Organspende
Eine Schwesternliebe, die das leben rettet

Sie hatte Lebertumor im Endstadium. Die Ärzte gaben Kinza Sigrist noch ein halbes Jahr zu leben. Doch dank ihrer Schwester überlebte sie – und muss dazu nicht einmal mehr Medikamente nehmen.

Adrian Portmann
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Nina Germann (links) spendete ihrer Schwester Kinza Siegrist einen Teil ihrer Leber und rettete dahmit ihr Leben.

Nina Germann (links) spendete ihrer Schwester Kinza Siegrist einen Teil ihrer Leber und rettete dahmit ihr Leben.

M. Dahinden

Dass Kinza Sigrist (25) noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder. Noch kein Jahr ist es her, seit sie die Rehaklinik nach einer riskanten Operation verlassen konnte. Acht Monate zuvor hatte eine Ultraschalluntersuchung zutage gebracht, warum sie seit längerem an Bauchschmerzen litt. Lebertumor im Endstadium, lautete die folgenschwere Diagnose.

Die Ärzte vom Universitätsspital Zürich gaben ihr noch zwei bis sechs Monate zu leben. Den Tumor verursacht hatte ein Fuchsbandwurm, mit dem sich die junge Frau vermutlich schon in ihrer Kindheit infiziert hatte. Neben der Leber war auch eine Hohlvene, Teile des Zwerchfells und des rechten Herzvorhofs von dem Parasiten befallen. Es sah nicht gut aus für die junge Frau. Trotzdem verlor sie den Mut nicht.

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«Bleib so, wie du bist!» Wer das seinem Gegenüber wünscht, meint es im Normalfall gut. Ich schätze deine Charaktereigenschaften, deine Persönlichkeit, meint man wohl damit: Du bist gut, so, wie du bist.

Trotzdem sollte man niemandem, dem man wohlgesinnt ist, im Ernst wünschen, dass er genau so bleibt, wie er jetzt gerade ist. Dass dies weder erstrebenswert noch möglich ist, wusste schon Büne Huber, der Sänger der Berner Band Patent Ochsner. In seinem Lied «Jänner» begegnet er dem Wunsch «Bliib so wie de bisch» mit einem «I bi scho morn nümm gliich wie hüt». Noch schöner sagt es der deutsche Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann: «Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.»

Deshalb wünsche ich auch dem Limmattal - so sehr ich es mag, oder eben gerade deshalb - zum Jahreswechsel nicht, dass es so bleibt, wie es ist. Denn Veränderung ist nicht nur unvermeidlich, die Dynamik tut dem Limmattal auch gut. Sie sorgt dafür, dass unsere Gegend je länger, desto mehr nicht mehr als Ruhrpott der Schweiz angeschaut wird, wie früher einmal, sondern als begehrenswerter Flecken Erde, als Ort, an dem man wohnen will.

«Ganz Zürich drängt nach Westen», sagt der Politgeograf Michael Hermann. Auch wenn das manchmal etwas beunruhigend wirkt, brauchen wir uns vor dieser Entwicklung nicht zu fürchten. Denn laut Hermann hat das Limmattal bisher erst die erste Stufe der Verstädterung erreicht, die noch nicht besonders attraktiv ist: Die Gegend ist schon dicht besiedelt, verkehrsreich, kaum mehr dörflich. Die zweite Stufe, die wieder mehr Liebliches, mehr Anziehendes, mehr Qualität bringt, steht uns noch bevor. Dann sollen im Zuge der Urbanisierung wieder kleinräumigere, quartierähnliche Strukturen entstehen: Läden, Gewerbe, Gastronomie, Fussgängerzonen. Darauf können wir uns freuen.

Ein integraler Teil dieser Entwicklung ist die Limmattalbahn. Als städtisches Tram wird sie die Achse der neuen Limmattalstadt stärken, wird Menschen von ihren Wohnungen zu Cafés, Läden, Büros und zur S-Bahn bringen und dafür sorgen, dass mehr Leute zu Fuss und mit der Bahn unterwegs sind, statt mit dem Auto unsere Strassen zu verstopfen. Auch darauf können wir uns freuen.

Entscheidend ist zudem, dass die Stadtentwicklung - das gilt auch für die Dörfer - behutsam und umsichtig geplant wird. Dass die neuen Quartiere nicht nur hingestellt und sich selber überlassen werden, sondern so gestaltet werden, dass sie sich mit Leben füllen können. Dass in den Erdgeschossen Läden sind, öffentliche Nutzungen, die zu Treffpunkten werden. Dass es Spielplätze gibt, Flaniermeilen, Dorfplätze, Grünzonen, Einkaufsmöglichkeiten, Kindergärten und Schulen. Auch darauf können wir uns freuen.

