Kantonsrat
Ein «Politfuchs» ganz oben: Mit Dieter Kläy wird wieder ein Winterthurer «höchster Zürcher»

Mit Dieter Kläy wird zum ersten Mal seit 28 Jahren wieder ein Winterthurer «höchster Zürcher». Im Kantonsrat bringt der FDP-Mann manchmal sogar Grüne ins Schwärmen.

Michael Graf
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Der künftige Kantonsratspräsident Dieter Kläy am Katharina-Sulzer-Platz in Winterthur. Der 55-Jährige hat drei HSG-Abschlüsse und spricht fliessend Russisch. Nathalie Guinand

Der künftige Kantonsratspräsident Dieter Kläy am Katharina-Sulzer-Platz in Winterthur. Der 55-Jährige hat drei HSG-Abschlüsse und spricht fliessend Russisch. Nathalie Guinand

Nathalie Guinand

Dieter Kläy ist leicht zu finden: ein kleiner, freundlicher Mann mit Schnauz, Krawatte und einer dicken Mappe. Die freie Hand braucht er zum Winken, denn er kennt die halbe Stadt. Der Treffpunkt im Sulzer-Areal weckt bei ihm Erinnerungen: Wo heute Studentinnen Kaffee trinken und Skater vorbeiflitzen, war Ende der Neunzigerjahre noch alles Industriebrache, Zutritt nur für Angestellte. Solche wie Kläy. Der einstige Weltkonzern und Stolz der Stadt wurde damals zerteilt – und Dieter Kläy musste es erklären, als Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung.

«Es lag aber damals schon Aufbruchstimmung in der Luft», sagt er. Heute haben die Hochschulen ZHAW und ZAG hier Standorte. Winterthur ist eine Bildungsstadt geworden, und das macht Kläy stolz: «Es ist enorm wichtig, dass den jungen Leuten klar ist, dass man auch mit einer Berufslehre studieren und aufsteigen kann.» Das Thema beschäftigt ihn fast täglich, bei seinem Arbeitgeber, dem Schweizerischen Gewerbeverband, ist er unter anderem für das Dossier Arbeitsmarkt zuständig.

Sitzfleisch statt Rebellion

Der 55-Jährige politisiert in Winterthur seit über 30 Jahren. Noch vor dem Studium an der Hochschule St. Gallen trat er den Jungfreisinnigen bei. «Wir Jungen mussten uns damals noch Gehör verschaffen», sagt er. Mit Rebellion? «Nein, mit Präsenz. Wir fuhren zu allen Versammlungen, meldeten uns zu Wort und bewarben uns für Ämter.» Ziemlich genau so hat Dieter Kläy auch die drei Jahrzehnte danach politisiert, ruhig und hartnäckig. Seit 2003 ist er Präsident der FDP Winterthur – eine solche Konstanz gibt es in keiner anderen Stadtpartei.

Noch als Jungfreisinniger erlebte er den feierlichen Einzug von Kantonsratspräsident Paul Angst 1991, dem letzten «höchsten Zürcher» aus Winterthur. Ein Parteikollege. «Dass ich das selbst einmal erleben würde, hätte ich mir damals nicht erträumt.» Am 6. Mai ist es so weit: Der neu gewählte Kantonsrat tritt erstmals zusammen und wählt seinen Präsidenten. Dass es nicht Kläy wird, ist fast nicht vorstellbar. Seit zwei Jahren ist der Routinier Teil des Präsidiums, als zweiter und erster Vizepräsident.

Die 10-Millionen-Schlagzeile

Bald darf er sich «höchster Zürcher» nennen. Höchster Winterthurer war er schon, 2003 bis 2004 präsidierte er den Grossen Gemeinderat. Stadtrat wurde er allerdings nie – es war der wohl grösste Rückschlag in der so stetigen Politkarriere des Dieter Kläy: 2006 gelang es ihm nicht, den Stadtratssitz seines abtretenden Parteikollegen Reinhard Stahel zu verteidigen. Stattdessen wurde der Grüne Matthias Gfeller gewählt.

Nüchtern analysiert er: «Die bürgerlichen Stimmen haben sich zwischen mir und dem SVP-Kandidaten aufgeteilt.» Dass ihm sein Stimmverhalten im Kantonsrat zum Verhängnis wurde, glaubt er nicht. Er hatte damals auf Linie mit seiner Partei gegen einen höheren Ressourcenausgleich für Winterthur gestimmt, was ihm zu Hause als fehlender Lokalpatriotismus angekreidet wurde: «10 Millionen futsch», titelte der «Landbote». Kläy winkt ab: «Eine überschätzte Geschichte.» Er habe ausserdem mitgeholfen, dass der Finanzausgleich ab 2011 viel mehr Geld nach Winterthur brachte. Also sechs Jahre nach der verhängnisvollen Schlagzeile. Kläy denkt eben langfristig.

