Martin Killias hat die Route durch Zürich selber festgelegt. Wir starten bei Alfred Escher, dessen Denkmal fast dem Shopville zum Opfer gefallen wäre. Die Unterführung war in den späten 1960ern ausgehoben worden, die Tramhaltestelle auf dem Bahnhofplatz wurde zur grossen Traminsel umgestaltet. Der Brunnen am Fuss des Denkmals war dafür einen halben Meter zu breit, Escher sollte daher vom Platz entfernt und verlegt werden. «Aber er gehört doch genau hierhin vor das grosse Bahnhofstor», sagt Killias. Am Ende hat dann ja auch die Vernunft gesiegt, der Brunnen wurde einfach etwas verkleinert. Für Killias «ein schönes Beispiel, dass gute denkmalschützerische Lösungen nicht teuer sein müssen».

Wie einst Prinz Charles sagte

Weiter gehts in die Bahnhofstrasse mit einem ersten Stopp vor der modernen Glasfassade des PKZ-Hauses. Nicht, dass es Killias hässlich nennen wollte. Er hält einfach fest: «Diese ganze Strasse bildete einst ein klassizistisches Ganzes.» Solche Bauten stellten einen städtebaulichen Fremdkörper dar.

Bewunderung ist herauszuhören, wie er von den Stadtvätern spricht, die den Fröschengraben zuschütten und die Bahnhofstrasse anlegen liessen. Und er zitiert – mit Augenzwinkern und Oxfordakzent – eine spöttische Aussage von Prinz Charles über die modernen Architekten: Im Gegensatz zu diesen sei «the Luftwaffe» zugutezuhalten, dass sie London zwar zerstört, aber es wenigstens nicht wieder aufgebaut habe ...

Der Bau der Bahnhofstrasse, das war Mitte 19. Jahrhundert. Wir gelangen an die Kreuzung Uraniastrasse und damit in die Zeit von Architekt Gustav Gull. Von 1895 bis 1900 war er Stadtbaumeister. Landesmuseum, Stadthaus, ETH-Erweiterung – alles seine Werke. Und oft gestaltete er über die einzelnen Bauten hinaus. Davon zeugen auch die Amtshäuser samt Sternwarte entlang der Uraniastrasse. Diese legte er als breite Achse an, die sich über die Rudolf-Brun-Brücke bis ins Niederdorf fortsetzt. «Folie haussmannienne», seufzt Killias in den Verkehrslärm hinein. Georges-Eugène Haussmann hatte Mitte des 19. Jahrhunderts Paris mit prächtigen Boulevards durchzogen und so der Stadt das Gesicht gegeben, das sie bis heute prägt.

Hier wie dort musste alte Bausubstanz weichen. Auch die Schipfe, nächster Halt auf unserem Rundgang, stand auf Gulls Abrissliste. Doch dann kam der Erste Weltkrieg, die Häuser blieben stehen. Heute sind die darin untergebrachten Wohnungen begehrt. Killias: «Oft hören wir, wenn wir gegen die Entlassung eines Gebäudes aus dem Schutzinventar rekurrieren: Wer will da schon wohnen?» Hier zeige sich: Wenn ein Haus erst renoviert sei, dann könne es zum hochbegehrten Mietobjekt werden.

Noch schnell vor den Ferien

Neun von zehn Rekursen führt der Zürcher Heimatschutz gegen Entlassungen aus dem Inventar. Es gebe Gemeinden, die nun vor den Sommerferien noch schnell Inventarentlassungen im Dutzend publiziert hätten, sagt Killias. Er vermutet Absicht dahinter. Es sind die Vorstandsmitglieder im Heimatschutz, welche die Fälle im Einzelnen anschauen. Alle sind ehrenamtlich tätig, ihre Kapazitäten sind entsprechend begrenzt.

Killias (67) zeigt über den Fluss zur Häuserzeile den Limmatquai entlang. Als Ius-Student hatte er in den
1970ern eine Arbeit über die Schutzwürdigkeit dieser Bauten verfasst. Damals begann Zürich gerade, griffige Regeln für den Altstadtschutz zu entwickeln, erinnert er sich. Er zeigt auf Bausünden wie das schachtelartige Haus Ecke Mühlegasse/Limmatquai und auf gelungene Renovationen wie die des Glentnerturms.

