Bei sommerlichen Temperaturen drängen sich jeweils Tausende von Sonnenhungrigen am Zürcher Seebecken. Ein Sprung ins kühle Nass lockt.

Nur: Die Promenade zwischen Bellevue und Riesbach, eine Art Visitenkarte der Stadt, ist zum Baden denkbar ungeeignet.

Die Quaianlagen enden am See mit einem massiven Eisengeländer und Sitzbänken. Wer den Sprung ins Wasser wagt, muss anschliessend klettern, um wieder hinauszukommen. Die Quaianlagen dienen primär zum Flanieren.

Das wollen die jungen Zürcher Architekten Nicolaj Bechtel und Stefan Wülser ändern: Zusammen haben sie eine «Vision Stadtstrand Zürich» entworfen. Vom Bellevue bis zum Riesbach schlagen sie direkt am Wasser eine Abfolge von Sitzstufen, sonnigen und schattigen Liegeflächen, Sprungbrett, Aussichtsterrasse sowie einen Pavillon mit Kiosk vor.

«Als Architekturbüro wollen wir nicht nur Häuser bauen, sondern uns auch um den öffentlichen Raum kümmern», sagt Bechtel. Konkreter Auslöser für die Vision «Stadtstrand Zürich» sei ein Ferienaufenthalt in Kroatien gewesen. «Dort sah ich, wie mit einfachen Mitteln grosszügige Strandanlagen ermöglicht wurden.»

Die beiden Architekten, die seit 2012 zusammenarbeiten, liessen sich davon inspirieren. Sie interpretieren das Seeufer zwischen Bellevue und Riesbach neu als eine Art durchgehende Betonskulptur, die zum Baden, Sonnen, Sitzen, Lesen, Spielen, Diskutieren und Picknicken einlädt.

Kleiner Eingriff zur Bereicherung

«Was das Ganze kosten würde, haben wir bewusst nicht durchgerechnet», betont Bechtel. Das Projekt sei als Utopie gedacht, bei der sich die Architekten die Freiheit nahmen, ganz so zu planen, wie sie es für gut erachten.

«Wir wollen zeigen, wie mit einem kleinen Eingriff das Gesicht der Stadt fundamental bereichert werden könnte», sagt Bechtel. Die Idee dahinter sei es, eine Diskussion anzuregen. Das Projekt sei ohne vorgängige Rücksprache mit der Stadt entstanden.

Es ist nicht das erste Mal, dass neue Ideen zum Zürcher Seeufer entwickelt werden. 2004 hatte das Hochbaudepartement der Stadt Zürich unter dem Titel «Visionen zum Seeufer» eine Konzeptstudie mit Beiträgen verschiedener Architekturbüros veröffentlicht. Unter anderem darauf aufbauend, verabschiedeten Stadt und Kanton Zürich 2009 das «Leitbild Seebecken». Es ist noch heute für die Entwicklung des Zürcher Seebeckens massgeblich.

Zum Uferabschnitt vom Bürkliplatz bis zum Utoquai, der auch das nun von Bechtel und Wülser neu interpretierte Gebiet umfasst, heisst es in dem Leitbild: «Die Gestaltung und Möblierung des Stadtraumes entsprechen nicht mehr dem heutigen Standard. Dieser für die Stadt äusserst wichtige Ort ist einer generellen Aufwertung zu unterziehen.» Dabei sei auch eine Aufwertung oder Ergänzung des Gastronomieangebots zu klären.

Konkrete Projekte stagnieren

Zwei konkrete Projekte, die aus den «Visionen zum Seeufer» und dem Leitbild entstanden, sind bis jetzt nicht vorangekommen: Ein Restaurant auf einer Plattform im See beim Bürkliplatz erklärte Baudirektor Markus Kägi vor knapp einem Jahr zwar für machbar und verkündete, das kantonale Tiefbauamt suche eine Trägerschaft und Investoren für die Idee. Jetzt wird die Machbarkeit eines Seerestaurants beim Bürkliplatz «vertieft abgeklärt», wie Dominik Bonderer, Sprecher der kantonalen Baudirektion, sagt. Gegen Ende dieses Jahres werde die Baudirektion über das weitere Vorgehen entscheiden.

Das zweite Projekt – ein neuer Wassersporthafen auf der Höhe Tiefenbrunnen – hatte die Stadt Zürich aus Kostengründen gestoppt. Vor einem Jahr hiess es, private Investoren würden für das 90-Millionen-Projekt namens «Marina Tiefenbrunnen» gesucht. Laut Norbert Müller, Stabschef des Zürcher Stadtrats, sind derzeit verschiedene Trägerschaftsmodelle in Abklärung. Auch an möglichen Investoren fehlt es offenbar nicht: «Es gibt Interessenten», so Müller. Wann ein Entscheid über das Projekt fällt, bei dem Stadt und Kanton involviert sind, ist allerdings offen. «Voraussichtlich frühestens Ende Jahr», sagt Müller.