Ein Anker, an dem Fussballschuhe baumeln, hängt über der WC-Tür beim Treppenaufgang, ein Riesenskelett über dem Eingang begrüsst die Gäste mit höhnischem Grinsen von der Decke; Konzertplakate mit persönlicher Widmung an den Wirt zieren die Wände nebst kleinen und grossen, teilweise dadaistisch anmutenden Kunstwerken, Postkarten und alten E-Gitarren. Gemälde auf Seekarten im Weltformat zeigen den Fussballgott Maradona, Che Guevara, einen Kapitän – kurz: Wer das «El Lokal» am Sihlufer nahe beim Zürcher Hauptbahnhof betritt, merkt schnell: Dies ist ein unverwechselbarer Ort. Mit Geschichte und Geschichten. Ein Ort der Musik, mit Heim- und Fernwehgroove. Morgen Freitag feiert das «El Lokal» sein 15-jähriges Bestehen mit einem Gratiskonzert der Speed-Polka- und Russen-Disco-Band La Minor.

Live im El Lokal 2012: Adrian Weyermann, Adrian Stern und Düde Dürst. Im Publikum: Toni Vescoli

Live im El Lokal 2012: Adrian Weyermann, Adrian Stern und Düde Dürst. Im Publikum: Toni Vescoli

«15 Jahre ist ja eigentlich nicht so ein Wahnsinnsjubiläum. Oder wie Howe Gelb meint: ‹Wow!!! A Teenager›», beantwortet «El Lokal»-Wirt Viktor Bänziger eine erste Interviewanfrage abschlägig, nachdem ein aus seiner Sicht zu verkürztes Jubiläums-Interview kurz zuvor im «Züri Tipp» erschienen ist. Bänzigers Absage ist bezeichnend: Statt sich selber rückt er mit US-Sänger Howe Gelb lieber einen der Musiker in den Vordergrund, die in den letzten 15 Jahren immer wieder im «El Lokal» auftraten und dadurch quasi Stammgäste wurden. Auch die französische Zigeuner-Folkband Bratsch, die nun altershalber aufs Touren verzichten will, trat seit der Eröffnung bis 2015 praktisch jährlich im El Lokal auf. Einheimischen Musikgrössen wie Adrian Weyermann oder Stephan Eicher sowie noch unentdeckten Bands bot Bänziger ebenfalls immer wieder eine Bühne. Zuletzt lancierte er mit den Musikern Eva Wey und Dide Marfurt eine monatliche «Giigestubete» und gab so auch den Fans der traditionellen Schweizer Musik eine Heimat.

Die Stadt Zürich verlieh ihm für sein langjähriges Engagement vor vier Jahren ihre mit 15 000 Franken dotierte Auszeichnung für Kunstvermittlung. Sie attestierte ihm als «lebende Legende» der Musik-Beizen-Zunft ein «tolles Händchen» mit seinem Konzertprogramm. Die «lebende Legende» Bänziger mischte schon lange vor der Eröffnung des «El Lokal» im Musikgeschäft mit. 1987 hatte er in Zürich Wiedikon das «El Internacional» mitgegründet, das sich schnell zu einer Topadresse für kleine, aber hochkarätige Konzerte entwickelte. Und noch als junger Journalist interviewte der heute 63-jährige Beizer 1980 den Reggae-Superstar Bob Marley anlässlich von dessen Auftritt im Hallenstadion. Ferner zählte er zu den Mitgründern des Veranstaltungsheftes «Züri Tipp» und des Plattenladens Jamarico. Doch wie kam es, dass er schliesslich Wirt wurde? Wie hat sich das Wirten seither verändert? Und welche Zukunftspläne hat er? Nach anfänglicher Ablehnung eines Interviews beantwortet Bänziger die Fragen schriftlich: «Das Lädele war mir zu eintönig, die Schreiberei zu einsam. Ich wollte immer eine Beiz machen. Und zwar eine, die es so in der Stadt noch nicht gab. Mit Musik, Lesungen, Fussball.»

Viktor Bänziger, «lebende Legende» der Musik-Beizen-Zunft, in seinem «El Lokal».Mario Heller

Viktor Bänziger, «lebende Legende» der Musik-Beizen-Zunft, in seinem «El Lokal».Mario Heller

1985 eröffnete er auf der Felsenegg, am Grat zwischen Üetliberg und Albis, seine erste Beiz, wo er bis 1990 wirtete und Konzerte veranstaltete. Zwei Jahre später folgten das Restaurant «Schiffbau» und das «El Internacional», das im Jahr 2000 zuging.

Bänziger zog weiter an die Gessnerallee und machte aus der zuvor kargen Theaterschulkantine das «El Lokal». «Wenn ich so zuschaue, wie die Zeitungen langsam dünner werden wie unser Wurstpapier, Schallplatten- und Buchläden verschwinden, ja dann denk’ ich, dass mein Weg nicht so verkehrt war», sagt Bänziger.

Seine Pläne für die Zukunft? «Pläne? Darf man haben, ob sie dann aufgehen, ist eine ganz andere Geschichte. Und bei mir ist es immer noch so wie mit 21. Damals wurde ich selbstständig und mein eigener Chef. So kann es von mir aus weitergehen», antwortet der Wirt, der demnächst ins Rentenalter kommt, ohne daran zu denken. Und weiter: «Ums El Lokal sorge ich mich nicht, das ist mittlerweile ein wunderbarer Raddampfer auf tollem Kurs. Ein Riesenhaufen Talent von feinen Menschen ist bei uns in all den Jahren zusammengekommen. Irgendwann schaue ich mit Freude zu, wies weitergeht hier an der schönen Sihl.»

Mit der Bierbüchse in die Beiz

Letzte Frage: Was waren die einschneidendsten Veränderungen, seit Bänziger in Zürich zu wirten angefangen hat? «Die guten: Unsere Stadt ist durch die Liberalisierung attraktiver geworden. Die schlechten Veränderungen: Frag’ mich allerdings, wie es die Läden hier im Chreis 4, wo ich wohne, machen, fast die ganze Nacht offen zu halten mit einer Handvoll Gästen, die meistens draussen herumhängen, mit der Zigi, am Handy laut palavernd. Und: Eine ganze Horde kommt mittlerweile bei uns mit einer Bierbüchse ins Restaurant, setzt sich an die Tische und fragt, wo die Toilette zu finden ist. Und das in aller Selbstverständlichkeit.»

Doch der Wirt der selbst ernannten «allerletzten Insel an der Sihl» stellt klar: «Für mich ist das Wirten Beruf, Hobby und Herzblut in einem, Berufung also, und ich gehe immer noch tagtäglich mit grosser Vorfreude auf den kommenden Tag und die Nacht in den Laden.»