Frauen, die ein Kind geboren haben, sollen zu Hause von einer Hebamme betreut werden. Sie wiegt das Kind, berät beim Stillen und kümmert sich um die Mutter. Bis zur 56. Woche nach der Geburt übernimmt die Krankenkasse bis zu 16 Hausbesuche. Eine Hebamme für das Wochenbett zu ergattern, kann aber schwierig sein. Viele sind derart ausgebucht, dass Frauen erst nach einem Dutzend Telefonate fündig werden.

Im Kanton Zürich will der 2015 gegründete Verein Familystart Zürich diese Lücke schliessen. Er hat Verträge mit dem Universitätsspital Zürich, dem Zürcher Stadtspital Triemli und dem Spital Zollikerberg abgeschlossen und organisiert allen Wöchnerinnen, die dort geboren haben, eine Hebamme. Für alle anderen kostet die Vermittlung 50 Franken. Seit der Gründung hat Familystart über 8'500 Frauen aus dem Kanton eine frei praktizierende Hebamme vermittelt.

Diese Woche hat auch das Kantonsspital Winterthur entschieden, mit Familystart einen Vertrag abzuschliessen. Noch verhandelt wird mit dem Spital Bülach. Der Verein finanziert sich zu je einem Drittel durch die Spitäler, die Standortgemeinden und die Hebammen als Mitglieder. Das erste Betriebsjahr liess der Verein wissenschaftlich begleiten. Der Abschlussbericht der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) liegt nun vor und zeigt, dass vor allem Familien in schwierigen Lebenssituationen von der Hebammenvermittlung profitieren.

Die Studie hat die 3'100 Frauen, denen Familystart 2016 eine Hebamme vermittelt hat, mit den rund 11'000 Frauen verglichen, die sich selbstständig organisiert haben. Es zeigt sich, dass die Familystart-Nutzerinnen zu 95 Prozent in einem der drei Spitälern geboren haben und mehrheitlich in der Stadt Zürich wohnen, vor allem in Zürich Nord. Der Ausländeranteil liegt bei 68 Prozent. Sie sind auch öfter von Armut betroffen, haben keine Berufsausbildung, sind alleinerziehend oder psychisch belastet. «Durch Familystart wurden viele Familien von Hebammen besucht, die sonst keine Betreuung erhalten hätten und durch die Maschen des Versorgungsnetzes gefallen wären», sagt Susanne Grylka von der Forschungsstelle Hebammenwissenschaft der ZHAW, die die Studie durchgeführt hat. Durch Hausbesuche erhielten die Hebammen Einblicke in Haushalte, die einem sonst verborgen blieben, sagt Grylka. Dies vereinfache es, den Familien Unterstützung zu organisieren, etwa über die Sozialhilfe, die Mütter- und Väterberatung oder psychologische Dienste.

Carolina Iglesias, Präsidentin des Vereins Familystart Zürich, ist nicht überrascht, dass das Hebammennetzwerk viele Frauen mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende und Armutsbetroffene anspricht. «Ausländische Familien kennen das Schweizer Gesundheitssystem oft nicht gut oder scheitern an sprachlichen Barrieren», sagt Iglesias. Dennoch wolle der Verein allen Frauen den Zugang zur Hebammenbetreuung erleichtern und strebt Verträge mit sämtlichen Spitälern im Kanton Zürich an. Wie gefragt das Angebot ist, merke man gerade in den Sommermonaten, wenn viele Hebammen in den Ferien sind und viele Mütter auf der Suche, sagt Iglesias. Im vergangenen Juli verzeichnete das Netzwerk einen Vermittlungsrekord mit 320 Frauen.

Entlastung für Spitäler

Für die Spitäler ist das Vermittlungsangebot laut Studie eine Entlastung. Der Organisationsaufwand für das Pflegepersonal hat sich durch Familystart um bis zu 85 Prozent reduziert. «Zudem lassen die Spitäler die Frauen nun mit einem guten Gefühl nach Hause», sagt Susanne Grylka. Durch die Nachbetreuung zu Hause werden etwa Wiedereintritte ins Spital verhindert, was sich überdies auch finanziell für die Spitäler lohne.
Auch die befragten Mütter empfinden die Hebammenvermittlung als entlastend. Und frei praktizierende Hebammen schätzen die unkomplizierte Organisation. Als Mitglieder des Vereins können sie per Smartphone-Applikation Aufträge übernehmen, wenn sie sonst noch nicht ausgelastet sind.

Allerdings haben die Hebammen auch Verbesserungsvorschläge. Da so viele Ausländerinnen Familystart nutzen, wünschen sich die Hebammen Unterstützung von Dolmetschern. Diese selber zu organisieren übersteige die finanziellen Möglichkeiten von Familystart, sagt Präsidentin Carolina Iglesias. Die Studienleiterinnen empfehlen deshalb, dass ein gemeinsamer Dolmetscher-Pool mit den Mütter- und Väterberatungen angestrebt werden solle. Weiter wird angeregt, dass sich das Hebammennetzwerk als Ombudsstelle weiterentwickeln könnte. Werde eine Frau etwa nach Hause entlassen, bevor sie für sich und ihr Kind selbstständig sorgen kann, melden viele Hebamme dies dem Spital, empfinden es aber als zusätzlichen Aufwand, wie Grylka sagt. Die Hebammen wünschen sich eine Ombudsstelle, die eher ernstgenommen werde und gezielter vorgehe als Hebammen.