Gerade Touristengruppen aus Russland machen immer wieder vor dem Lavaterhaus Halt, hat St.-Peter-Pfarrer Ueli Greminger festgestellt, und lassen sich über Leben und Wirken des berühmten, aber auch berüchtigten Pfarrers, Schriftstellers und Physiognomisten Johann Caspar Lavater (1741 - 1801) informieren. In Russland sei er fast bekannter als in Zürich, vermutet er.

Um Lavater den Zürchern und weiteren Interessierten näherzubringen, hat die Kirchgemeinde St. Peter zusammen mit der Forschungsstiftung Johann Caspar Lavater soeben im Lavaterhaus, das ihr als Kirchgemeindehaus dient, ein kleines Lavater-Museum eingerichtet. Es besteht ganz bescheiden aus einem Zimmerchen im dritten Stock. Immerhin enthält es zum Beispiel Lavaters Schreibtisch, der aus Basel wieder nach Zürich gekommen ist, zudem sind einige Autografen ausgestellt, unter ihnen, aus privaten Sammlungen, Kärtchen mit kurzen Nachrichten – «heute wären das SMS», lacht Greminger.

In einem Bücherschrank sind die bereits erschienenen Bände der historisch-kritischen Ausgabe von Lavaters Werken untergebracht, zudem Sekundärliteratur, doch davon gibt es zu Gremingers Erstaunen eigentlich wenig. Nun hat er selber ein Bändchen beigesteuert: «Johann Caspar Lavater. Berühmt, berüchtigt – neu entdeckt».

Eigentlich, sagt er, habe er selber vor seiner Wahl zum Pfarrer an St. Peter von Lavater nicht viel gewusst. Dessen Studien zur Physiognomie seien ihm eher etwas suspekt vorgekommen, sie seien für die Menschen heute kaum mehr nachvollziehbar und zuletzt auch missverstanden worden. In der Wiener Hofburg ist Lavaters riesige Sammlung von über 20000 Blättern aufbewahrt, mit Lavaters Kommentaren versehene Porträts, die er von verschiedenen Zeichnern in Auftrag gegeben hatte –- faszinierend, aber auf Abwege führend, etwa wenn eine Braut Lavater das Porträt ihres Bräutigams schickt und wissen will, ob dieser wirklich, wie aus der Tafel der Stirnen herausgelesen werden könnte, des Geizes und der Niedertracht fähig sei.

Tagebuch als Schlüssel

Anders Lavaters «Geheimes Tagebuch», das sei wie ein Schlüssel zum Denken und Wirken seines Amtsvorgängers gewesen, sagt Greminger. Es atme trotz pietistischer Anklänge einen liberalen Geist, wie er auch heute noch am St. Peter gepflegt werde. Hier liege ein Schatz begraben, es lohne sich, Lavater den Menschen des 21. Jahrhunderts stärker ins Bewusstsein zu rücken.

«Er war in seiner Theologie sehr modern», führt Greminger aus. «Er war ein origineller Denker.» Dogmatik und Tradition um der Tradition willen hätten bei ihm nichts verloren, er sei der Aufklärung und dem Sturm und Drang verbunden und von einem ausgeprägten Gerechtigkeitsstreben beseelt gewesen. Schon als junger Mann hatte er eine mutige Streitschrift gegen den damals in Greifensee herrschenden Landvogt Grebel geschrieben, mit der Folge, dass eine Untersuchung angeordnet wurde und der Mann Reissaus nahm.

Viel Sand waschen

Lavater glänzte nicht nur als Prediger – man musste Zürichs Gläubige dazu anhalten, auch die Gottesdienste in den anderen Kirchen zu besuchen –, sondern beherbergte Geistesgrössen wie Goethe und unterhielt eine europaweite Korrespondenz. Seine Schriften sind zahlreich, doch hat der Literaturkritiker Manfred Papst nach Gremingers Worten gesagt, man müsse viel Sand waschen, bis die Goldkörner sichtbar würden.

Die Kirchgemeinde bietet auch Führungen zum Thema Lavater an. Wichtige Stationen seines Lebens sind nah beisammen. Sein Grabstein findet sich gleich bei der Kirche St. Peter. Lavater war in den Wirren der Französischen Revolution von einem Schuss getroffen worden; von der Verletzung hatte er sich nicht mehr erholt.