Für Personen, die die stationäre Jugendhilfe verlassen – also aus einem Heim oder einer Pflegefamilie austreten – gibt es einen Begriff. Das aus dem Englischen stammende Wort «Care Leaver» bezeichnet nichts anderes, als jemand, der die Jugendhilfe verlässt.

Der Schritt in die soziale und berufliche Selbstständigkeit stellt sie nach Austritt aus einer Institution vor ungeahnte Herausforderungen, weil fremdplatzierte Jugendliche oft Biografien aufweisen, die von Krisen geprägt sind. Ob ein nicht funktionierendes Familienleben, psychische Beeinträchtigung, Drogenabhängigkeit oder kriminelles Verhalten – die Vorgeschichten sind vielfältig. Entsprechend verfügen diese Jugendliche über ein vergleichsweise instabileres privates Umfeld und sind häufiger von finanziellen Unsicherheiten geplagt als Jugendliche, die im familiären Umfeld aufwachsen. Um Rückfallrisiken zu minimieren, Verschuldungen oder Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltages zu verhindern, gibt es seit 2013 das Projekt «Nachbetreuung – Nachhaltigkeit von Erziehungs- und Bildungsmassnahmen der Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime (ZKJ)».

Die Leistungen des Projektes werden in 16 Jugendheimen im Kanton Zürich angeboten. Finanziell ist dieser Pilotversuch von den Stiftungen Drosos und Mercator Schweiz bis 2018 unterstützt. Wissenschaftlich begleitet die Hochschule Luzern das Betreuungsangebot. Beatrice Knecht Krüger, Leiterin des Projektes, erklärt, warum eine Ansprechperson für Jugendliche, die aus dem Heim austreten, notwendig ist: «Dass Jugendhilfe bei Volljährigkeit, respektive dem Austritt aus der Pflegefamilie oder dem Heim endet, ist nicht zeitgemäss.»

Coaching bei Bedarf

Knecht verweist auf das im Kanton Basel-Stadt angewendete Kinder- und Jugendgesetz, das über eine Gesetzespassage verfügt, welches finanzierte Massnahmen bis zum 25. Lebensjahr sprechen kann. «Man investiert über Jahre hinweg in diese Jugendlichen und entlässt sie zum Teil unterstützungslos in die Selbstständigkeit. Welcher Jugendliche muss mit 18 Jahren zu Hause ausziehen und fortan ohne Hilfe seiner Eltern auskommen?», konkretisiert die Erziehungswissenschaftlerin ihre Forderung. Es könne nicht sein, dass junge Erwachsene dem Risiko ausgesetzt würden, wegen mangelnder Unterstützung in prekäre Lebenssituationen zu geraten oder gar zum Sozialfall zu werden.

Weil in der Übergangsphase zwischen dem Heimaustritt und dem Eintritt in die erwachsene Berufswelt kein vergleichbares Angebot besteht, hat die Stiftung ZKJ vor vier Jahren das Nachbetreuungs-Projekt lanciert. Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen bieten im Rahmen der Nachbetreuung Jugendlichen nach Austritt aus dem Heim Coaching für alltägliche Fragen an.

Das kann von der Hilfe beim Bewerben für eine Mietwohnung über die Begleitung bei Amtsgängen bis hin zu Gesprächen mit Ausbildnern gehen. Zudem erhalten Jugendliche bei berufsbezogenen Auslagen auch finanzielle Unterstützung. Dabei handelt es sich um niederschwellige Auslagen für Schulbücher, einen Satz Coiffeur-Scheren oder ein Abonnement für den öffentlichen Verkehr, um den Lehrbetrieb zu erreichen.

«Wir haben in den vergangenen vier Jahren elf junge Menschen bei Berufsauslagen unterstützt», so Knecht. Zwischen 2011 und März 2017 sind mehr als 950 über 14-jährige Jugendliche aus der Stiftung ZKJ ausgetreten. Davon entsprachen über 450 den Kriterien für die Aufnahme in das Projekt Nachbetreuung.

Jugendliche brauchen Rückhalt

Als Voraussetzung für ein Coaching durch das Projekt müssen Jugendliche mindestens sechs Monate in einem Angebot der Stiftung ZKJ platziert gewesen sein und die obligatorische Schule abgeschlossen haben. Zudem müssen die Teilnehmenden einer Ausbildung oder Beschäftigung nachgehen oder zumindest auf der Suche nach einer Anstellung sein. Das Projekt setzt dort an, wo keine andere professionelle oder staatlich finanzierte Unterstützung angeboten wird.

Bisher haben 70 Jugendliche insgesamt knapp 500 Coaching- oder Beratungsgespräche in Anspruch genommen. In halbjährlichen Abständen kontaktieren die Coaches des Projekts Jugendliche und erkundigen sich nach ihren Umständen. Während zum Austrittszeitpunkt fast die Hälfte der Projektteilnehmenden noch im Ausbildungsprozess drin ist, befindet sich noch rund ein Drittel in der Suchphase. Nur die Wenigsten sind bei Austritt bereits erwerbstätig und beruflich vollständig integriert.

Knecht sagt: «Für die jungen Menschen ist es wichtig, zu wissen, dass sie im Bedarfsfall eine Ansprechperson haben, wenn sie Unterstützung brauchen.» Bei den Treffen oder Telefonaten gehe es nicht nur um konkrete Tipps, sondern auch um Rückhalt und positive Bestätigung. So zumindest beschreibt es ein junger Mann im Alter von 20 Jahren: «Wenn du austrittst und keinen hast, der dich unterstützt, dann brauchst du eine Sicherheit. Du bist draussen und die ganze Welt steht vor dir.» Mit dem Projekt konnte die Stiftung ZKJ laut Knecht ein Angebot schaffen, welches sich in der Praxis bewährt und den Bedarf der Nachbetreuung bestätigt. Deshalb wäre es wünschenswert, so Knecht, dass weitere Nachbetreuungsangebote geschaffen sowie auf rechtlicher und politischer Ebene bessere Bedingungen für Care Leaver verankert würden.