Deshalb sollten wir die Veränderung nicht bekämpfen, uns gegen das Neue nicht sträuben. Sondern den Entwicklungsprozess, der sowieso unaufhaltsam ist, mitgestalten. Einen Weg zurück gibt es nicht mehr, der einzige Weg führt nach vorne in die Zukunft. Blockieren wir ihn nicht, indem wir ängstlich versuchen, zu bewahren, was bereits im Wandel ist. Sondern beschreiten wir den Weg mit Zuversicht und Elan, damit er an einen lebenswerten Ort führen wird.

Dazu braucht es nicht nur viele Menschen, die sich engagieren. Sondern auch viele, die an die positive Entwicklung glauben. Damit das Limmattal - nächstes Jahr und in den kommenden Jahren - nicht bleibt, wie es ist. Sondern noch besser wird.

Blockieren wir den Weg in die Zukunft nicht, sondern beschreiten ihn mit Zuversicht.

Auf der Suche nach einem geeigneten Spender testete man als Erstes Nina Germann, ihre Schwester. Es war ein Volltreffer. Die Blutwerte stimmten so gut überein, dass sie als Spenderin infrage kam. Und sie erklärte sich bereit, einen Teil ihrer Leber zu spenden. Angst vor der Transplantation hatten die beiden Schwestern nicht. Sie seien von Beginn an optimistisch gewesen und hätten auch des Öfteren Witze über die Krankheit gemacht, sagt Kinza Sigrist. «Die Ärzte sagten uns dann, dass wir die ganze Sache doch etwas ernster nehmen sollten.» Neben dem Humor habe ihnen vor allem der Glaube an Gott geholfen.

Bis auf die Knochen abgemagert

Während einer elfstündigen Operation ersetzten die Ärzte alle vom Tumor betroffenen Stellen mit Spendegewebe. Nach dem schwerwiegenden Eingriff lag die Patientin vier Wochen im künstlichen Koma. Nach der Intensivstation folgte ein Aufenthalt in der Rehaklinik Schloss Mammern am Bodensee.

Kinza Sigrist musste neben vielem anderem das Schlucken und Gehen wieder lernen. «Ich war völlig abgemagert und meine Muskeln hatten sich durch das lange Liegen zurückgebildet», erinnert sie sich. Ehemann Damian Sigrist besuchte sie täglich in der Klinik. «Mein Arbeitgeber hatte mich für diesen Zeitraum freigestellt, damit ich Kinza jeden Tag sehen konnte», sagt er.

An Silvester 2012 war es dann so weit, und Kinza Sigrist konnte die Reha verlassen. «Hätten sie mich nicht gehen lassen, wäre ich ausgebrochen», sagt sie und lacht. Es seien ganz banale Dinge gewesen, die sie vermisste, «zum Beispiel in den Supermarkt zu fahren oder alleine zum Kühlschrank zu gehen».

Sie muss keine Medikamente nehmen

Wieder zu Hause, wurde ihr bewusst, dass sie noch immer stark geschwächt war. Zu diesem Zeitpunkt wog sie gerade noch 42 Kilogramm. «Die Zeit nach der Reha verbrachte ich damit, das nachzuholen, was mir vorher nicht möglich war», sagt Sigrist. Sie besuchte ihre Freunde und genoss es, wieder unter ihren Lieben zu sein. Ausserdem habe sie viel geschlafen, manchmal bis zu 15 Stunden. Sie erholte sich allmählich von den Strapazen der Operation, und von Woche zu Woche ging es ihr besser. Heute hat sie wieder ihr Normalgewicht erreicht, und vom Eingriff zeugen nur noch die Narben an ihrem Körper.

Erstaunlich auch, dass die junge Frau keinerlei Medikamente gegen die Abstossung des fremden Organs nehmen muss. Die Blutuntersuchungen zeigten eine ungewöhnliche Übereinstimmung des Blutes der beiden Schwestern, sodass ein Leben ohne Immunsuppressiva möglich ist. Wenn Kinza Sigrist auf die leidvolle Zeit zurückblickt, sind es nicht die traurigen Momente, an die sie sich erinnert.

Sie habe während dieser Zeit sehr viel über das Leben gelernt, so zum Beispiel auch im Schlimmsten das Positive zu sehen, sagt sie. «Und ich bin erwachsen geworden.» Ihr Glaube an Gott habe sich noch verstärkt. In ihrem Beruf als Krankenschwester trifft sie auf Menschen, die mit einem ähnlichen Schicksal zu kämpfen haben. Kinza Sigrist begegnet immer wieder Patienten, die an Leberkrebs erkrankt sind. «Es freut mich, mit meiner Geschichte etwas Zuversicht schenken zu können», sagt sie.