Zürich

Eine Essstörung trieb ihre Tochter in den Suizid – nun hilft Beatrice Weidmann anderen Betroffenen

Beatrice Weidmann sitzt in ihrem Garten in Effretikon.

Beatrice Weidmann sitzt in ihrem Garten in Effretikon.

Die Tochter von Beatrice Weidmann hungerte sich beinahe zu Tode und beging schliesslich Suizid. Jetzt will die Effretikerin nicht nur anderen Betroffenen sondern vor allem deren Angehörigen helfen.

Hilflosigkeit. Dieses Gefühl begleitete Beatrice Weidmann jahrelang. Hilflos musste sie zusehen, wie sich ihre Tochter selbst verletzte. Wie sie hungerte, bis sie nur noch Haut und Knochen war. Wie sie jegliche Hilfe ablehnte. «Dieses Gefühl war schlimm», sagt sie. «Zu sehen, wie schlecht es meiner Tochter geht und ihr nicht helfen zu können.»

Am 27. Mai war es zwei Jahre her, dass Lia ihrem Leben ein Ende setzte. Sie war gerade mal 20 Jahre alt. Beatrice Weidmann schaut mit gemischten Gefühlen auf diesen Tag. «Meistens komme ich gut mit der Situation zurecht», sagt sie. «Aber immer noch gibt es Tage, an denen ich nur weine oder absolut nichts denken kann.» Lia habe in Musicals mitgemacht, von den Auftritten existieren Filmaufnahmen. «Diese kann ich bis heute nicht ansehen.» Spricht Beatrice Weidmann über ihre Tochter, deren Essstörung, all die Probleme, die schliesslich im Suizid endeten, dann wirkt sie ernst, aber sehr gefasst.

Lebensfrohes, selbstsicheres Mädchen

Lia sei ein besonderes Kind gewesen, erzählt sie. Schon ihre Geburt verlief nicht ohne Komplikationen. Als sie 1998, drei Jahre nach ihrem Bruder, auf die Welt kam, wurde ein Nerv an der Schulter des Babys verletzt, was eine leichte Armbehinderung zur Folge hatte.

Das lebensfrohe, selbstsichere Mädchen habe ihre Zeit am liebsten mit Jungs verbracht. «Aber schon immer hatte ich eine unerklärliche Angst, dass ihr etwas passieren könnte», sagt Weidmann. «Sie machte auch oft spezielle Krankheiten durch.»

Die Eltern trennten sich, als Lia vier Jahre alt war. Die Mutter, die eine Ausbildung zur Schriftsetzerin machte und danach als Typografin weiter gearbeitet hatte, verlor zum gleichen Zeitpunkt den Job. Sie machte die Ausbildung zur diplomierten Kauffrau und arbeitete danach Teilzeit im Büro.

Mutter entdeckt Selbstverletzungen

Lia ging zur Schule. Sie sei intelligent und kreativ gewesen, wechselte nach der zweiten Sekundarklasse ins Gymnasium. In der kurzen Zeit zwischen Vorbereitung und Aufnahmeprüfung aufs Gymnasium habe Lia plötzlich nicht mehr gegessen. Auch wenn das teilweise mit der Nervosität erklärbar war, gab es deswegen zwischen ihr und ihrer Mutter grosse Differenzen. Lia zog vorübergehend zu ihrem Vater. Als sie nach der bestandenen Prüfung wieder bei ihrer Mutter wohnte, habe sie zwar wieder gegessen – aber nicht normal. «Sie ass tagsüber gar nichts und am Abend dafür sehr viel», erzählt Weidmann.

Kurz darauf bemerkte sie, dass Lia sich selbst verletzte. «Als ich sie darauf ansprach, sagte sie, dass sie unglücklich sei, aber niemanden damit belasten wolle.» Weidmann organisierte eine Therapie für sie, die das Mädchen nach einiger Zeit wieder abbrach.