Was wäre ohne Reformation

Weiter geht es zur Zentralbibliothek (ZB), wo einst das Predigerkloster stand. Nur der Chor ist übrig geblieben; es wurden Zwischenböden eingezogen, heute ist die Musikaliensammlung der ZB darin untergebracht. Ein Frevel, sagt Killias. Überhaupt, die Zürcher Klöster – nur wenig erinnert noch an sie. Die Äbtissinnenzimmer wurden aus dem früheren Fraumünsterkloster ins Landesmuseum verfrachtet, teilweise wurden Kreuzgänge als Zier in neue Gebäude integriert (Stadthaus, Obergericht). Immerhin stehen die Kirchen noch. Und dank der Reformation blieb ihr mittelalterliches Gepräge erhalten, wie Killias weiss. Er wird nachher nach St. Gallen weiterreisen, wo er als Gastdozent an der Uni lehrt. Sein Rucksack ist prall gefüllt mit Studentenarbeiten.

Er führt das herrschaftliche St. Galler Kloster an, das der Fürstabt im Zeichen der Gegenreformation neu erbauen liess. Wäre Zürich katholisch geblieben, thronte also vermutlich das Grossmünster in barocker Pracht über der Limmat.

Nächste Station ist die Predigergasse, wo Killias als Student wohnte. Als er dort eine Türe neu malen wollte, kam beim Ablaugen ein altes Bild zum Vorschein. Er meldete es der Stadtarchäologie, welche die Tür aus dem 16. Jahrhundert restaurierte. Es war bereits seine zweite Studentenwohnung. Die erste lag an der Spiegelgasse. Dort hatte er ausziehen müssen, weil die Hauseigentümer modernisieren wollten («Sie taten es vorbildlich»). Diese Loge hatte sich in Nachbarschaft zu Lenins einstigem Domizil sowie der ersten Zürcher Bank befunden. Heute, so hält er fest, könnte er sich beide Wohnorte nicht mehr leisten.

Tricks und Finten

Der weitere Weg führt durch die Münstergasse, die als Verlängerung der Niederdorfstrasse zum Grossmünster führt. Linkerhand fällt ein zurückversetztes Haus auf. Ein 1940er-Jahre-Bau, weiss Killias. Und wieder dieser Gull! Denn der Stadtbaumeister hatte einst ein Boulevard vom Central bis zum Pfauen durchs Niederdorf angedacht. Das Gebäude lässt den dafür nötig Platz frei und beweist damit, wie lang die Idee nachwirkte.

Beim Grossmünster. Auch hier weist Killias auf voluminöse Bauten, die das mittelalterliche Bauschema durchbrechen. Gegen den Abriss der Helferei hatte er als Gymnasiast Flugblätter verteilt – mit Erfolg. Ein Stararchitekt hätte den Ersatzbau schaffen sollen, erinnert er sich. Ein Trick, der auch heute angewendet werde, sagt er. Er nennt eine weitere beliebte Finte: Baufälligkeit geltend machen, im Sinne eines Entgegenkommens würden beim Ersatzbau aber die alten Abmessungen beibehalten. «Ein durchsichtiges Manöver», sagt Killias. Vor allem bei historischen Bauten auf dem Land sei die Ausnützung oft grösser, als es bei einem Neubau zulässig wäre.

Schelte für die SVP

Er kommt auf die «Fröschegrueb» in Regensdorf zu sprechen. Man spürt die Empörung. Die Schutzwürdigkeit des Bauernhauses aus dem 16. Jahrhundert liess der Heimatschutz seit 2003 wiederholt gerichtlich bestätigen. Nach jahrelangem Leerstand liess der Eigentümer nun kürzlich einen Teil des Baus entgegen einer gerichtlichen Verfügung, angeblich wegen Einsturzgefahr, abreissen.

Von der Gemeinde erfahre man kaum Unterstützung, beklagt Killias – und jetzt muss er es loswerden. Auch die SP, der er angehört, möge ihre Verfilzungen aufweisen, sagt er. Aber der Filz in SVP-dominierten Landgemeinden führe zu einem eigentlichen Denkmal-Vernichtungsprogramm.

Vernichtet worden – vom fortschrittsgläubigen bürgerlichen Zürich des 19. Jahrhunderts – ist auch das mittelalterliche Kratzquartier. Es war die Heimat auch von Randständigen. Heute stehen dort imposante Bauten wie Stadthaus und Fraumünsterpost. Als Gull kam, war das Quartier gerade vollständig abgetragen. Aus der Opposition dagegen ging der Heimatschutz hervor.