Volksinitiative
«Eine Europaallee genügt»: Die SBB sollen das Neugasseareal zurückgeben

Der Verein Noigass fordert, dass auf dem Neugasseareal der SBB 100 Prozent gemeinnütziger Wohn- und Gewerberaum entsteht. Nun soll das Volk entscheiden.

Matthias Scharrer
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Die Noigass-Vorstandsmitglieder Evtixia Bibassis, Res Keller und Regula Weiss vor dem Neugasse-Areal.

Die Noigass-Vorstandsmitglieder Evtixia Bibassis, Res Keller und Regula Weiss vor dem Neugasse-Areal.

Matthias Scharrer

Noch ist es ein unansehnliches Stück Land mit SBB-Reparaturwerkstätten neben den Bahngleisen. Doch bis 2025 soll hier, mitten im Zürcher Kreis 5 neben der Josefwiese, ein neues Stück Stadt entstehen: Auf 30'000 Quadratmetern planen die SBB Wohn- und Gewerberaum. Drei Viertel davon sind für 300 bis 400 Wohnungen reserviert, von denen ein Drittel nach Kostenmiete, also gemeinnützig vermietet werden soll. So sehen es die Pläne vor, die die SBB mit Vertretern der Stadt Zürich erarbeitet haben und über die das Stadtparlament noch befinden wird.

Der Verein Noigass will diese Pläne nun korrigieren. Entstanden ist er im Rahmen des Partizipationsprozesses, mit dem die SBB Anwohner einbinden wollte, wie Noigass-Vorstandsmitglied Regula Weiss gestern vor den Medien sagte. «Wir Anwohner durften mitreden. Aber die Voraussetzungen waren nicht verhandelbar», erinnert sie sich. Das will der Verein mit seiner gestern lancierten Volksinitiative ändern. Sie verlangt, dass auf dem Neugasseareal zu 100 Prozent gemeinnütziger Wohn- und Gewerberaum entsteht. Die Stadt soll zu diesem Zweck, allenfalls gemeinsam mit Genossenschaften, das Land kaufen oder im Baurecht übernehmen, heisst es im Initiativtext. Bei einem Landkauf wäre laut den Initianten mit Kosten in Höhe von rund 60 Millionen Franken zu rechnen.

Anteil soll steigen

Der Verein Noigass beruft sich auf den 2011 vom Stimmvolk in der Zürcher Gemeindeordnung verankerten wohnpolitischen Grundsatzartikel. Demnach soll bis 2050 der Anteil gemeinnütziger Wohnungen in Zürich auf insgesamt ein Drittel steigen. Derzeit liegt er bei 27 Prozent.

Da auch der gewinnorientierte Wohnungsbau boomt, würde der Anteil gemeinnütziger Wohnungen aber sinken, wenn die Stadt sich bei Grossprojekten wie dem Neugasseareal mit einem Drittel gemeinnütziger Wohnungen zufrieden gäbe, erklärte Noigass-Vorstandsmitglied Evtixia Bibassis: «So kann die Stadt ihren politischen Auftrag nicht erfüllen.» Sie zitierte zudem aus dem Vertrag, mit dem die Stadt Zürich im Jahr 1846 dem SBB-Vorläufer Nordostbahn das Land für den Zürcher Hauptbahnhof günstig überliess. Darin sei festgehalten, dass das Areal «ohne Leistung von Entschädigungen» wieder zurück an die Stadt gehe, wenn es nicht mehr für Bahnzwecke genutzt werden solle.

«Eine Europaallee genügt»

Stattdessen hätten die SBB in den letzten Jahren ihre Areale regelrecht «vergoldet». So habe das SBB-Projekt Europaallee mit dazu geführt, dass die Bodenpreise im Langstrassenquartier innert zehn Jahren um 89 Prozent gestiegen seien. Die Noigass-Initiative steht denn auch unter dem Motto «eine Europaallee genügt», wie Vereinspräsident Res Keller sagte.

Der Verein Noigass hatte sein Anliegen im vergangenen November bereits mit einer von über 8000 Personen unterschriebene Petition bei den SBB und beim Zürcher Stadtrat eingebracht. «Wir wurden freundlich angehört», so Keller. Vom Zürcher Stadtrat habe es aber keine verbindlichen Signale gegeben. Und die SBB seien in der Sache hart geblieben. Laut Bibassis drohten sie gar, dass fünfzehn Jahre lang auf dem Neugasseareal nichts mehr gehe, wenn das geplante Projekt scheitere.

Damit die Volksinitiative zustande kommt, müssen die Initianten nun innert sechs Monaten 3000 Unterschriften sammeln. Sie zeigten sich zuversichtlich, dieses Ziel schon in deutlich kürzerer Zeit zu erreichen.