Prostitution
Eine Nacht mit der Polizei auf dem Strich

Der Sihlquai zieht hunderte von Freiern an. Sie fahren im Auto an den Prostituierten vorbei, picken sich eine heraus. Die Polizei kontrolliert regelmässig das Geschehen im Langstrassenquartier.

Sabine Arnold
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«Momentan wollen alle alles - zu Niedrigstpreisen», erzählen die Frauen den Polizisten.

«Momentan wollen alle alles - zu Niedrigstpreisen», erzählen die Frauen den Polizisten.

Heinz Diener

Die drei Polizisten sind in zivil unterwegs. Es ist kurz nach 22 Uhr. Bruno Oberhänsli, stellvertretender Chef der Fachgruppe Milieu- und Sexualdelikte der Stadtpolizei, und seine zwei Kollegen fahren in einem gewöhnlichen Auto das Sihlquai ab. Die Trottoirs sind leer. Seit Anfang Juni dürfen die Frauen auf dem Abschnitt zwischen Dammweg und Kornhausbrücke ihre Dienste erst ab 22 Uhr anbieten. Sie halten sich offenbar daran. Aber auch weiter vorne, wo sie bereits ab 19 Uhr arbeiten dürften, steht kaum eine.

Die Polizisten fahren in den Kreis 4. Sie stellen ihren Wagen ab und machen sich zu Fuss auf den Weg an die Langstrasse. «Hier ist der Strassenstrich genau so üblich wie am Sihlquai», sagt Oberhänsli. Viele Frauen würden tagsüber an der Langstrasse anschaffen und nachts am Sihlquai. Der Unterschied: An der Langstrasse ist die Strassenprostitution verboten. Die Beamten schlendern den vielen Kontaktbars und Nightclubs entlang – einzeln. Denn ihr Ziel ist es, sich von einer Prostituierten ansprechen zu lassen. Macht sie ein eindeutiges Angebot, kann der Polizist sie verzeigen.

Kokain vor dem Sex

Wirklich undercover unterwegs sein, kann der 41-jährige Polizist mit den freundlichen Augen und dem kahl rasierten Kopf nicht mehr. «Ciao Bruno, wie gehts?» fragt eine dunkelhäutige Frau in einem Hauseingang. «Gut, und dir?» antwortet Oberhänsli. Immer wieder bleibt er stehen und hält einen Schwatz: mit aufgetakelten Transsexuellen, einem Türsteher, Frauen in kurzen Jupes. Zum Teil spricht er Portugiesisch, das er in seinen bald neun Jahren bei der Sitte extra gelernt hat. In diesen Gesprächen informiert er sich über aktuelle Probleme oder Praktiken. Momentan wollten zum Beispiel viele Freier kurz vor dem Sex Kokain konsumieren. Die Prostituierten müssen also auch Drogen in ihr Angebot aufnehmen.

Oberhänsli und seine Kollegen verschaffen sich während vieler Nächte eine Übersicht über das Rotlichtmilieu. Eine schwierige Aufgaben im schwer überblickbaren Langstrassenquartier. Die zwölf Polizisten seiner Abteilung – darunter zwei Frauen – seien so oft wie möglich draussen unterwegs.

Welt mit eigenen Regeln

Als Vorgesetzter komme er nur noch etwa alle zwei Monate dazu, eine Patrouille zu begleiten. Diese Kontrollgänge seien für ihn dennoch wichtig, um «das Gspüri nicht zu verlieren». Oberhänsli reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. Was dieses Gespür ausmache, sei schwierig zu beschreiben. Das Rotlichtmilieu sei jedenfalls eine Welt mit eigenen Regeln.

Diese Welt geriet aus den Fugen, als die Ungarinnen kamen. Mit der Einführung der erweiterten Personenfreizügigkeit im Frühling 2006 drängten Prostituierte aus Ungarn auf den Markt, darunter viele Roma. Diese Frauen seien oft Opfer von Menschenhandel, arbeiteten also unter Zwang, sagt Oberhänsli. Im Zusammenhang mit den Roma-Zuhältern komme es ausserdem zu Gewaltverbrechen und Sexualdelikten. «Wir haben viel mehr zu tun.» Die Ungarinnen drücken auch die Preise nach unten, gerade auf dem Strassenstrich, wo sie ohnehin am tiefsten sind.

Der Stadtrat sah sich zum Handeln veranlasst, nicht zuletzt weil sich Anwohner des Sihlquais beschwerten. Die Stadt beabsichtigt, bis spätestens nächsten Frühling ein neues Regime, bestehend aus einer Prostitutionsgewerbeverordnung und einem neuen Strichplan, einzuführen. Zentraler Punkt darin ist, dass die Frauen für den Strassenstrich neu eine Bewilligung brauchen. Zudem soll der Strich bis nächsten Frühling ganz vom Sihlquai verschwinden. Als Alternative wird auf einem Areal in Altstetten ein Strichplatz mit Sexboxen eingerichtet. Oberhänsli ist gespannt, ob sich der Strassenstrich dorthin verlegen lassen wird.

Busse für Freier

Nach Mitternacht fahren die drei Polizisten noch einmal ans Sihlquai und parkieren vor dem Swissmill-Gebäude. Sie kontrollieren zwei junge blonde Frauen, die über der Unterwäsche nur Lederjacken tragen. «Generell schauen wir, ob sie über eine Meldebestätigung verfügen, ob wir sie kennen und wie alt sie sind», sagt Oberhänsli.

Autos mit Zürcher, Aargauer und Thurgauer Kennzeichen fahren vorbei. Viele wenden am Ende der Strasse und fahren wieder zurück. Gegen die Freier kann heute kaum vorgegangen werden. Dies wird sich mit der neuen Verordnung jedoch ändern, die auch Bussen für Freier vorsieht, die etwa ausserhalb einer Strichzone die Dienste einer Strassenprostituierten in Anspruch nehmen.

Drei Männer fallen den Polizisten wegen ihres ungarischen Autokennzeichens auf. Ein Hagerer mit Tätowierung spricht etwas Deutsch. Er sei zu Besuch bei seiner Schwester. Am Sihlquai suchten sie Frauen «zum Ficken». Weshalb am Sihlquai? Der Hagere zieht die Augenbrauen hoch: «Ganz Europa weiss, dass hier viele ungarische Frauen sind.»

«Momentan wollen alle alles»

Nicht in dieser Nacht. Zwischen Kornhausbrücke und Escher-Wyss-Platz stehen gerade mal sechs Frauen. Sonst würden hier 50 bis 80 Prostituierte anschaffen, erzählt ein Polizist. Drei Prostituierte stehen unter dem Viaduktbogen. «Weshalb läuft so wenig?» fragt Oberhänsli. Grund sei vermutlich das neue «Gesetz», sagt eine mit üppigem Dekolleté. Seit dieser Woche müssten die Ungarinnen einen Krankenkassenausweis vorweisen, um eine Bewilligung zu erhalten. Vielleicht seien sie nach Ungarn zurückgereist, um diesen zu holen, vielleicht seien sie woanders hin.

Das wäre ihr recht, sagt die Üppige. «Dann steigt auch das Niveau der Kunden wieder. Momentan wollen alle alles – zu Niedrigstpreisen.»