Fall Flaach
Einzelhaft erhöht das Suizidrisiko - Nathalie K. gehörte in die Psychiatrie

Nathalie K. hätte in eine Psychiatrie überwiesen werden müssen, sagt der Häftlingsverein «Reform 91». Er fordert für solche Fälle eine Untersuchungskommission.

Tobias Hänni
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KEYSTONE

Der Selbstmord von Nathalie K. hätte verhindert werden können. Das sagt Peter Zimmermann, Gründer des Vereins «Reform 91», der sich für bessere Haftbedingungen in Schweizer Gefängnissen einsetzt. «Hier wurde von A bis Z geschlampt», sagt Zimmermann, der am Telefon aufgebracht tönt. Die 27-jährige Frau, die gemäss bisherigen Erkenntnissen Anfang Jahr in Flaach ihre beiden Kinder umgebracht hatte, wurde am Freitag tot in ihrer Zelle aufgefunden. Sie hatte sich aufgehängt, wie das Amt für Justizvollzug am Wochenende mitteilte. Und: Es habe keine Anzeichen für den Suizid gegeben.

Für Zimmermann ist hingegen klar: «Sie hätte wieder in die psychiatrische Anstalt Rheinau überwiesen werden müssen.» In Briefen habe Nathalie K. ihren Suizid angedeutet. «Die Briefe unterliegen in der U-Haft einer Zensur, das heisst, sie werden gelesen», weiss Zimmermann, der selber lange Zeit hinter Gittern sass. Seiner Ansicht nach hätte der zuständige Untersuchungsrichter oder Staatsanwalt aufgrund der Briefe «Alarm schlagen müssen». Dass Nathalie K. überhaupt in U-Haft gesessen hat, ist für Zimmermann unverständlich: «Sie hat die Tat gestanden. Eine Verdunkelungsgefahr bestand ebenso wenig wie eine Fluchtgefahr.»

Schutz in U-Haft mangelhaft

Nach dem Tod von Nathalie K. will «Reform 91» nun politisch Druck machen. Der Verein wird demnächst eine Petition beim Kanton einreichen. «Darin fordern wir eine unabhängige Untersuchungskommission bei Suiziden.» In der Petition gehe es auch um Artikel 176 des Strafgesetzbuches. Dieser bestraft mit bis zu fünf Jahren Gefängnis, «wer einen Hilflosen, der unter seiner Obhut steht», in einer Gefahr für das Leben oder einer schweren unmittelbaren Gefahr im Stiche lässt.

Denn dass es seit Anfang Jahr in Gefängnissen des Kantons nun bereits fünf Suizide gegeben hat, ist für Zimmermann ein Hinweis darauf, dass der Schutz vor Suizid – vor allem in U-Haft – mangelhaft ist. «Wenn jemand 23 Stunden am Tag in einer Einzelzelle ist, fehlt ihm der soziale Kontakt.» Dieser Kontakt sei gerade bei Menschen mit Suizidgedanken wichtig. «Damit kann der Prozess vom Gedanken an Selbstmord bis zu dessen Ausführung unterbrochen werden.» Der Kontakt zu anderen Menschen, auch der körperliche, werde aber in U-Haft unterbunden. «Es würde zum Beispiel schon viel helfen, wenn ein junger Gefängnisinsasse während der Besuchszeit seine Mutter umarmen könnte», sagt Zimmermann. Dieser Fehler im System sei auch Folge der politischen Situation. «Von rechter Seite wird für ein 100-prozentiges Sicherheitsdenken plädiert.»

Zwang nur in der Klinik

Auch Urs Hagen, Forensischer Psychiater und Oberarzt am Forensisch-Psychiatrischen Dienst (FPD) der Universität Bern, weist darauf hin, dass in der wissenschaftlichen Literatur die tragfähige menschliche Beziehung als Hauptfaktor zur Verhinderung von Suiziden gelte. «Eine akut suizidale Person sollte von Fachpersonen regelmässig und engmaschig betreut werden», schreibt Hagen auf Anfrage.

