Wir stehen vor einem Tisch voller Scherben in einer Lagerhalle in Dübendorf-Stettbach. Die Scherben sind fein säuberlich geputzt, beschriftet und rund 3400 Jahre alt – Funde aus der Bronzezeit, geborgen bei Marthalen. Eine Studentin versucht in wochenlanger Geduldsarbeit, sie zusammenzusetzen, erklärt Markus Graf, stellvertretender Leiter der Zürcher Kantonsarchäologie. Die Vorstellung mutet zunächst seltsam an in einer Zeit, in der Arbeit vorwiegend ökonomisch zu sein hat.

Darauf angesprochen, redet sich Graf in Fahrt: «Uns interessiert: Was lief an diesem Ort? Wie viele Häuser hatte das Dorf? Wie entwickelte sich die Besiedlung des Kantons Zürich? Zunächst wurden die Flusstäler besiedelt, dann höhere Lagen. In der Bronzezeit herrschte offenbar ein hoher Bevölkerungsdruck. Wann und warum wurden die Alpen besiedelt?» Die Arbeit mit den Scherben und dem übrigen Fundmaterial könne dazu wichtige Erkenntnisse liefern.

«Wenn Sie über diese Zeit etwas wissen wollen, haben Sie keine andere Chance, denn vor den Römern wurde nichts aufgeschrieben», sagt Graf beim Rundgang durch die Lagerhalle der Kantonsarchäologie. 40 Mitarbeitende verteilt auf 30 Vollzeit-Stellen zählt die Kantonsarchäologie. In der Halle sind an diesem Donnerstagmorgen nur wenige anzutreffen. «Die meisten sind auf Grabungen», erklärt Graf und kommt auf die Scherben zurück: «Als Dienststelle der Baudirektion sind wir dafür da, dass solche Sachen nicht einfach mit dem Bagger weggeschaufelt werden.» Ansonsten gingen die Zeugnisse aus den Anfängen der Siedlungsgeschichte unwiederbringlich verloren.

Gemeinden müssen informieren

Um dies zu verhindern, müssen die Gemeinden die Kantonsarchäologie über Bauvorhaben in archäologischen Zonen informieren. Aufgrund der bisherigen Erkenntnisse formuliert die Kantonsarchäologie Auflagen. Bei Bedarf führt sie auch Sondierungen durch, und wenn sie frühzeitig von Bauvorhaben weiss, kann sie Rettungsgrabungen noch in der Planungsphase von Bauprojekten ausführen.

Überraschungen kommen trotzdem vor. So wie im März 2010 beim Bau des Parkhauses Opéra in Zürich. Die Bauarbeiten waren schon im Gang, als Fundstücke aus der Zeit der Pfahlbauer zutage traten. Dabei hatten die Archäologen auch hier Sondierungen durchgeführt. «Wir nahmen an, es wäre nichts mehr da. Das stellte sich als Irrtum heraus», sagt Graf.

Ein folgenreicher Irrtum: Das Bauprojekt wurde für ein Jahr zugunsten von archäologischen Grabungen gestoppt. Kostenpunkt: 6 Millionen Franken. Inzwischen sind die Grabungen abgeschlossen.

Der Grossteil der Fundstücke befindet sich in der Stettbacher Lagerhalle: 864 Kartons voller Scherben, Steinbeile und anderer Gebrauchsgegenstände; vier Paletten mit grösserem Steinmaterial, Schleifsteinen und Getreidemühlen. Holz-, Knochen- und Geweihfunde werden zurzeit im Restaurierungsatelier des Landesmuseums in Affoltern am Albis konserviert. Das Prunkstück der Funde, eine steinzeitliche Holztür, ist laut Graf im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz in Bearbeitung, weil man dort für die Konservierung derart grosser Fundstücke ausgerüstet ist.

Nun bereitet die Kantonsarchäologie einen Kreditantrag an den Regierungsrat vor, um das 5000-jährige Fundmaterial auswerten zu können. Es dürfte sich laut Graf um einen einstelligen Millionenbetrag handeln.

Tonkrüge, Pfeilspitzen, Feuerstein

Der Gang durch die Lagerhalle ist ein Spaziergang durch Jahrtausende. Graf holt mal einen Tonkrug aus einer Pfahlbauer-Siedlung hervor, mal eine Pfeilspitze aus Feuerstein. Im «Klimaraum» sind jahrtausendealte Holzgeräte gelagert: Schöpfkellen, aber auch Holztäfelchen aus der Römerzeit, die einst mit Wachs überzogen waren, in das Notizen geritzt wurde: «Der I-Pad der alten Römer», sagt Graf. Er öffnet eine weitere Schublade. Darin sind scharfkantige Feuersteine mit Holzgriffen. «Die ersten Schweizer Sackmesser», so der Archäologe. Als er ein 5500-jähriges Fischernetz präsentiert, klingt Stolz in seiner Stimme an: «Wir haben eine der grössten Sammlungen prähistorischer Textilien weltweit» – den Pfahlbauern sei Dank.

In einem Nebenzimmer wertet Projektleiterin Verena Jauch römische Fundstücke aus Oberwinterthur aus. Sie rolle die Geschichte der Hinterhöfe neu auf, erklärt sie. Die archäologisch erforschten Schichten, mit denen sie sich dabei befasst, stammen aus drei Jahrhunderten. Irgendwann soll daraus ein Buch werden. Doch im November gehts für Jauch und ihr Team erst mal wieder raus nach Oberwinterthur – zu neuen Grabungen.