Generationen von Studierenden haben aus der Zentralbibliothek Zürich (ZB) Bücher nach Hause geschleppt, um ihr Wissen zu vertiefen. Dem ZB-Lesesaal haftet ebenfalls seit Generationen der Ruf eines ausgeprägten Flirtlokals an. Nun feiert die gute alte ZB ihren 100. Geburtstag. Sie begeht ihn mit einer Ausstellung unter dem ambitionierten Titel «Typisch Zürich!». Gestern Abend war Vernissage; ab heute ist die Ausstellung für die Öffentlichkeit zugänglich.

Der Ausstellungsmachern ist das Risiko ihres vorprogrammierten Scheiterns bewusst: «Genauso wenig, wie es nur eine Sicht auf Zürich gibt, kann diese Ausstellung jemals vollständig sein», schreibt Kuratorin Christine Baur in der Broschüre zur Ausstellung. Gleichwohl bietet ein Rundgang durch den Ausstellungssaal faszinierende Einblicke in die Geschichte und Gegenwart Zürichs, wie sie nur die ZB bieten kann. Schliesslich ist sie nicht nur Universitätsbibliothek, sondern hat gemäss ihren Stiftungsstatuten auch die Aufgabe, Dokumente zu sammeln, die in Bezug zur Geschichte von Stadt und Kanton Zürich stehen.

So reicht das Spektrum der Exponate von der Erstausgabe der Zwingli-Bibel aus dem Jahr 1531 über eine Sechseläuten-Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert bis hin zu Bleistiften des Schriftstellers Elias Canetti, die sorgfältig gespitzt und genauso angeordnet sind, wie er sie auf seinem Schreibtisch in Zürich hinterliess. Auch die Totenmaske des irischen Schriftstellers James Joyce, der im Zürcher Exil starb, ist zu sehen – nebst einem Bettelbrief in Gedichtform, mit dem die ebenfalls exilierte Schriftstellerin Else Lasker-Schüler den Bundesrat um eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung bat.

Die Pistole des Chefredaktors

Als Sammlungsgegenstand einer Bibliothek eher unerwartet ist die Pistole aus der Schreibtischschublade des legendären NZZ-Chefredaktors Willy Bretscher. Er hatte sie während des Zweiten Weltkriegs für den Fall bereitliegen, dass die Nazis in der Schweiz die Macht übernähmen. Mit seinem Nachlass gelangte die Waffe in den Fundus der Zentralbibliothek.

Die Ausstellung ermöglicht in elf Schaukästen anhand von ZB-Beständen eine chronologisch angeordnete Zeitreise durch Zürichs Geschichte. Sie führt vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit, das aufklärerische 18. Jahrhundert, das von der Industrialisierung geprägte 19. Jahrhundert ins 20. und 21. Jahrhundert. Daneben bieten neun weitere Schaukästen thematische Schwerpunkte zu den Stichworten Alltag, Bildung, Kunst, Musik, Politik und Wirtschaft, Religion und Literatur.

Rudolf Bruns Gesicht

Natürlich lassen sich in einem derart umfangreichen Themenfeld mit so weit gespannten historischen Rahmen die Themen jeweils nur antippen. Und doch ermöglicht die Ausstellung, anhand von Originaldokumenten innert einer guten Stunde Zürichs Geschichte besser kennenzulernen. Wer ein Flair für alte Schriften hat, wird fasziniert vor dem im 9. Jahrhundert handgeschriebenen Buch aus der Bodensee-Abtei Reichenau stehen, in dem auch das Personal des damals neugegründeten Zürcher Fraumünster-Klosters namentlich aufgelistet ist. Auch die zeitgenössische Abschrift der Zunftverfassung von Rudolf Brun aus dem Jahr 1336 lässt längst vergangene Zeiten plötzlich ganz nah erscheinen. Zumal neben den ersten Buchstaben dieses für Zürich wegweisenden Textes ein Gesicht gezeichnet ist, das wohl Brun darstellen soll.

Auch Zürichs jüngere Vergangenheit wird einem mit überraschenden Exponaten näher gebracht. So ist zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert eine Preisliste für Rohseide aus dem Archiv der Thalwiler Firma Schwarzenbach-Landis zu sehen. Und vom unvermeidlichen Alfred Escher erblicken Ausstellungsbesucher ein Porträt, das ihn als Zwölfjährigen zeigt. Gottfried Keller wiederum, der Inbegriff des Zürcher Schriftstellers, wird einem mit seinen Gemälden von einer ungewohnten Seite nähergebracht: Keller wollte ursprünglich Maler werden.

Der erste Zürich-Film

Je weiter die Ausstellung in die Gegenwart vordringt, umso reichhaltiger und unübersichtlicher wird die Auswahl an Ausstellungsgegenständen. Sie reicht vom ersten Film, der Strassenszenen aus Zürich etwa im Jahr 1905 zeigt, über das persönliche Gästebuch einer «Kronenhalle»-Kellnerin bis hin zu einem revolutionären 1.-Mai-Plakat aus Thalwil anno 1930. Weiter geht die Zeitreise zu einem Modell des Zürcher Hafenkrans – und endet bei einem USB-Stick, der die digitale Revolution andeutet.

Nicht immer ist ganz klar, was an den Exponaten typisch Zürich sein soll. Was allerdings nicht weiter schlimm ist. Schliesslich war und ist Zürich keine historische Insel, sondern stets auch ein Kind seiner Zeit. Die Ausstellung in der Schatzkammer der ZB lässt dies auf anregende Art Revue passieren. Sie dauert noch bis zum 2. Dezember.