Recht im Comic
«Eine Illustration kann ein teures Gerichtsverfahren verhindern»

Der Verein Zentrum für visuelles Recht übersetzt die Juristerei in farbige Bilder, die alle verstehen können. Anstatt sich durch trockene Fachliteratur durchzukämpfen, sollen Laien anhand von Bildern und Grafiken sich ein Basiswissen aneignen.

Oliver Graf
Drucken
Teilen
Solche Comics sollen Situationen im Kindes- und Erwachsenenschutzrecht einfach und verständlich erklären. zvg

Solche Comics sollen Situationen im Kindes- und Erwachsenenschutzrecht einfach und verständlich erklären. zvg

zvg

Sie erklären das Recht in Bildern. Braucht das die als trocken verrufene Juristerei?

Caroline Walser*: Grundsätzlich ist dies ja kein neuer Ansatz, auch wenn er zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit geriet. Im Mittelalter gab es beispielsweise den bebilderten Sachsenspiegel. Dieser erklärte der breiten Öffentlichkeit, die damals des Lesens noch nicht mächtig war, das geltende Recht. Die Kirche machte es mit ihren farbigen Fenstern, die Szenen aus der Bibel zeigen, ja gleich.

Und jetzt brauchen wir wieder vermehrt Bilder statt Worte?

Ein Trend zu mehr Bildern ist natürlich generell feststellbar. Aber beim Projekt des sogenannten visuellen Rechts geht es um mehr als den reinen Zeitgeist. Darstellungen können helfen, komplexe Angelegenheiten nachzuvollziehen. Als ich an der Universität studierte, waren die Lehrbücher noch reine Textwerke, und dies erst noch in abschreckender, trist-grauer Aufmachung. Ich zeichnete mir jeweils selber Flussdiagramme auf, die etwa den Ablauf der Fristen zeigten. Mit einer solchen grafischen Darstellung liess es sich einfacher lernen.

Sie richten sich mit Ihren Publikationen aber an Laien. Weshalb?

Das Recht durchdringt jeden Bereich. Will man einen Gemüsestand aufstellen, muss man Auflagen erfüllen. Will man vor dem eigenen Coiffeurgeschäft mit einer Tafel werben, gilt es Reglementen nachzukommen. Diese Regeln muss man kennen. Nehme ich an einem Grümpelturnier teil, muss ich ja auch wissen, was auf dem Fussballplatz gilt. Sonst werde ich rasch mit einer roten Karte des Feldes verwiesen.

Ihre Kollegen aus dem Rechtsbereich werden keine Freude daran haben, wenn sie Laien ihre Spielregeln vermitteln.

Den Rechtsanwälten wird die Arbeit dennoch nicht ausgehen (lacht). Die beiden bislang erschienenen Broschüren zum Kindes- und Erwachsenenschutzrecht ersetzen sie ja nicht. Es geht darin vielmehr darum, Basiswissen zu vermitteln. Kann ich überhaupt gegen einen Entscheid vorgehen? Oder was muss ich bezüglich Fristen beachten?

Das kann man doch nachlesen?

Ja, durchaus. Aber gerade ein Laie kann sich nicht durch trockene Fachliteratur durchkämpfen. Er kann rasch über Hürden stolpern. So scheitern Beschwerden, die von einer Privatperson angestrebt werden, ja schon oft an der Zeit. Eine Frist von 30 Tagen, von einem ganzen Monat, klingt anfänglich noch lange. Doch zu lange zuwarten sollte ein Betroffener nicht. Denn muss er doch einen Anwalt hinzuziehen, benötigt dieser eine gewisse Einarbeitungszeit, um die Beschwerde seriös verfassen zu können. Zudem muss er ja auch noch gerade über freie Kapazitäten verfügen.

Aber braucht es dafür einen Comic?

