorgt.

Auch sonst stieg die Belastung. Grosseltern konnten wegen des Ansteckungsrisikos nicht mehr bei der Kinderbetreuung mithelfen. Und je länger desto mehr machen sich bei vielen Menschen zudem finanzielle Sorgen und Existenzängste bemerkbar.

Nicht alle Verdachtsfälle haben sich im Kispi vergangenen Jahr bestätigt, aber die meisten. Nur bei 27 Kindern handelte es sich nachweislich nicht um Misshandlungen, sondern um medizinische Probleme. In 397 Fällen gilt die Misshandlung als bestätigt. Bei 168 Kindern konnte eine solche zwar nicht eindeutig nachgewiesen werden, der Verdacht blieb aber bestehen.

Häufig merken die Eltern selber, dass ein Problem vorliegt

Was tut man in solchen Fällen? Anders als bei eindeutigen Misshandlungen, die Strafanzeigen oder Meldungen an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) zur Folge haben, braucht es hier niederschwellige Massnahmen. Am wichtigsten ist das Gespräch. «Wir reden mit den Eltern», sagt Staubli. «Häufig sehen sie selbst, dass ein Problem vorliegt. Wir merken aber auch, dass es in solchen Fällen oft einen Kontrolleur braucht.»

Man treffe deshalb mit den Eltern eine Vereinbarung. «Beispielsweise machen wir mit ihnen ab, dass sie einmal pro Woche einen Kinderarzt oder einen Kinderpsychologen aufsuchen.»

«Dies ist nur die Spitze des Eisbergs»

Am Kinderspital landen vor allem die schweren Fälle von Misshandlungen. 2020 entfiel etwa je ein Drittel auf körperliche Misshandlung (193 Fälle) und sexuellen Missbrauch (185). Verglichen mit dem Vorjahr haben hier die Zahlen jeweils um gut 30 Fälle zugenommen.

Da das Kinderspital rund um die Uhr erreichbar ist und sofortige medizinische Hilfe anbieten kann, betreut es viel mehr Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt als andere Fachstellen. «Dies ist aber nur die Spitze des Eisbergs», sagt Staubli. Denn viele Formen von Misshandlung wie psychische Gewalt oder Vernachlässigung seien nicht sofort erkennbar. Eine 2016 durchgeführte Studie geht davon aus, dass jedes Jahr für zwei bis drei Prozent der in der Schweiz lebenden Kinder eine Meldung eingeht – an Opferberatungen, an die Kesb, die Polizei oder andere Fachstellen.

Ein kleiner Trost: Immerhin werden mutmassliche Opfer gemeldet. In den vergangenen Jahren hat die Sensibilität in der Gesellschaft diesbezüglich zugenommen. Das Kinderspital führt dies auch als zweite Erklärung für die rekordhohe Zahl von Verdachtsfällen an.

Durch die Arbeit im Homeoffice hätten Nachbarn untereinander intensiveren Kontakt und würden so besser mitbekommen, was in den einzelnen Familien vor sich gehe. Es sind deshalb nicht nur die Eltern selbst, die Schule oder die Polizei, die sich an die Fachstellen wenden, sondern teils auch Nachbarn. Allerdings braucht es hierfür Zivilcourage, und es kann unangenehm sein, sich bei Fremden einzumischen.

Wenn man wiederholt Kindergeschrei aus der Nachbarswohnung hört, soll man die Eltern darauf ansprechen

Was empfiehlt Georg Staubli? Wenn man ein ungutes Gefühl habe, weil man aus der benachbarten Wohnung immer wieder Kindergeschrei höre, solle man die Eltern darauf ansprechen, wenn man sie im Treppenhaus sehe, rät der Arzt. Etwa: «Wieso ist es bei Ihnen häufig so laut? Kann ich Sie unterstützen, zum Beispiel mit den Kindern auf den Spielplatz oder Einkaufen gehen?» Man könne, ja solle, ganz neutral fragen, ohne Vorwürfe zu machen.

Selbst wenn die Nachbarn nicht darauf eingehen oder verärgert reagieren würden, könne dies schon zu einer Verhaltensänderung führen. «Denn man signalisiert mit dem Gespräch bereits: Ich nehme das wahr.» Allein dies könne bereits etwas bewirken.

Schulen sollen offen bleiben

Ob im laufenden Jahr die Zahl der Fälle zurückgeht, ist fraglich. Prognosen sind schwierig. Georg Staubli sagt: «Es kommt darauf an, wie es den Leuten geht. Wichtig wäre, dass wir baldmöglichst zu einem normalen Leben zurückfinden.» Vor dem Sommer sei dies wohl aber schwierig.

Der Leiter der Kinderschutzgruppe hofft zudem, dass die Schulen offen bleiben, da sie sowohl für den sozialen Kontakt als auch für die soziale Kontrolle wichtig sind. Auch würde er sich wünschen, dass der generelle Aggressionspegel in der Gesellschaft zurückgeht. Jeder könne an sich selbst arbeiten, sagt er. Die einen würden sich immer wieder über Maskenverweigerer aufregen, die anderen wiederholt über die Maskenpflicht. «Das ist aber kontraproduktiv und nicht hilfreich.»