Herr Bischoff, überspitzt gesagt: Büezer wählen heute SVP. Für wen kämpft die Linke heute noch?

Markus Bischoff*: Das Motto dieses 1. Mais lautet «Soziale Gerechtigkeit statt Ausgrenzung». Das ist heute auch in der Schweiz aktueller denn je — man denke nur an die aktuellen Probleme mit der Frankenstärke: Arbeitsplätze sind gefährdet und mit ihnen gute Rahmenbedingungen. Auch die Lohngleichheit von Mann und Frau ist immer noch nicht verwirklicht. In solchen Zeiten sind Fragen rund um Löhne und Arbeitsbedingungen brandaktuell — und die Gewerkschaften gefordert.

Sind diese Fragen auch aktuell bei jenen, die sich gar nicht von Ihnen vertreten wissen wollen – etwa auch bei Arbeitnehmern ausserhalb des Niedriglohnsektors?

Ja, schauen wir zum Beispiel den Bankensektor an: Früher waren diese Angestellten ihrem Arbeitgeber unheimlich treu. Doch auch sie sind heute verunsichert, ihre Arbeitsplätze längst nicht mehr so sicher wie auch schon. Auch in vielen Wachstumsbranchen wie etwa dem Gesundheitssektor müssen Gewerkschaften die Entwicklungen im Auge behalten. Die Nachricht, dass Arbeitsplätze heute alles andere als gesichert sind und dass sich dies auf die Arbeitsbedingungen auswirkt, hat auch den Mittelstand längst erreicht.

Die Arbeiterbewegung hat viel erreicht: Unfall-, Kranken- und Rentenversicherungen, der 8-Stunden-Tag, die 5-Tage-Woche, Ferien, Gesamtarbeitsverträge. Gibt es überhaupt noch etwas zu erkämpfen?

Vieles ist erreicht, das stimmt. Vieles ist heute aber auch von einem Rückschritt bedroht. Das Rentenalter wird erhöht, Arbeitszeiten werden verlängert. Auch bei den Gesamtarbeitsverträgen gibt es die Tendenz, diese als unnötig herabzustufen. Doch man muss sehen: Ohne starke Gewerkschaften entfiele der Druck auf die Arbeitgeber, Löhne nicht willkürlich nach den eigenen Interessen zu gestalten. Solche Errungenschaften fallen einem nicht einfach in den Schoss – und sie müssen verteidigt werden.

Sie warnen also vor allem vor einem Rückschritt. Doch gibt es in einer sich stets ändernden Arbeitswelt nicht auch neue Probleme?

Natürlich, etwa die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Es ist zwar unbestritten, dass diese von Arbeitnehmern auch gewünscht wird. Auf der anderen Seite führen sie aber auch zu einer Erschwerung der Arbeitszeitkontrolle und dazu, dass die Leute in der Folge tendenziell immer mehr arbeiten. Zudem kommt es sehr auf die Art der Flexibilisierung an. Im Verkauf zum Beispiel nützt diese den Angestellten nichts: Sie müssen zu Spitzenzeiten morgens und abends verfügbar sein und haben zwischendurch Freizeit, mit der sie gar nichts anfangen können.

Sie sagen also: Der 1. Mai ist auch künftig mehr als reine Folklore.

Ja. Für die soziale Gerechtigkeit gilt es weiterhin zu kämpfen, auch gegen Ausgrenzung, sowohl in der Schweiz wie auch international. Ich denke dabei etwa an den aktuellen Umgang mit Sozialhilfeempfängern oder daran, wie die Schweiz und Europa dem Flüchtlingselend tatenlos zusehen. Zum 1. Mai gehört natürlich auch eine gewisse aufklärerische Arbeit, die darin besteht, aufzuzeigen, was man schon erreicht hat. Genauso wichtig ist es aber, sich Ziele für die Zukunft zu setzen und nicht nur in die Vergangenheit zu schauen. Damit lockt man auch keine jungen Leute an.

Der 1. Mai schwankt zwischen Kampf- und Feiertag. Was ist wichtiger?

In erster Linie geht es um politische Inhalte. Doch der 1. Mai ist auch ein sozialer Event. Eine Bewegung besteht nie nur aus Ideologie, sondern vor allem auch aus Menschen; sie kann nur stark sein, wenn in ihr auch der soziale Zusammenhalt stark ist. Der 1. Mai in der Stadt Zürich ist ein riesiger Treffpunkt. Auch am kommenden Freitag werden hier wieder um die 14 000 Leute zusammenkommen. In den letzten Jahren ist mir übrigens aufgefallen, dass wieder vermehrt ganze Familien mit Kindern dabei sind – dafür kommen weniger Migrantinnen und Migranten.

Dem 1. Mai haftet nach Jahren, in denen gewalttätige Ausschreitungen die Festlichkeiten überschatteten, ein schlechtes Image an. Hat man sich davon genug distanziert?

Der Gewerkschaftsbund hat sich immer klar vom Vandalismus distanziert — und auch gehandelt: Die Trennung von Fest und Umzug im Jahr 2007 führte zu einer Beruhigung, die bis heute währt. Das ist vor allem der engen Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Stadt geschuldet. Uns ist sehr wichtig, dass der 1. Mai friedlich begangen wird.

Glauben Sie wirklich, dass die wilden Zeiten nun vorbei sind? Bereits sorgt die Ankündigung des 1.-Mai-Komitees, eine Vordemo auf dem Helvetiaplatz durchzuführen, wieder für Schlagzeilen.

Der Gewerkschaftsbund und das Komitee arbeiten eng mit der Polizei zusammen. Wir haben einen gemeinsamen Sicherheitsdienst, alle Details sind mit der Stadt besprochen, alle Bewilligungen eingeholt. Wir gehen davon aus, dass Vordemo und Umzug ruhig und gesittet über die Bühne gehen werden.

*Markus Bischoff ist AL-Kantonsrat und Präsident des kantonalzürcherischen Gewerkschaftsbundes, der den offiziellen 1.-Mai-Umzug in der Stadt Zürich organisiert.