Fotos von der Konfirmation zeigen eine wunderschöne junge Frau mit blonden langen Haaren, grünen Augen und einer völlig normalen Figur. Doch Lia habe mit ihrem Körper zusehends Mühe gehabt, oft gefragt, ob sie nicht zu dick sei. Sie nahm immer weiter ab, bis sie nur noch Haut und Knochen war. Es begann eine aufreibende Zeit mit vielen Gesprächen und auch Streitereien. «Ich versuchte alles, um sie zum Essen zu bewegen», erzählt Weidmann. Was alles nur noch schlimmer machte. «Heute würde ich es vielleicht anders machen. Leider wusste ich damals wenig bis nichts über diese Krankheit.»

Von Klinik zu Klinik

Beatrice Weidmann konnte sie immerhin dazu bringen, zu regelmässigen Gesprächen zu einer Fachärztin ins Kinderspital zu gehen. Als Lia mit einer Körpergrösse von 1 Meter 70 nur noch 35 Kilogramm wog, behielt man sie eines Tages dort. Es begann eine Odyssee von Klinik zu Spital zu Klinik. Immer ging es darum, dass Lia genug zunehmen musste, um wieder nach Hause zu können. «Man hat sie unter Druck gesetzt und ihr keine Zeit gelassen», sagt Weidmann. «Es ging immer nur darum, herauszufinden, warum Lia so geworden ist, was passiert sein könnte. Und darum, dass sie zunimmt.»

Das Mädchen verstiess jedoch gegen alle Regeln, fing an, Alkohol zu trinken, verweigerte sich der Therapie. «Sie war wie ein anderer Mensch», erinnert sich ihre Mutter. «Das war nicht mehr meine Lia.» Sie als Mutter habe es fast nicht ausgehalten, den Kampf, den die Tochter offensichtlich mit ihrem Körper führte, mit anzusehen. «Mich quälten die Fragen, was ich falsch gemacht habe, was ich hätte tun können, was ich hätte tun müssen.» Sie suchte auch für sich selbst Hilfe bei Fachleuten, anderen Betroffenen. «Aber es ist schwierig, weil Betroffene ungern darüber sprechen und es ein grosses Tabuthema ist.» Lia wollte sich nicht mehr helfen lassen, sagte, sie bekäme das alleine in den Griff.

Trotz aller Schwierigkeiten konnte Lia die Matur machen, jobbte danach im Laden einer Bekannten ihrer Mutter. Als Beatrice Weidmann im März 2018 zu ihrem Lebenspartner nach Effretikon zog, ging Lia zu Bekannten in Männedorf in eine Wohngemeinschaft. Acht Wochen später, an einem Samstagabend, beging sie Suizid. «Wir hatten an diesem Tag noch telefoniert», erzählt Weidmann. «Sie klang ganz normal. Aber als sie mir am nächsten Abend auf eine SMS nicht antwortete, wusste ich, dass etwas passiert sein musste.»

Denn Lia und sie seien immer in engem Kontakt gestanden. Schliesslich informierte die Polizei Beatrice Weidmann über das Unfassbare. «Ich konnte nicht weinen, nicht schreien», erinnert sie sich. «Ich stand unter Schock, war wie in Trance.»

Aufbau von eigenem Projekt

Als sich Weidmann einiger­massen gefangen hatte, fing sie an, sich noch ausführlicher mit dem Thema Essstörungen auseinanderzusetzen. Sie las Bücher, ging an Veranstal­tungen, forschte im Internet. Daraus entstand das «Mein-Herz-Projekt» mit eigener Homepage. Sie schrieb einen Vortrag über das Schicksal ihrer Tochter und die damit gemachten Erfahrungen, den sie an Schulen halten will. Sie wolle damit andere Eltern, Angehörige und Freunde von Betroffenen sensibilisieren.

«Lia ist gegangen und hat mir dieses Paket hinterlassen», sagt sie. «Daraus wollte ich etwas machen.» Sie wolle etwas bewirken, etwas weiter­geben. «Und im besten Fall ­anderen helfen.» Angehörigen, Leuten im Umfeld von Menschen mit Essstörungen. «Mir selbst fehlte damals am meisten der Austausch mit anderen ­Betroffenen.»

Mit den Schuldgefühlen hat sie sich mittlerweile versöhnt. «Heute weiss ich: Ich habe mein Bestes gegeben. Auch wenn ich einiges anders hätte machen können, hätte ich Lia wohl kaum retten können.»

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