Üblicherweise würden die Gefängnisse mit einem psychiatrischen Dienst zusammenarbeiten. Der Berner FPD führe mehrmals pro Woche Visiten in den Regionalgefängnissen Bern, Burgdorf, Thun und bei Bedarf in Biel durch. «Suizidalität in all seinen Formen – akut, subakut oder chronisch– ist dabei ein sehr häufiges Thema», so Hagen, der selber häufig in den Berner Gefängnissen Insassen betreut. In einem ersten Schritt werde eine suizidale Person in eine Mehrfachzelle verlegt, damit sie Kontakt habe und weniger alleine sei.

Werde eine akute Selbstmordgefahr festgestellt, werde der Gefängnisinsasse in ein engmaschigeres Betreuungssetting verlegt. «Dieses ist häufig die psychiatrische Klinik.» In einigen Gefängnissen stünden auch – teilweise kameraüberwachte – Sicherheitszellen zur Verfügung. «Die sind so eingerichtet, dass ein Suizid beinahe unmöglich ist.»

In Bern werde die Verlegung in eine solche Zelle vom Gefängnisleiter angeordnet und könne nicht beliebig lang verfügt werden. «Zur Unterstützung werden häufig beruhigende und – bei chronischer Selbstmordgefährdung – auch antidepressive Medikamente eingesetzt.» Aus ärztlicher Sicht gelten laut Hagen aber immer die Grundsätze «zunächst nicht schaden» und «nach bestem Wissen und Gewissen».

In hochakuten Fällen kann auch eine Zwangsmedikamentation oder Fixierung der Person notwendig sein. «Zum Beispiel bei markanten Erregungszuständen mit akuter Selbst- oder Fremdgefährdung», sagt Hagen. Solche Massnahmen würden aber normalerweise in einer Klinik durchgeführt, da «nur dort die passenden Ressourcen und das notwendige Know-how vorhanden sind.»

Ob und welche Schutzmassnahmen bei Nathalie K. angeordnet worden sind, ist bislang unklar. Das Amt für Justizvollzug hatte gestern nicht mehr wie angekündigt weiter über den Fall informiert. Zurzeit seien noch «interne, vertiefte Abklärungen im Gang», schreibt die Staatskanzlei des Kantons. Und: Die Ergebnisse der Abklärungen sollen erst mit den Eltern erörtert werden, heisst weiter. Weitere Informationen will das Amt für Justizvollzug heute liefern.

Anwältin sah den Suizid nicht kommen

Daniela Fischer, Anwältin der verstorbenen Mutter von Flaach, besuchte ihre Mandantin regelmässig im Gefängnis. Der Suizid kam auch für sie eher unerwartet. Die Suizidgefährdung ihrer Mandantin war für Daniela Fischer aber trotzdem offensichtlich. Da sie an Neujahr einen erweiterten Suizid geplant habe, stuft Fischer die Gefahr als «omnipräsent» ein: «Es gab immer wieder Befürchtungen», sagte sie auf Anfrage. Dass es aber am Freitag geschehen würde, sei nicht voraussehbar gewesen. «Jedenfalls war auch ich im Vorfeld nicht alarmierter als sonst.» Die Behörden, die am Samstag vor die Medien traten, stellten in Abrede, dass es Hinweise gegeben habe. Dem gegenüber verwiesen die Eltern der Verstorbenen auf einen Brief, der Suizidandeutungen enthält. Heute wollen die Behörden weitere Erkenntnisse präsentieren.

Ständiges Auf und Ab

Anwältin Daniela Fischer hält die Kernaussage der Behörden vom Samstag für problematisch. Nur einen Tag nach dem Suizid könne man kaum mit Sicherheit behaupten, es habe keine Hinweise gegeben. Fischer besuchte ihre Mandantin «etwa alle zwei Wochen» im Gefängnis. «Es ging ihr immer wieder mal besser, mal schlechter.» Vor etwa drei Wochen habe sich ihr Suizidverdacht so verstärkt, dass sie die Staatsanwaltschaft informiert habe. Diese habe den Notfallpsychiater aufgeboten.
Als die 27-jährige Mutter im Mai von der psychiatrischen Klinik Rheinau ins Gefängnis verlegt wurde, stellte Fischer die Hafterstehungsfähigkeit infrage. Ohne Erfolg. Ihre Mandantin habe aber ungewöhnlich lange in der Klinik bleiben dürfen, räumt sie ein. Sonst dauere ein Aufenthalt dort nur wenige Wochen. Leichtfertig sei die Verlegung somit sicher nicht erfolgt. (tsc)

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