Zürich
Ein Verwirrspiel mit den Senioren

Was unterscheidet einen rüstigen Winterthurer Senior von einem rüstigen Zürcher Senior? Den Zürcher im Altersheim zu betreuen kostet nichts, den Winterthurer zu betreuen kostet dagegen 15 000 Franken im Jahr.

Marius Huber
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Die Differenzen zwischen den Betreuungsgebühren, die die Heime im Kanton Zürich verlangen, sind frappant.

Die Differenzen zwischen den Betreuungsgebühren, die die Heime im Kanton Zürich verlangen, sind frappant.

ZVG

Das ist kein Witz, sondern das Ergebnis eines Vergleichs jener Betreuungsgebühren, die Heimbewohner in den grösseren Städten des Kantons Zürich aus dem eigenen Sack berappen.

In den Winterthurer Altersheimen brodelt es wegen dieser Gebühren seit einigen Tagen. Der Stadtrat hat beschlossen, künftig doppelt so viel zu verlangen von jenen Bewohnern, die noch gesund und selbstständig sind. Im Gegenzug hat er die Gebühren für die anderen reduziert, die stark pflegebedürftig sind. Die Begründung: Wer gut auf den Beinen ist, nimmt bestimmte Betreuungsangebote öfter in Anspruch. Unter «Betreuung» fallen all jene Leistungen, die nicht zur Pflege gehören, die von der Krankenkasse gedeckt wird. Zum Beispiel der 24-Stunden-Pikettdienst, aber auch ein vom Personal organisierter Ausflug.

Im Prinzip gilt für alle dasselbe

Das Gleiche gilt auch in anderen Städten im Kanton, und doch sind die Differenzen zwischen den Betreuungsgebühren, die ihre Heime verlangen, frappant. Einerseits, was ihr Grundniveau angeht, andererseits, was die Tarife für bestimmte Bewohnergruppen anbelangt.

Erstaunlich ist das, weil das vor drei Jahren in Kraft gesetzte Pflegegesetz im Prinzip allen Heimen das Gleiche vorschreibt: Sie dürfen von den Bewohnern für die Betreuung nicht mehr Geld verlangen, als die in Anspruch genommenen Leistungen tatsächlich gekostet haben. Man könnte also erwarten, dass Bewohner mit vergleichbarem Profil, die ähnliche Leistungen beziehen, überall ähnlich viel bezahlen müssen. Aber das ist bei weitem nicht der Fall.

Der Aufstand der Winterthurer Seniorinnen und Senioren wirft ein Schlaglicht auf einen Dschungel von Berechnungssystemen, die sich von Gemeinde zu Gemeinde in mehr als bloss Details unterscheiden. Zum Teil sind sie derart gegensätzlich, dass sie kaum alle gleichermassen im Sinne des Gesetzes sein können. Während viele Heime die Betreuungsgebühren an die Pflegekosten koppeln, sodass sie automatisch steigen, wenn jemand mehr Pflege braucht, verrechnen andere allen Bewohnern den gleichen Betrag. Wieder andere versuchen dem Gesetz Rechnung zu tragen, indem sie über jeden Bewohner einzeln Buch führen und nur die Betreuungsleistungen verrechnen, die er tatsächlich in Anspruch genommen hat.

Auf diesen letzten Ansatz vertraut das Alterszentrum Dübendorf. «Das hat etwas mit Fairness gegenüber den Bewohnern zu tun», sagt Direktor Daniel Guggisberg. Bei anderen Heimleitern stösst das System auf Ablehnung, weil es immer wieder zu Diskussionen über die Rechnungen Anlass gebe. Das sei tatsächlich so, räumt Guggisberg ein, aber diesen Mehraufwand nehme man in Kauf. In einem Fall habe ein Bewohner sogar den Preisüberwacher eingeschaltet. Das Ergebnis sei erfreulich gewesen: «Er gab uns das bestmögliche Zeugnis.»

Verrechnet wird alles Mögliche

Das ist bemerkenswert, weil Preisüberwacher Stefan Meierhans andere Ansätze schon öffentlich als unzulässig gerügt hat. Bisweilen würden Heime den Bewohnern unter dem Titel «Betreuung» alles Mögliche verrechnen, was zu «absurd hohen Betreuungskosten» führe.

Das suggerieren auch Aussagen von Urs Brunschwiler, Leiter des Alterswohnheims Am Wildbach in Wetzikon. Sein Betrieb fällt dadurch auf, dass er von allen Heimbewohnern äusserst tiefe Betreuungsgebühren verlangt: Sie betragen pro Jahr 10 000 bis 30 000 Franken weniger als etwa in Winterthur. Brunschwiler erklärt dies damit, dass es sein Heim – anders als andere – nicht nötig habe, über hohe Betreuungsgebühren andere Aufgaben querzufinanzieren.

Konkret geht es um die Pflege: Die kantonale Gesundheitsdirektion hat für dieses Jahr unerwartet die so genannten Normkosten gesenkt. Das bedeutet, dass die Heime pro Bewohner weniger Geld aus der Gemeindekasse erhalten als bisher. Jene, die so spitz gerechnet haben, dass sie die bisherige Beitragslimite voll ausreizten, kompensieren den Einnahmeausfall laut Brunschwiler nun anderswie – «zum grössten Teil über höhere Betreuungsgebühren». Das Wetziker Heim dagegen sei bisher unter den Normkosten gelegen. «Wir führen den Betrieb kostengünstig und effizient, ohne dass die Qualität darunter leidet.»

Flatrate oder Progression?

Es gibt noch ein weiteres Konfliktfeld: Es geht darum, ob die verbreitete Handhabe rechtmässig ist, die Höhe der Betreuungsgebühren an jene der Pflegekosten zu koppeln, wie dies etwa Zürich und Winterthur tun. In Uster ist man anderer Meinung. Das Altersheim Im Grund verrechnet für die Betreuung allen Bewohnern einen Einheitstarif. Die Überlegung dahinter: Das Gesetz schreibe vor, nur die tatsächlichen Kosten zu verrechnen, und es lasse sich nicht nachweisen, dass jemand mit mehr Pflege auch mehr Betreuung brauche.

Barbara Hohmann Beck, stellvertretende Direktorin der Zürcher Altersheime, anerkennt dies, spielt aber den Ball zurück. Der Einheitstarif sei auch nicht verursachergerecht. Den logischen Ausweg – nämlich die bezogenen Leistungen wie in Dübendorf von Fall zu Fall zu erheben – halten viele für zu aufwendig.

Kontrolle wäre Gemeindesache

Bei all diesen sich widersprechenden Haltungen ist nur soviel klar: Es können nicht alle zugleich Recht haben. Heimbewohnern, die glauben, dass unzulässige Kosten auf sie abwälzt werden, hilft dies allerdings wenig. Der Regierungsrat hat die Forderung nach dem Aufbau einer Kontrollstelle vor Jahresfrist abgelehnt – um die Einhaltung des Gesetzes müssten sich die Gemeinden kümmern. Laut Preisüberwacher Meierhans bleibt im Zweifelsfall vorerst nicht anderes übrig, als die Gebühren anzufechten und zu warten, bis irgendwann ein letztinstanzliches Urteil Klarheit schafft.

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