Grasshoppers
Eine wichtige, neue Lebenserfahrung

Für Stéphane Grichting war die Rückkehr in die Schweiz oberste Priorität. Doch nicht zum FC Sion, sondern zu den Grasshoppers zog es ihn. Nun will er seine Erfahrung von zehn Jahren bei A.J. Auxerre einbringen.

Markus Brütsch, Niederhasli
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Stéphane Grichting und die neue Herausforderung im GC-Campus.

Stéphane Grichting und die neue Herausforderung im GC-Campus.

Spichale

Gennaro Gattuso heisst die neue Attraktion der Super League. «Eine gute Sache für den Schweizer Fussball», sagt Stéphane Grichting. «Ich habe schon mehrere Male gegen ihn gespielt; mit der U21- und mit der A-Nationalmannschaft, aber auch im Verein mit Auxerre.»

Dass er nun am Sonntag im Letzigrund ein weiteres Mal gegen den italienischen Mittelfeldstar antritt und nicht gemeinsam mit diesem für den FC Sion aufläuft, ist eine Überraschung. Vor allem im Wallis ist erwartet worden, dass der verlorene Sohn nach seiner Rückkehr aus dem Ausland zu seinem Stammverein zurückkehrt und zum Abschluss der Karriere noch ein paar Jährchen im Tourbillon die Schuhe schnürt. Für jenen Klub, mit dem er vor 15 Jahren als blutjunger Nachwuchsspieler und nach ein paar wenigen Einsätzen das Double gewonnen hatte.

Ja, mit einem Comeback hatte bis vor wenigen Monaten sogar Grichting selbst gerechnet. Weil es der Sittener Präsident Christian Constantin aber nicht eilig hatte mit einer Verpflichtung des 33-Jährigen, kam alles ganz anders. «Als Familienvater konnte und wollte ich nicht wochenlang warten, bis meine berufliche Zukunft geklärt war», sagt Grichting.

Da die Rückkehr in die Schweiz oberste Priorität hatte, stiessen die Grasshoppers und dessen Trainer Uli Forte auf offene Ohren, als sie dem 45-fachen Internationalen einen Transfer nach Zürich schmackhaft machten. Obwohl ein Umzug aus dem Burgund ins Wallis der Sprache wegen einfacher gewesen wäre und die Grichtings dort auch schon ein Chalet besitzen.

Schnell die neue Sprache lernen

«Wir betrachten die Zeit in Zürich als wichtige neue Lebenserfahrung», sagt Grichting, «und wir versuchen, die deutsche Sprache so schnell wie möglich zu erlernen.» Vor allem für die neunjährige Tochter und den sechseinhalbjährigen Sohn ist es nicht einfach, die dicken Freunde in Frankreich zurückzulassen. Bevor die fünfköpfige Familie – das jüngste Kind ist 18 Monate alt – in Neerach ins neue Zuhause einzieht, verbringt sie im Wallis noch ihre Ferien.

Ohne den Papa allerdings. Dieser befindet sich auf den letzten Metern der Saisonvorbereitung. «Sie ist bedeutend kürzer, als ich es aus Frankreich gewohnt bin», sagt Grichting. «Da es in der Ligue 1 keine Winterpause gibt, wird die Grundlage für die gesamte Saison jeweils im Sommer während sechs harten Wochen erarbeitet.»

Auf eine solche Tortur kann er jetzt zwar gut verzichten, nicht aber auf die Erinnerungen an seine zehn Jahre, die er bei der A.J. Auxerre verbracht hat. Zweimal, 2003 und 2005, hat er mitgeholfen, den französischen Cup zu gewinnen; allerdings ohne in den Finals im Stade de France auf dem Rasen mit dabei gewesen zu sein. Dafür stand er in jeder Minute auf dem Platz, als es vor knapp zwei Jahren in der Champions League gegen Zenit St.Petersburg, die AC Milan (mit Gattuso), Real Madrid und Ajax Amsterdam ging.

«Ich bin zufrieden mit dem, was ich in Auxerre erreicht habe», sagt Grichting. Zu Recht ist er stolz darauf, in dieser schnelllebigen Zeit ein ganzes Jahrzehnt demselben Verein gedient zu haben. Entdeckt und nach Auxerre geholt hatte den zähen Abwehrspieler einst Guy Roux. «Eine Trainerlegende und der Grossvater des Klubs», sagt Grichting. «Als er mich damals verpflichtet hat, ist er ehrlich gewesen und hat gesagt, dass ich erst spielen werde, wenn Philippe Mèxes oder Jean-Alain Boumsong den Verein verlassen», erinnert sich Grichting an die Anfangszeit, als viel Geduld gefragt war.

Gut gefüllter Rucksack

Zehn Jahre Ligue 1, weit über 300 Spiele in verschiedenen Wettbewerben, dazu zweimal WM- und einmal EM-Teilnehmer – diesen gut gefüllten Rucksack an hochkarätigen Erfahrungen hat Grichting auf den GC- Campus mitgebracht. Diese will er nun einbringen und im neuen Team eine Führungsrolle einnehmen. «Man spürt nach den vielen personellen Veränderungen die Aufbruchstimmung», sagt Grichting. Schritt für Schritt wolle man wieder dorthin kommen, wo der Rekordmeister einmal war: An die Spitze des Schweizer Fussballs. «In dieser Saison legen wir den ersten Stein», sagt Grichting und bezeichnet den fünften Rang als realistisches Ziel. «Basel, YB, Sion und Luzern dürften die ersten vier Plätze belegen», sagt der Abwehrchef der Grasshoppers, «danach aber kommen wir. Ich denke, wir sind bereit dafür.»