Winterthur
Eine Pizza auf Kosten des Stadtpräsidenten: Betrüger lässt Politiker für seine Pizzen bezahlen

Rechnungen für nie bestelltes Essen riefen die Polizei auf den Plan. Betroffen waren mindestens 35 Winterthurer, die meisten davon Politiker.

Michael Graf
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Der Betrüger bestellte sich Pizzen - und liess Politiker dafür zahlen.

Der Betrüger bestellte sich Pizzen - und liess Politiker dafür zahlen.

KEYSTONE/AP/SALVATORE LAPORTA

Fredy Künzler staunte nicht schlecht, als er die Rechnung im Briefkasten fand: 55.15 Franken sollte er an eine Abrechnungsfirma namens Powerpay bezahlen. Als Grund wurde eine Bestellung beim Lieferportal Eat.ch angeführt, die er am 11. Februar um drei Uhr morgens getätigt haben soll.

«Zu diesem Zeitpunkt war ich gar nicht zu Hause, sondern in Südafrika», sagt der SP-Gemeinderat und Telecomunternehmer. Sein Mitarbeiter und Gemeinderatskollege Thomas Deutsch (EVP) hatte sogar noch dickere Post im Briefkasten; gleich 270 Franken hätte er an Powerpay überweisen sollen. Und auch seine Partei- und Ratskollegin Lilian Banholzer hatte eine Powerpay-Rechnung für nie bestelltes Essen bei Eat.ch bekommen. Beim Lieferportal zeigte man sich in all diesen Fällen kulant und stornierte die Rechnungen anstandslos. «Als ich sagte, ich sei aus Winterthur, fragten sie mich gleich, ob ich Politikerin bin», berichtet Banholzer.

Der Stapi fackelte nicht lange

Der Stadtpolizei sind bis dato rund 35 ähnliche Fälle bekannt, die zwischen Dezember und März stattfanden. Die Deliktsumme beträgt mehrere Tausend Franken. Auffällig: Die Mehrheit davon betraf Lokalpolitiker. Selbst Stadtpräsident Michael Künzle hat eine betrügerische Rechnung erhalten; und sie unverzüglich an die Stadtpolizei weitergeleitet.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Bezahlmethoden ist Powerpay nicht an ein Bankkonto oder eine Kreditkarte gebunden. Um ein Konto zu eröffnen, reichen einige persönliche Daten wie Wohnadresse und Geburtsdatum. Der Kunde kann über sein Powerpay-Konto im Internet Sachen kaufen und erhält Ende Monat eine Gesamtrechnung zugeschickt. Und hier liegt der Hund begraben: Das Geburtsdatum der Politiker steht auf der Website des Grossen Gemeinderates, die Adresse findet sich im Telefonbuch.

Das hat wohl auch der Betrüger gemerkt. «Der mutmassliche Täter ist ein 29-jähriger Schweizer», sagt Stadtpolizei-Sprecherin Bianca Lussi. Seit Anfang März habe man ihn im Visier gehabt. Er sei geständig. Abgeschlossen sind die Ermittlungen aber noch nicht. So gebe es zum genauen Vorgehen und auch zum Motiv noch offene Fragen. Eine politische Motivation liegt jedenfalls nicht nahe, denn es waren bürgerliche wie linke Politiker betroffen. Wohl eher freute er sich am Schabernack, den die von ihm entdeckte Sicherheitslücke ermöglichte. Und am Essen auf fremde Kosten: Die Bestellungen liess er nämlich jeweils zu sich nach Hause liefern.

Bezahldienst blockiert

Bei Eat.ch hat man Powerpay inzwischen als Bezahlmethode blockiert. «Wir versuchen, unseren Kunden viele Zahlungsmöglichkeiten anzubieten. Aber wir kamen zum Schluss, dass Powerpay in dieser Form eher nicht zu unserem Geschäftsfeld passt», sagt Nick Strekeisen, Bereichsleiter bei Eat.ch. Ausser der Winterthurer Betrugsserie seien ihm zwar keine anderen Problemfälle bekannt. Doch die Natur des Food-Liefergeschäfts, wo Empfangsscheine unüblich sind, sei einfach weniger dafür geeignet als etwa eine Möbelbestellung, wo der Empfänger die Lieferung quittierten muss.

Powerpay, ein Produkt der St. Galler MF Group, gibt es seit einigen Jahren. Es ist bei einer ganzen Anzahl von Schweizer Versendern und Dienstleistern im Einsatz, darunter Media-Markt, Schubiger Möbel, Denner und Hotelplan. Um erfolgreich ein Powerpay-Konto zu eröffnen, ist laut Auskunft von Mirko Bazzichet von der MF Group unter anderem eine positive Bonitätsprüfung nötig, die von der grössten Schweizer Wirtschaftsauskunftei durchgeführt wird.

«Zwingend ist ausserdem, dass die Liefer- und Rechnungsadresse identisch sein müssen und dass bei der Warenübergabe der Empfang vom Kunden quittiert werden muss», sagt Bazzichet. Offenbar sei dieser Grundsatz in den vorliegenden Fällen nicht eingehalten worden, da die Lieferung jeweils an eine andere, im Bemerkungsfeld der Onlinebestellung erfasste Adresse geliefert wurde. Bei Powerpay prüfe man nun, ob man Eat.ch, gestützt auf diese Erfahrung, eine «massgeschneiderte Bezahllösung» anbieten könne, die «den Eigenheiten des Food-Liefergeschäfts gebührend Rechnung trägt».