«Es gibt immer mehr Gruppen, die das Gefühl haben, sie würden aus Zürich verdrängt», sagt Niklaus Scherr, AL-Gemeinderat und Ex-Geschäftsführer des Zürcher Mieterverbands.

Gemeint sind ältere Leute, die bei Häusersanierungen ihre günstige Wohnung verlieren; Familien, die ausser bei Genossenschaften kaum noch bezahlbaren Wohnraum finden; und junge Kreative, deren Nischen in besetzten Fabrikarealen zusehends verschwinden, wie aktuell im Labitzke-Areal in Zürich Altstetten. Ende Jahr muss es geräumt werden, weil die Immobilienfirma Mobimo dort eine Überbauung anstrebt.

Um auf die Problematik aufmerksam zu machen, hat eine Gruppe von Aktivisten für morgen Samstag unter dem Titel «Wem gehört Zürich» eine breit abgestützte Demonstration organisiert. Das Spektrum der Veranstalter reicht von der Hausbesetzerszene über Genossenschaften, soziale Organisationen wie die IG Sozialhilfe und die Zürcher Stadtmission, den Mieterverband bis zu den Parteien AL, Grüne und Juso.

Auch Zürichs Polizeivorsteher Richard Wolff überlegt sich eine Teilnahme an der bewilligten Demo, wie sein Sprecher Reto Casanova gestern auf Anfrage sagte. Der AL-Stadtrat hat sich im von ihm mit aufgebauten internationalen Urbanisten-Netzwerk Inura während Jahren intensiv mit Stadtentwicklung befasst.

«Grossflächige Vertreibung»

Als Grund, warum die Demo gerade jetzt stattfindet, nennt Scherr die anstehende Räumung des Labitzke-Areals. Was auch noch mitspielt: Vergangenen Frühling war eine Kundgebung gegen die damals anstehende Räumung des Binz-Areals in Randale eskaliert. Daher sei bei vielen der Wunsch aufgekommen, den Verlust von Freiräumen und günstigem Wohnraum nun mit einer breit abgestützten friedlichen Kundgebung zu thematisieren.

Scherr sieht die bevorstehende Räumung des Labitzke-Areals als Alarmzeichen für das Verschwinden von Freiräumen in Zürich: «Es ist wichtig, dass Nischen bleiben, sonst stirbt eine Stadt.» Die Entwicklung von Zürich West zum Boomquartier nennt er eine «grossflächige Vertreibung». Nachdem diese nun auch das Stadtrand-Quartier Altstetten erreicht habe, blieben kaum noch Areale für solche Freiräume und billigen Wohnraum übrig.

Auch der seit über 20 Jahren rotgrün dominierte Zürcher Stadtrat habe daran seinen Anteil. Als Beispiele nennt Scherr die Aufwertung des Langstrassenquartiers und jene der einstigen Transitachse Weststrasse nach der Eröffnung von Zürichs Westumfahrung. In beiden Fällen seien sozial Schwache, darunter viele Migranten, verdrängt worden. Auch bei der Entwicklung des neuen Stadtteils Europaallee beim Hauptbahnhof zum «Spekulationsobjekt der SBB» habe es der Stadtrat verpasst, Gegensteuer zu bieten.

Ein Patentrezept gegen diese Entwicklungen gebe es nicht, auch wenn mit der vom Stadtzürcher Stimmvolk beschlossenen Erhöhung des Anteils gemeinnütziger Wohnungen auf ein Drittel Ansätze vorhanden seien. «Unsere Botschaft lautet: Auch in einer Boomstadt muss man ein Augenmerk auf die Leute mit schlechten Karten haben», sagt Scherr. Die Kundgebung am Samstag sieht er als Möglichkeit für die Verdrängten, um zu sagen: «Uns gibts.»

Die Demo startet um 14 Uhr auf der Rathausbrücke und führt nach Stopps an der Europaallee und Langstrasse zum Brupbacherplatz eingangs der Weststrasse. Laut Stadtpolizei könnte es zwischen 14.30 und 18.30 Uhr in der Innenstadt zu Verkehrsbehinderungen kommen.