Familie
Ein Winterthurer Ehepaar über ihre Erfahrungen: «Pflegekinder sind kein Hobby»

Das Winterthurer Ehepaar G. hat keine leiblichen Kinder, aber zwei Pflegesöhne. So manches, was sie mit ihnen erleben, klingt nach einem ganz normalen Familienalltag. Doch das ist es nur bedingt.

Thomas Münzel
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Im Kanton Zürich werden laufend potenzielle Pflegeeltern gesucht.

Im Kanton Zürich werden laufend potenzielle Pflegeeltern gesucht.

Keystone

Wir sind aus Überzeugung und mit viel Herzblut Pflegeeltern und trotzdem hat es in den vergangenen 16 Jahren auch Zeiten gegeben, in denen wir uns gefragt haben, warum wir uns das eigentlich antun», erzählt das Winterthurer Ehepaar Heidi und Erich G. (Namen geändert). «Denn es gab vereinzelt Situationen, in denen wir an unsere persönlichen Grenzen kamen und deshalb ganz bewusst Hilfe von aussen in Anspruch genommen haben», räumen die Pflegeeltern unumwunden ein. Doch über die ganze Zeitspanne betrachtet sei das Fazit der Pflegeelternschaft bisher klar positiv, erklären beide unisono.

«Es ist eine grosse Freude und Genugtuung, zu sehen, wie viel gelungen ist, wie geborgen sich unsere Pflegesöhne bei uns fühlen und wie stabil sie mittlerweile sind», bilanziert die bald 60-jährige Heidi. Und das sei alles andere als selbstverständlich. «Wir sind zu Beginn schon ziemlich naiv an die Sache herangegangen», erinnert sie sich. Da sie keine eigenen Kinder haben, wollte sich das Ehepaar «auf irgendeine Art und Weise sozial engagieren». Kindern aus schwierigen Verhältnissen ein neues Zuhause zu geben, schien beiden eine naheliegende Option zu sein.

Auf Herz und Nieren geprüft

Ursprünglich wollten Heidi und Erich ein Kind aus Rumänien adoptieren. Der Adoptionsprozess zog sich allerdings ungewöhnlich in die Länge und schliesslich machte ihnen der ausländische Staat wegen einer Gesetzesänderung endgültig einen Strich durch die Rechnung. Mitten in diesem Prozess kam dann die Anfrage des Jugendsekretariats Winterthur für die Aufnahme eines Pflegekindes. Nach den vergeblichen Adoptionsbemühungen mussten Erich und Heidi nicht lange überlegen und sagten zu. Ihr erster Pflegesohn – welcher mittlerweile volljährig ist – war zwei Jahre alt, als er zum Ehepaar G. kam. Über die Gründe der Fremdplatzierung habe man damals nur das Notwendigste erfahren, sagt Heidi.

«Pflegekinder tragen bereits einen schweren Lebensrucksack mit sich rum.»

Heidi G. Pflegemutter aus Winterthur

«Für uns war rasch klar, dass wir noch ein zweites Pflegekind bei uns aufnehmen wollten», sagt Pflegevater Erich. Die Platzierung geschah dieses Mal allerdings über die private Familienplatzierungsorganisation Espoir. Ergänzend zur umfassenden Sozialabklärung im Zusammenhang mit einer möglichen Adoption wurden Heidi und Erich nun auf Herz und Nieren geprüft, inwieweit sie tatsächlich geeignet sind, um ein weiteres Pflegekind bei sich aufzunehmen. Die Abklärungen erfolgten in Gesprächen mit Fachleuten und mittels Fragebögen sowie Hausbesuchen. Anschliessend gab es erste kurze Begegnungen mit dem künftigen Pflegesohn; eine sachte, schrittweise Annäherung. Der heute 13-jährige Pflegesohn war damals, wie schon das erste Pflegekind, im Kleinkindalter, als er schliesslich beim Winterthurer Ehepaar ein neues Zuhause fand.

Austausch ist wichtig

In dieser Zeit machte Heidi dann noch eine Ausbildung zur qualifizierten Erziehung von Pflegekindern. Der Austausch mit anderen Pflegeeltern habe ihr gutgetan, sagt sie rückblickend. Viele Problemstellungen habe man so gemeinsam besprechen können. «Das ist übrigens auch heute noch der Fall», ergänzt Ehemann Erich. «Wir besuchen regelmässig mit anderen Pflegeeltern die von Espoir vorgesehenen Supervisionssitzungen.»

In diesen Gruppen habe man die Möglichkeit, die anspruchsvolle Aufgabe als Pflegeeltern mit Fachleuten zu reflektieren und bei schwierigen Konflikten und Situationen Lösungswege zu erarbeiten. «Die meisten Pflegekinder haben aufgrund ihrer früheren Erlebnisse bei den leiblichen Eltern Bindungsstörungen und grosse Verlustängste», weiss Heidi. «Das war bei unseren beiden Pflegesöhnen nicht anders.» Es habe sehr viel Geduld gebraucht, in ganz kleinen Schritten ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Als aber einer der beiden Pflegesöhne eines Tages wieder bei seinem leiblichen Vater zu Besuch war und dieser ihm erzählte, wohin er ihn in naher Zukunft überallhin mitnehmen wolle, bekam der Pflegesohn grosse Angst. Der Knabe glaubte, er müsse wohl tatsächlich demnächst das vertraute Umfeld der Pflegeeltern wieder verlassen – und zog sich darum stark zurück. «Das war eine sehr belastende und schwierige Zeit gewesen», erinnern sich die Pflegeeltern. Nur langsam habe der Kleine wieder Vertrauen zu ihnen gefasst.

Loslassen können

«Das A und O als Pflegeeltern ist die innere Haltung», sagt Heidi. «Denn Pflegekinder tragen bereits einen schweren Lebensrucksack mit sich rum und brauchen darum mindestens eine Bezugsperson zu 100 Prozent; Pflegekinder sind kein Hobby.» Das Ehepaar war sich schnell einig, dass Heidi diese wichtigste Bezugsperson sein sollte und Erich weiterhin ausser Haus berufstätig bleiben würde. Sie müsse sich zwar hie und da gegenüber ihrem Umfeld rechtfertigen, da sie ja «nur» zu Hause sei. Aber: «Ich bereue diesen Entscheid keineswegs», meint Heidi. «Denn die Aufgabe als Pflegemutter ist letztlich auch ein eigenständiger Beruf.» Die vertragliche Bindung an Espoir entspreche einem Angestelltenverhältnis. Die Organisation biete ihrerseits eine fundierte fachliche Begleitung.

Sie würden ihre beiden Pflegesöhne genauso lieben, als ob es ihre leiblichen Kinder wären, sagen die Winterthurer Pflegeeltern. Dennoch sei ihnen seit Anbeginn bewusst gewesen, dass die Kinder letztlich eine doppelte Elternschaft haben, dass sie – wie alle Eltern – lernen müssten, sie innerlich loszulassen. Ungeachtet dessen verstehen sich Heidi und Erich als Teil einer grossen Patchworkfamilie. Auch zu den leiblichen Eltern ihrer Pflegesöhne hat sich über die Jahre ein gutes Verhältnis entwickelt. Und wie grenzen sich die Söhne ab? Heute sagen sie zu ihrer Pflegemutter nicht Mami, sondern Heidi. Beim Pflegevater machen sie einen Kompromiss und nennen ihn «Papa Erich».