1. Was steckt hinter der«Reclaim the Streets (RTS)»-Bewegung?

Die Bewegung hat ihre Ursprünge in Antiglobalisierungskreisen. In der Schweiz richten sich RTS-Demonstrationen meist gegen die Stadtaufwertung. Kritisiert wird, dass «in ganz Zürich wüste Betonlandschaften wuchern», wie es auch auf dem Flugblatt zum «Anlass» in Zürich hiess, der in einen Saubannerzug mündete. «Lebendigkeit, Spontaneität, Freiräume und alternative Kulturplätze gehen verloren.» Mit dem kurzfristig per SMS verbreiteten Aufruf, sich am Freitag im Sihlhölzli-Park zu treffen, war die Forderung verbunden: «Wir wollen eine Stadt, die leben darf, die laut, chaotisch und aufregend sein kann.»

2. Weshalb kommt es bei RTS-Umzügen immer zu Gewalt?

Europaweit – und auch in der Schweiz – sind spontane «Tanzdemonstrationen» durchgeführt worden, die gewaltfrei geblieben sind. Im Online-Lexikon Wikipedia heisst es, dass es selten sei, dass RTS-Parties «von Übergriffen gegen Sacheigentum» begleitet seien. In Bern, Zürich und Winterthur war es aber schon zu Ausschreitungen gekommen. Auf der linksautonomen Plattform «Indymedia» zeigen sich RTS-Teilnehmer über die neuerlichen Gewaltexzesse verärgert. «Dies war leider das Dümmste, was man aus einer linksalternativen Perspektive tun konnte», hält einer fest. «Wahllos überall Scheiben zu zerstören, bringt uns leider von einer Umwälzung dieser kapitalistischen Gesellschaft noch viel weiter weg.» Ein anderer schrieb von einer «grosser Katastrophe», die «unpolitische Hooligans» angerichtet hätten. Andere Demo-Teilnehmer erzählten in ihren Erlebnisberichten, dass sie sich «auf einen Tanzabend und ein Bier» gefreut hätten. Doch statt Bier habe es Krawall gegeben. Von den anfänglich 400 Leuten seien «immer mehr Leute aus dem Umzug geflüchtet».

3. Wer hat randaliert?

Polizeivorstand Richard Wolff (AL) erklärte gestern gegenüber den Medien, dass die entsprechenden Abklärungen laufen. Für Spekulationen sei es noch zu früh. Zu den vier Verhafteten gibt es auch noch keine weiteren Angaben, ausser dass sie zwischen 20 und 36 Jahre alt sind und aus der Schweiz (2), England und Liechtenstein stammen. Die SVP spricht von «Chaoten aus der militanten Hausbesetzerszene». Aus linken Kreisen wird auf den Schwarzen Block verwiesen. Andere sprechen von extra angereisten Gewalttouristen. Wolff meint: «Wir werden informieren, sobald Ergebnisse vorliegen.»

4. Weshalb ist die Polizei vom Umzug überrascht worden?

Die gesetzlichen Grundlagen würden die Möglichkeiten der Polizei beschränken, sagte dazu Stadtrat Wolff. Die Medienstelle der Stadtpolizei führte aus, dass die Polizei nur in öffentlichen Foren ermitteln könne. Der Aufruf, sich für einen Abend die Strasse zurückzuerobern, ging offenbar vor allem über SMS. Da können die Gesetzeshüter ohne dringenden Verdacht und gerichtliche Erlaubnis nicht mitlesen. Erstaunen mag, dass die Polizei, die die verschiedenen Szenen im Blick hat, nichts von allfälligen Vorbereitungshandlungen erfahren hat. Allenfalls ist die SMS-Mobilisierung wirklich kurzfristig erfolgt. Die Abklärungen liefen, sagte Stadtrat Wolff. «Wir werden weiter informieren, sobald Ergebnisse vorliegen.»

Demonstranten verwüsten Zürcher Innenstadt

Demonstranten verwüsten Zürcher Innenstadt

5. Warum kam es lediglich zu vier Festnahmen?

Laut Polizeivorsteher Richard Wolff ist dies einsatztaktisch bedingt. Bei einem solchen Einsatz müsse das erste Ziel sein, die Ausschreitungen zu stoppen, damit Menschen und Sachgüter geschützt werden können. Das sei vordringlicher, als eine hohe Zahl an Verhaftungen. Die Polizei wird, davon ist auszugehen, im weiteren Verlauf ihrer Ermittlungen mehr Personen anzeigen.

6. Wie sieht die Bilanz aus?

Der Sachschaden lässt sich noch nicht abschliessend beziffern. Er wird aber sicher mehrere 100 000 Franken betragen. Laut Polizeisprecher Marco Cortesi sind bei den «gezielten, massiven Angriffen gegen die Einsatzkräfte» mehrere Polizisten verletzt worden. Drei erlitten Augenverletzungen, vier trugen Gehörschäden davon. Auf politischer Ebene werden die Ausschreitungen von links bis rechts verurteilt. Die BDP fordert «Härte und eine geschlossene politische Front» gegen den «kriminellen Mob». Die SVP verlangt die Räumung der noch besetzten Areale; der Stadtrat solle das Chaotentum nicht länger hegen und pflegen. Der grüne Gemeinderat Markus Knauss zeigte sich über die Gewalt ebenfalls schockiert. Er warnte aber vor «pauschalen Verurteilungen». Noch stehe nicht fest, dass Hausbesetzer randaliert hätten.