Zürich
Einkleiden fürs Sechseläuten: Ein jedem sein Wunschkostüm

Beim traditionellen Kinderumzug der Zünftler können alle mitmachen – sofern sie denn verkleidet sind. Wir haben die Anproben im Zürcher Kongresshaus begleitet.

Silvan Gisler
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Ob Spanischer Barock, Biedermeier-Fräcke oder Hofdamen-Hüte: Alles muss richtig sitzen für den Kinderumzug des Sechseläuten.

Ob Spanischer Barock, Biedermeier-Fräcke oder Hofdamen-Hüte: Alles muss richtig sitzen für den Kinderumzug des Sechseläuten.

Johanna Bossart

Emilio passts überhaupt nicht. Irgendwie kann sich der Siebenjährige Dreikäsehoch so gar nicht mit dem blauen Gewand anfreunden, in dem er gerade steckt. Da nützt auch alles Büscheln der netten Dame, die ihm bei der Auswahl hilft, nichts.

Und ebenso wenig, dass das Gewand perfekt passen würde neben seiner älteren Schwester Sofia und ihrer Freundin Mireya, welche sich gerade mit ihren seidigen, langen Mittelalter-Gewändern zufrieden betrachten. Aber wer kann es ihm verdenken? Schliesslich will gut aussehen, wer in rund einem Monat vor tausenden Augen am Kinderumzug des Sechseläuten durch Zürich marschiert.

Genau das Gleiche wollen auch alle anderen Kinder, welche sich an diesem Mittwochnachmittag im Zürcher Kongresshauses tummeln: Hier können sich die Kinder mit Kostümen eindecken. An den Gestellen wimmelt es von farbigen Kleidern, Reif-Röcken, Rüschen, Fräcken und Hüten.

Von der Spätgotik über Renaissanve und Rokoko bis zu Biedermeier und Tessiner Tracht: Rund 900 historische Kostüme hängen hier schön nach Epoche sortiert beieinander.

Ein Sechseläuten für alle

Dass alle ihr Wunsch-Kostüm bekommen, dafür sorgt das für den Verleih zuständige «Kostümkomitee»: Zwischen den Gestellen wetzen Damen hin und her, bringen neue Kostüme zu den Tischen und schauen mit den Kindern und deren Eltern, dass alles sitzt.

Zwischen 20 und 60 Franken kostet ein Kostüm. «Ein grosser Teil dieses Geldes wird wieder in die Kostüme gesteckt», sagt Komitee-Chefin Christa Gabsa. Ein Kernteam von acht Frauen sowie rund 60 Helferinnen und Helfer arbeiten ehrenamtlich für die Kostümvermietung.

Nur so können die Kostüme zu einem erschwinglichen Preis angeboten werde, sagt Christa Gabsa. Damit könne man fast allen eine Teilnahme ermöglichen, die teilnehmen möchten.

Zwar erfolgt die Vergabe der Kostüme aufgrund der grossen Nachfrage nach einem strengen System: Am letzten Samstagmorgen musste man sich telefonisch eine Nummer sichern, um danach im Kongresshaus ein Kostüm holen zu können.

Ein Vater, der mit seinen Kindern deswegen keinen Einlass erhält, regt sich darum auch lauthals auf. Doch im Gegensatz zum Sechseläuten-Marsch am Montag ist der Kinderumzug am Sonntag für alle offen, unabhängig ob Mitglied in einer Zunft oder nicht.

Mehr noch: Während bei den Erwachsenen die Diskussion, ob die Frauenzunft nun mitlaufen dürfe oder nicht, stets für rege Diskussionen sorgt, ist beim Kinderumzug das weibliche Geschlecht klar in der Überzahl.

Zu den wenigen Buben gehören der elfjährige Fabian und sein achtjähriger Bruder Tobias, welche gerade ihre Biedermeier-Fräcke und Zylinder büscheln. Gleich nebenan betrachtet sich derweil die achtjährige Noemi zusammen mit ihren zwei Kolleginen Julia (9) und Joelle (10) im Spiegel.

«Es macht immer viel Spass, auch wenn wir das letzte Mal ziemlich verregnet wurden» sagt sie. Auch schon oft dabei waren die beiden Geschwister Emilia (9) und Selma (11), die gerade spanische Barock-Gewänder anprobieren. «Ich bin in Zürich aufgewachsen und der Umzug gehört für mich einfach irgendwie dazu», sagt die Mutter Rebekka Graf (44), die als Kind selbst beim Umzug mitlief.

Kinder unterschiedlicher Herkunft

Auch für Daniela Langenauer, die Mutter der neunjährigen Maraya, gehört der Kinderumzug mittlerweile zum Standardprogramm. «Mir gefällt, dass hier alle willkommen sind und Kinder unterschiedlichster Herkunft mitlaufen.» Darum hat Mireya dieses Jahr auch gleich ihre Freundin Sofia und deren Bruder Emilio mitgenommen, die im Sommer aus Mexiko hierhergezogen sind.

«Mireya hat mir erzählt, wie toll der Kinderumzug sei, da wollte ich auch hin. Ich freue mich», erzählt Sofia lächelnd. Und auch ihr Bruder Emilio scheint derweil wieder zufrieden zu sein: Das ungeliebte erste Gewand wurde gegen ein neues ausgetauscht.