Von seinen Kantonsratskollegen hört man viel Gutes über den Präsidenten in spe. Gabi Petri (Grüne, Zürich), die amtsälteste Kantonsrätin, sass vier Jahre mit Kläy in der Justizkommission und kommt regelrecht ins Schwärmen. «Ein Politfuchs und Stratege, einer der Grossen», sagt sie über Kläy. «Er ist sehr angenehm im Umgang, humorvoll und immer bestrebt, eine Lösung zu finden. Schade, dass er nicht mehr redet, man hört ihm gerne zu.»

Ein FDPler mit Musikgehör

René Isler (SVP, Winterthur) kennt Kläy schon seit der gemeinsamen Zeit im Winterthurer Gemeinderat und witzelt, er und Kläy sähen einander öfter als ihre Ehefrauen. «Ein Mann der leisen Töne» sei Kläy, nicht aus der Ruhe zu bringen. «Immer top vorbereitet und in der Sache hartnäckig. Ein FDPler vom alten Schrot, bei dem man immer weiss, woran man ist.»

Das entspricht ganz Kläys Selbsteinschätzung: «Ich bin wirtschaftsliberal und in Finanz- und Steuerfragen klar auf der FDP-Linie. Überzeugbar bin ich bei Bildungs- und Kulturthemen.» Eine Herzenssache sind ihm beispielsweise das Winterthurer Musikkollegium und das Konservatorium – obwohl er selbst kein Instrument spielt. Auch für Geschichte interessiert er sich, nicht nur, weil er mit der Winterthurer Stadtarchivarin Marlis Betschart verheiratet ist.

Jeden Morgen nimmt Kläy den ersten Zug von Winterthur nach Bern, wo der Gewerbeverband sitzt. Um in Fragen wie Urheberrecht oder internationalem Vertragsrecht fachkundig zu sein, ging der Doktor der Politikwissenschaft, der auch ein abgeschlossenes Management-Studium (MBA) hat, ein drittes Mal an die Hochschule St. Gallen und schloss im vergangenen November mit einem Master in Wirtschaftsrecht ab.

«Lebenslanges Lernen ist keine Floskel», sagt er. Und gibt zu: «Es war schon streng, Arbeit, Studium und Politik unter einen Hut zu bringen.» Immerhin können ihn die weit über hundert Termine seines Präsidialjahres nicht mehr schrecken. «Die sind ja meist abends oder am Wochenende», sagt Kläy. «Da kann ich normal weiterarbeiten.»

Von einem verhärteten Politklima, wie es die scheidende Stadträtin Yvonne Beutler beklagt, habe er in Winterthur nichts festgestellt, sagt Kläy. «Wenn es darauf ankommt, ziehen alle am gleichen Strick. Auch im Kantonsrat wird meist sachlich argumentiert.» Kläy ist auch keiner, der auf Facebook herumstreitet – er hat ein Profil, liest aber nicht täglich mit und schreibt noch seltener. «Ich werde demnächst wieder einen Post machen», kündigt er an, «zur Steuer-AHV-Vorlage.»

Faszination Russland

Häufiger als Facebook schaut Kläy russisches Fernsehen. 1983 reiste er das erste Mal nach Russland und schrieb seine Dissertation zur sicherheitspolitischen Entwicklung in der Sowjetunion. Über 40-mal hat er die ehemaligen Sowjetstaaten bereist, fasziniert von der Sprache und dem Einblick in eine fremde, sich rasch verändernde Welt.

Von der Tristesse der Planwirtschaft zum Wildwest-Kapitalismus der Neunzigerjahre und den wiedererwachten Grossmachtträumen von heute – Kläy verfolgte alles aus der Nähe. Und ist dabei nicht unglücklich, sich zu Hause wieder mit Geschäften wie dem Musikschulgesetz oder der Neuorganisation des Lotteriefonds zu befassen.

Sein Präsidiumsjahr wird ein spannendes: Nach den Erneuerungswahlen ist etwa jedes dritte Gesicht im 180-köpfigen Kantonsrat ein neues. «Ich freue mich drauf», sagt Kläy – keine Spur von Nervosität.