Mobile Schneiderei

Eine Zürcher Schneiderin geht mit fahrbarer Werkstatt auf Kundenfang

Die Schneiderin Simone Girardin hat ein mobiles Business aufgezogen. Sie steht zweimal die Woche für ihre Kunden in der Kälte: In einem Wohnwagen betreibt sie eine Schneiderei auf einem Parkplatz in Zürich-West.

Der Wohnwagen lugt hinter dem Gebäude hervor. Eigentlich darf er das nicht. Anhänger und Auto gehören jeden Dienstag und Donnerstag von 11 bis 14 Uhr exakt auf die beiden Parkfelder hinter dem Nebengebäude des Prime Towers. Doch der Kombi eines Handwerkers versperrt den Weg.

Es ist kalt. Bitterkalt. Simone Girardin wartet ungeduldig auf den Fahrer des Wagens. Die Uhr zeigt Viertel nach Elf, Girardin will ihre mobile Schneiderei installieren. «Tailor Trailer» nennt sie ihr Angebot, ein englisches Wortspiel, das so viel wie «Schneidereianhänger» bedeutet. Zweimal die Woche steht das Gefährt in Zürich-West. «Ich stehe gerade zur Hälfte auf dem Taxiparkplatz», sagt sie. Doch von einem Taxi ist glücklicherweise keine Spur.

Girardin führt seit dreissig Jahren ein Atelier im Zürcher Enge-Quartier. Zehn Jahre lang hat sie fürs Theater entworfen und geschneidert. Danach bot sie unter anderem Massanfertigungen an, heute macht ihre Firma «Mass für Mass» hauptsächlich Änderungen und Reparaturen: Hosen kürzen, Vestons korrigieren, Abendkleider anpassen, Jackenfutter reparieren, Jeans flicken. Oder einfach Knöpfe annähen.

Der Kundschaft gefolgt

Die Unternehmerin hat stets daran geglaubt, dass man dort sein muss, wo sich die Kundschaft aufhält. Nachdem Banken, Versicherungen und Kanzleien nach und nach aus der Enge weggezogen sind, beschloss Girardin, ihnen ins neue Businessviertel Zürich-West zu folgen.

Der Handwerker und sein falsch geparktes Auto sind mittlerweile auf und davon und Girardin positioniert ihren umgebauten Wohnwagen millimetergenau auf den gemieteten Parkfeldern. Dann öffnet sie die hinteren Türen und baut den Anhänger in wenigen Handgriffen zu einer Art Kiosk um. Im Innern hat sie eine Umkleidekabine installiert - und eine kleine Sitzecke. Doch ob die Kundschaft bei der Kälte ihre Hosen, Jupes und Hemden ausziehen will? «Nächste Woche kommt die Heizung, hoffentlich», sagt Girardin. Und wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, dann geschieht es auch, daran lässt sie keinen Zweifel.

Töfftransporter als Schneiderei

Von der Idee der mobilen Schneiderei bis zur Umsetzung waren gerade mal zwei Monate vergangen. Nach dem Umbau der Liegenschaft, in der seit dreissig Jahren ihr Atelier untergebracht ist, stieg die Miete. Höhere Kosten bei gleichbleibenden Umsätzen: Girardin beschloss, die Einbussen auszugleichen. Sie suchte nach einem passenden Wohnwagen - und fand ihn sogleich. Es ist ein Spezialmodell, mit dem Töfffahrer früher ihre Maschinen zu den Motorradrennen transportiert hatten.

Fünf Paar Hosen, eine Jacke, ein Jupe und ein Mantel warten im Wagen auf ihre Besitzer. Noch wagt sich niemand in die Kälte. «Die Leute kommen meistens in der Mittagspause», gibt Girardin zu Protokoll. Sie nimmt auch Kleidungsstücke für die Reinigung entgegen und bietet einen Reparaturservice für Schuhe an, sowie einen Hemdenservice.

Die eigentlichen Arbeiten machen sie und ihre vier Mitarbeitenden im Atelier. «Wenn die Heizung einmal hier ist, kann ich Handreparaturen auch vor Ort erledigen», so Girardin. Noch macht ihr dabei die Temperatur einen Strich durch die Rechnung.

Einkünfte decken bereits die Kosten

Mit der Resonanz auf ihr Angebot ist die Schneiderin zufrieden. Die Einkünfte würden die laufenden Kosten decken. «Natürlich könnte es mehr sein, aber das Geschäft muss sich erst herumsprechen», sagt sie. Das tut es bereits. «Neulich», so erzählt sie, habe sich eine langjährige Kundin von ihr in einem Flieger nach München mit ihrer Sitznachbarin unterhalten. «Diese hat von einem neuen Schneiderservice geschwärmt, beim Prime Tower», strahlt Girardin.

Dienstag und Donnerstag steht der Tailor Trailer auf dem Areal des Prime Towers. Bleiben Montag, Mittwoch und Freitag. «Ja, ich hätte gerne einen zweiten Standort für meinen Wagen», sagt Girardin.

Vermutlich wird es nicht lange dauern, bis sie einen solchen gefunden hat.

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