Zürich
Eine neue Art von Langzeitgästen hat Zürich für sich entdeckt

Die Grenze zwischen Hotellerie und Wohnungsmarkt verschwimmt. Die Zahlungskräftige Kundschaft bezieht immer mehr Quartier in möblierten Studios. Der Markt für die Businessappartements in Zürich boomt.

Matthias Scharrer
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Ein möbliertes Appartement für Businessnomaden befindet sich im Neubauprojekt beim Bahnhof Zürich Giesshübel.

Ein möbliertes Appartement für Businessnomaden befindet sich im Neubauprojekt beim Bahnhof Zürich Giesshübel.

Vereinzelt gibt es sie noch: Langzeitgäste, die sich teilweise über Monate in traditionsreichen Zürcher Hotels wie dem «Dolder», dem «Baur au Lac» oder dem «Schweizerhof» einmieten. Hört man sich in diesen Häusern um, so handelt es sich dabei meist um reiche, ältere Leute; zum Teil um solche, die wegen einer medizinischen Behandlung länger in Zürich bleiben; manchmal auch um Einheimische, deren Wohnung oder Haus gerade renoviert wird; oder um reiche Scheiche aus dem arabischen Raum.

Neue Art von Langzeitgästen

Doch eine neue Art von Langzeitgästen lässt die Grenze zwischen Hotellerie und Wohnungsmarkt verschwimmen: die sogenannten Businessnomaden – «Geschäftsreisende, die periodisch länger in Zürich sind», wie es «Dolder»-Sprecherin Vanessa Flack formuliert.

Mehr möblierte Appartements

Die Branche hat reagiert: «Businessappartements mit Hotelservice sind in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen», sagt Christian Frei, Direktor des Hotels Ascot in Zürich Enge. Der Grund: Für ein möbliertes Studio bezahle man pro Monat etwa 3000 bis 3600 Franken; ein gleich langer Aufenthalt in einem Drei-Sterne-Hotelzimmer koste hingegen rund 6000 Franken.

Das «Ascot» stieg laut Frei vor sieben Jahren mit sechs externen Wohnungen in den Markt der Businessappartements ein. Heute bietet es 30 Wohnungen in zwei Dependancen an. «Es läuft gut», sagt Frei. Die Appartements seien mit 70 Prozent besser ausgelastet als die Hotelzimmer (63 Prozent). Einen weiteren Ausbau der Businessappartements plant er indes nicht. «Es gibt immer mehr Anbieter», erklärt er. Ein besonders grosser verstärkt demnächst beim Bahnhof Zürich Giesshübel seine Präsenz um 206 möblierte Appartements.

4900 Franken für 70 Quadratmeter

Die Rede ist von der Visiongroup. 1999 von der damals 21-jährigen Winterthurerin Anja Graf gegründet, zählt das Unternehmen heute zu den Marktführern punkto Businessappartements. Es hat Dependancen in Genf, Lausanne, Berlin, München, Warschau, Wien und auf Mallorca. Allein in Zürich bietet die Visiongroup inklusive Giesshübel rund 600 möblierte Wohnungen an. Abgesehen von der Weihnachtszeit sind sie laut Mediensprecher Alain Gozzer zu 95 bis 100 Prozent ausgelastet. Zielgruppe seien hauptsächlich Geschäftsleute. Im Durchschnitt bleiben sie gemäss Gozzer drei Monate.
Die 206 neuen Wohnungen beim Bahnhof Giesshübel werden ab Ende Mai vermietet. Die Preise bewegen sich zwischen monatlich 1800 Franken für ein 17-Quadratmeter-Studio und 4900 Franken für eine 70-Quadratmeter-Attikawohnung. Darin inbegriffen sind wöchentliche Reinigung, Bettwäsche wechseln, Abfall entsorgen und sämtliche Nebenkosten inklusive Internet und Fernsehen.

Gozzer zeigt sich zuversichtlich, dass die nicht ganz billigen Appartements vermietet werden können: «Unsere Wohnungen in Zürich sind sehr gut ausgelastet. Mit dem neuen Projekt beim Bahnhof Giesshübel bringen wir ein ganz neues Produkt auf den Markt, das im Bereich möblierte Wohnungen neue Standards setzen wird und ideal auf unser Zielpublikum zugeschnitten ist.»

Mieterverband ist besorgt

Gar keine Freude am Trend zu immer mehr Businessappartements hat der Mieterinnen- und Mieterverband Zürich: «Wir beobachten das mit grosser Besorgnis», sagt dessen Geschäftsleiterin Felicitas Huggenberger. Vielfach würden an guten Wohnlagen günstige Wohnungen in teure Businessappartements umgewandelt. Dies sei ein ähnlicher Trend wie Luxussanierungen. Auch Neubauprojekte wie jetzt beim Bahnhof Giesshübel würden den Preisdruck erhöhen und nicht zu lebendigen, gut durchmischten Quartieren beitragen.
«Zudem leidet der Mieterschutz, da möblierte Businessappartements oft mit kurzen Kündigungsfristen und zu sehr hohen Preisen vermietet werden», sagt Huggenberger.