Züri Fäscht
Eine Stadt während einem Wochenende im Ausnahmezustand

Schweiss, Gedränge und Uringestank konnten der Feierlaune der zahlreichen Besucher nichts anhaben. Wer Berührungsängste hat, ist am Züri Fäscht fehl am Platz.

Anina Gepp
Merken
Drucken
Teilen
Das grosse Feuerwerk über dem Zürichsee zog so viele Menschen an, dass die Massen auf der Quaibrücke in Panik gerieten.

Das grosse Feuerwerk über dem Zürichsee zog so viele Menschen an, dass die Massen auf der Quaibrücke in Panik gerieten.

Die Stirnen glänzen vom Schwitzen und die T-Shirts kleben an den Körpern. Die Menschenmassen in Zürichs Altstadt bewegen sich nur gemächlich unter der prallen Sonne vorwärts. Aus allen Richtungen riecht es nach Gerichten aus aller Welt. Am beliebtesten sind die heissen Fleischspiesse direkt vom Grill. Obwohl alle paar Meter ein Essensstand steht, sind die Warteschlangen lang.

Geduld und Zeit braucht auch, wer sich bis zum Seebecken hindurchkämpfen will. Wer Berührungsängste hat, ist am Züri Fäscht fehl am Platz. Immer wieder mal schwappt einem angetrunkenen Besucher das Bier über. Stören tut das scheinbar keinen. Die Stimmung ist heiter, die Köpfe wippen im Takt zur Livemusik oder den Songs, die aus den Lautsprechern dröhnen. Eine ältere Frau hält sich die Ohren zu - der Bass der elektronischen Musik geht durch Mark und Bein.

Luft anhalten beim Hochseilakt

Auf der Höhe des Grossmünsters gibt es plötzlich gar kein Durchkommen mehr. Alles bleibt stehen, die Smartphones werden gezückt und Richtung Himmel gestreckt. Hoch oben auf einem dünnen Seil steht der Seiltänzer bereit. 230 Meter Strecke in 50 Metern Höhe liegen vor ihm. Das Publikum, das sich rund um die Limmat versammelt hat, jubelt ihm erwartungsvoll zu. Dann wird es für einen Moment lang still. Der Seiltänzer wagt die ersten Schritte. «Er ist nicht gesichert, einzig die Balancierstange begleitet ihn», wiederholt die Kommentatorin alle paar Sekunden.

Während in der Menschenmenge kein einziges Lüftchen eine Abkühlung bringen könnte, flattert das seidene weisse Hemd des Balancierkünstlers im Winde. Mit ihm den Platz tauschen möchte dennoch niemand. «Der spinnt doch» und «lebensmüder Kerl» hört man im Gedränge der Zuschauer. Nach wenigen Minuten ist der Artist auf der anderen Seite des Seils angekommen und die Masse bewegt sich langsam, aber stetig Richtung See weiter.

Am Rande des Seebeckens springen durchtrainierte Männer in knappen Badehöschen mit dreifachen Rückwärtssaltos aus bis zu 20 Metern Höhe ins kühle Nass. Unter die athletischen Körper mischt sich ein Witzbold im pinken Kostüm, der in einem Einkaufswagen sitzend vom Sprungturm gestossen wird. Weniger elegant, aber von ebenso viel Applaus begleitet, landet auch er unversehrt im See.

Der Wachhund der Toilette

Je älter der Abend, desto ausgelassener die Stimmung. Der Alkoholpegel der Gäste ist merklich gestiegen. Wer offene Schuhe trägt, bereut seine Entscheidung spätestens jetzt, da ihm ständig auf den Füssen rumgetrampelt wird. Ein Problem scheinen alle zu teilen: Was an Flüssigem den Weg in die Mägen gefunden hat, muss wieder raus. Entsprechend lang sind die Warteschlangen vor den Toiletten. 500 WCs wurden für das Zürifäscht zusätzlich zu den vorhandenen Toiletten aufgestellt. Nicht genug für die riesige Besuchermenge.

Eine Angestellte in einem Restaurant im Niederdörfli steht wie der Wachhund vor der Toilettentür. Ein Stuhl verbarrikadiert den Zugang. «Sie müsse etwas kaufen, wenn hier wolle pisse», verkündet sie merklich schlecht gelaunt. So stellen sich die Besucher brav an und kaufen sich für fünf Franken einen halben Liter Wasser. Vielen ist das Anstehen für die Toilette zu blöd. Vor allem junge Männer ziehen für ihr Geschäft die Wände von Seitengässchen vor. Es stinkt nach Urin. Einige Anwohner haben vorgesorgt und ihre Hauseingänge mit Plastik ausgelegt.

Farbenfrohes Feuerwerkspektakel

Plötzlich geht in der Stadt das Licht aus. Stromausfall? Nein - das Feuerwerk wird gezündet. Wer jetzt auf der Quaibrücke steht, wünscht sich ganz weit weg. Doch um zu flüchten, ist es zu spät. Das farbenfrohe Spektakel über dem See wird fasziniert beobachtet. Dramatisch tönt klassische Musik ausden Boxen und untermalt die farbenfrohen Explosionen am Himmel.

Nachdem fast 400 000 Franken in die Luft geflogen sind, geht das Licht wieder an und die Party beginnt erst richtig. Auf der Tanzwiese am See beleuchten bunte Laserstrahlen die feierwütigen Gäste. Überall haben die Bars haben Hochbetrieb. Sie schenken bis in die frühen Morgenstunden Drinks aus. Die riesigen Haufen an Abfall sind am nächsten Tag die übrig gebliebenen Zeugen einer langen und ausgiebigen Partynacht.