Der Abgesang auf ein Stück Zürcher Subkultur findet sich in einem aktuellen Reiseführer, dem Marco-Polo-City-Atlas Zürich: «In stillgelegten Fabrikhallen blühte einst die städtische Subkultur. Durch den Bauboom in den Industriequartieren sind diese Freiräume fast gänzlich verschwunden.» Auf einem Fabrikareal im Zürcher Binz-Quartier an der Üetlibergstrasse 111 gedeiht jedoch noch immer eine Oase der Subkultur. Sie zählt zu den ältesten und grössten Hausbesetzungen in der Stadt.

In einer Tonne wuchern Zucchetti, während aus der alten Fabrikhalle Punkrock wummert. «Du kannst Dich schon umschauen, aber vielleicht wirst zu angefickt», sagt einer der Bewohner zum Besucher. «Es ist ein offenes Gelände, aber manchmal nervts halt.» Auch wenn sie das Areal auf eine Art gestaltet haben, die es zur Sehenswürdigkeit macht: Die Bewohner der Gross-WG in der Binz schätzen ihre Privatsphäre.

Familie Schoch nennen sie sich, sind Handwerker, Kulturschaffende, Freaks, und haben die seit 2006 besetzte Fabrik mit irrwitzigen Installationen versehen: Auf einem Dach rostet ein Mondraketen-Imitat vor sich hin. Unweit davon steht ein aus Fenstern gefertigter Glaskubus. Eine Holzbalken-Skulptur reicht bis unters Dach der grossen Fabrikhalle. Da hängt ein Propeller. Dort stehen Traktoren und Motorräder. Ein Wohnwagen dient gelegentlich als Bar. Improvisierte Einbauten in der Halle sind Wohnräume, verbunden durch ebenso improvisierte Treppen. Dazwischen Liegestühle, Tische – und Schrott, der seiner Weiterverarbeitung harrt.

Zwei Dutzend besetzte Häuser

Die Besetzer sind geduldet, wie an vielen verlassenen Orten in Zürich, für die noch keine Neunutzung feststeht. Rund zwei Dutzend besetzte Häuser gibt es derzeit in der Stadt, etwas mehr als im langjährigen Durchschnitt, wie bei der Stadtpolizei zu erfahren ist.

Die Besetzer-Szene hat sich arrangiert mit dem, was die Stadt ihnen lässt. «Alles wird gut. Oder so», schrieb einer von ihnen, der sich Kala nennt, in einer E-Mail an die Medien, als vor einer Woche Besetzer ein Haus in Zürich-Altstetten verlassen mussten, «mit fadenscheiniger Begründung und unter Androhung von Gewalt.» Wut klang an in seiner Mail. Doch Kala fügte hinzu: «p.s.: Ein Zwischenraum bleibt immer.»

Arrangiert haben sich auch die Bewohner der Fabrik in der Binz. Sie zahlen einen Unkostenbeitrag für Strom und Wasser und haben sich verpflichtet, Rücksicht auf die Nachbarn zu nehmen, bestätigt Thomas Maag, Sprecher der kantonalen Baudirektion. Das Areal gehört dem Kanton Zürich seit 1983. Seither zerschlugen sich diverse Pläne für neue Nutzungen. Und noch immer ist offen, wie es weitergeht.

Optionen sind laut Maag Eigenbedarf durch den Kanton oder Vergabe an den Meistbietenden im Baurecht. Nicht gewinnorientierte Gewerbe- und Wohnnutzung, wie sie zwei SP-Gemeinderätinnen letzten Sommer in einem Postulat forderten, sei derzeit kein Thema. Der Regierungsrat hielt bereits 2009 fest, er strebe «marktkonforme Erträge» für das Areal an. Zunächst einmal gelte es ohnehin, Untersuchungen bezüglich Altlasten abzuwarten, so Maag weiter. «Bis dahin sind die Hausbesetzter geduldet, sofern sie die vereinbarten Abmachungen weiterhin einhalten.»