Mit visuellem Recht sind nicht nur comicartige Zeichnungen gemeint. Sondern eben auch der Einbezug von Tabellen, Flussdiagrammen oder anderen grafischen Gestaltungsmöglichkeiten. Etwa eine einfache Grafik über den zeitlichen Ablauf im Beschwerdeverfahren. Es gibt teure Gerichtsverfahren, die sich hätten verhindern lassen, wären solche Hilfsmittel angewendet worden.

Inwiefern?

Es gibt beispielsweise eine Auseinandersetzung darüber, wie eine Frist auszulegen ist, bis zu der einer der beiden Vertragspartner einer Aufgabe hätte nachkommen müssen. Da bestehen je nach dem Vertragstext unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Manchmal führt schon ein fehlendes Komma dazu, dass eine Passage verschieden aufgefasst werden kann. Beginnt die Frist nun bei der Unterzeichnung der Vereinbarung zu laufen oder erst nach einer weiteren Handlung? Würden die Abläufe auf einer einfachen Zeitleiste eingezeichnet, könnten beide Seiten auf einen Blick erkennen, dass sie von unterschiedlichen Dingen reden, besonders wenn sie sich im internationalen Verhältnis einer Drittsprache wie meist Englisch bedienen. Und dies, lange bevor ein Gerichtsverfahren in Gang gesetzt werden müsste.

In Ihren Broschüren zum Erwachsenenschutzrecht bleibt es trotz Visualisierung bei viel Text. Ist das Recht doch zu kompliziert für Bilder?

Es ist nicht das Bestreben des visuellen Rechts, alles in Bilder zu übersetzen. Laut Studien wird auch vom übermässigen Gebrauch von Comics abgeraten – sie könnten die Leser ablenken. Visualisierung sollte deshalb nicht nur Spass sein, sondern ein überlegt eingesetztes, humorvolles Instrument. In einem Ratgeber braucht es meines Erachtens alles. Erklärende Bilder und Tabellen, die in die Materie hineinführen und diese erklären. Leicht verständliche Texte, die ohne den Juristen-Jargon auskommen, aber trotz ihrer Vereinfachung rechtlich korrekt bleiben. Und schliesslich auch den trockenen Gesetzestext, den die Interessierten Punkt für Punkt nachlesen können, sowie die Erklärung besonders wichtiger juristischer Begriffe, ohne die man nicht auskommt.

Erreichen Sie dank Ihren grafischen Darstellungen wirklich ein breiteres Publikum?

Ich bin überzeugt davon, dass diese Bilder zumindest mithelfen können, die Hemmschwelle herunterzusetzen, um sich mit einem wichtigen, aber an sich trockenen Thema auseinanderzusetzen.

Ein Bild als Türöffner?

Es kann einem Betroffenen die Angst nehmen. Gerade im Kindes- und Erwachsenenschutzrecht handelt es sich meist um unangenehme Situationen. Ein Kind wird fremdplatziert. Oder es droht eine andere einschneidende Massnahme. Da ist es wichtig, dass die Betroffenen einen Leitfaden haben, der ihnen hilft, sich zurechtzufinden.

In Ihrem Ratgeber zeigen Sie den Beschwerdeweg auf – haben sich Richter eigentlich schon wegen der Mehrarbeit bei Ihnen beklagt?

Die Beschwerde ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. In manchen Fällen, wenn etwas schiefgelaufen ist, ist sie durchaus angezeigt. Und dann muss man halt wissen, welche Schritte wann und wie zu unternehmen sind, damit sie vor Gericht überhaupt zugelassen werden. Nur schimpfen reicht nicht. Aber der Ratgeber zeigt auch auf, dass es gute Gründe gibt, sich nicht zu wehren und eine Massnahme anzunehmen. Denn wenn eine Behörde eine solche erlässt, hat sie meist triftige Gründe. Und durch Kooperation lässt sich oft auch eine gemeinsame Lösung finden, die für alle Seiten stimmen kann.

* Caroline Walser ist Rechtsanwältin und Präsidentin des Vereins Zentrum für visuelles Recht.

Aktuelle Nachrichten