Abstimmung ZH
Ein Ja zum ZSC-Stadion bedeutet das Aus von 122 Schrebergärten

Abstimmung: Am 25. September entscheiden die Stadtzürcher über das geplante ZSC-Stadion. Ein Ja bedeutet das Ende für 122 Schrebergärten auf dem Vulkan-Areal in Zürich Altstetten. Viele Pächter haben sich bereits damit abgefunden, wie ein Besuch vor Ort zeigt.

Heinz Zürcher
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Blühende Beete und «Ferienhäuschen für Nicht-Vermögende»: 122 Schrebergärten auf dem Vulkan-Areal müssten dem Stadion weichen. Heinz Zürcher

Blühende Beete und «Ferienhäuschen für Nicht-Vermögende»: 122 Schrebergärten auf dem Vulkan-Areal müssten dem Stadion weichen. Heinz Zürcher

Vom Bahnhof Zürich Altstetten führt der Weg zum Familiengarten an den mächtigen Bürobauten der UBS vorbei. Es folgt eine Baugrube, wo schon die nächsten Hochhäuser entstehen, und etwas weiter vorne das Gelände des Familiengartenvereins Altstetten-Albisrieden. Eine grüne Oase für 321 Schrebergärtner, umgeben von Strassen, Bahnlinien und einem Heim für Asylsuchende. Hier, auf dem Vulkan-Areal, sollen 2019 die Bagger auffahren, so denn die Stadtzürcher am 25. September der geplanten Eishockeyarena mit dem Projektnamen «Theatre of Dreams» zustimmen. Leidtragende wären 122 Schrebergärtner. Sie müssten der künftigen ZSC-Heimstätte weichen.

Dagegen wehrt sich Robert Kümin. Der Politiker der Grünen der Stadtkreise 1+2 ist Vorstandsmitglied des Familiengartenvereins. Selber hat er bis vor zwei Jahren eine Parzelle in Albisrieden gehegt. Seit ihn Rückenbeschwerden plagen, hat er das Gärtnern aufgegeben. Dafür engagiert er sich im Abstimmungskampf, redet mit Stimmbürgern, Politikern, Medien, verteilt Plakate und führt an diesem Freitagnachmittag durch das Reich der Hobbygärtner.

Vom Widerstand gegen das drohende Ende ist auf dem Vulkan-Areal wenig bis gar nichts zu spüren. Stofffetzen hängen von Fahnenstangen, teilweise sind die Gärten ungepflegt oder verwildert, das eine oder andere Hüttendach ist beschädigt. Es scheint, als wäre der «Vulkan» bereits erloschen. Auch Heidi Cathomas strahlt kein Fünkchen Hoffnung aus. «Wir haben doch eh keine Chance», sagt die 76-Jährige, wischt sich den Schweiss von der Stirn und bückt sich zu den Kartoffeln, die sie heute geerntet hat. Nebenan gedeihen Tomaten, Bohnen, Sellerie und Kürbisse. Seit 22 Jahren schaut sie ein- bis zweimal pro Woche nach ihrem Gemüse. Dann und wann helfen Enkel und Urenkel mit. Im Hüttchen fehlt es an nichts: WC, mit Solarstrom betriebener Kühlschrank, Gasherd, ein Tisch, auf dem man im Winter mal ein Fondue auftischen kann. Der Samichlaus war auch schon zu Besuch.

Klar sei es schade, all dies aufgeben zu müssen, sagt Heidi Cathomas. «Aber es tut nicht mehr so weh.» Das stadteigene Land, das in einer Reservezone liegt, sollte schon mehrmals umgenutzt werden. Einmal waren Fussballplätze geplant. Nun will es der Hockeyclub für sich beanspruchen. «Gegen die Fans sind wir Schrebergärtner in der Minderheit», sagt Cathomas. «Und dann haben ja der Spuhler und der Frey ihre Hände drin.» Sie verstehe ja, dass Fans und Nachwuchs ein Stadion und zusätzliche Eisflächen bräuchten. «Aber wieso hat man nicht auf dem Hardturm-Areal eine Duplex-Arena gebaut?» Am meisten ärgere sie aber, dass die Stadt komplett überbaut werde. «Überall diese Betonklötze – das macht mich hässig.» Die 199 Gärtner, die bleiben können, beneidet sie nicht. «Ich sehe schon, wie die Fans in die Gärten urinieren und Abfall in die Beete werfen.»

Von den geplanten Gemeinschaftsgärten im Gebiet Dunkelhölzli in Altstetten, welche die Stadt Zürich den Betroffenen zur Verfügung stellen will, hält sie nichts. Viel Arbeit in Gemüse und Früchte zu stecken, das dann andere pflücken oder nach anderen Vorstellungen pflegen – kein Hüttchen, wo man seine Geräte aufbewahren und sich zurückziehen kann: «Nein, das ist nichts für mich. Vorher höre ich auf mit Gärtnern.»

Die meisten Betroffenen würden so denken, sagt Kümin. «Vor allem die Älteren werden kaum in einen anderen Garten ziehen.» Antonio Sibilia zum Beispiel. Der Italiener hat seine Parzelle seit 33 Jahren. Fast jede freie Minute verbringt er im Garten. Was er denn tun würde, wenn er seinen Platz räumen müsste? «Dann Krematorium», antwortet der Rentner knapp und widmet sich wieder seinen San-Marzano-Tomaten, die er in einer Wanne wäscht und zu Sauce verarbeiten will.

Nebenan bewässert Theres Scherer ihre Blumen. Giesskanne um Giesskanne schleppt sie heran. Seit über 20 Jahren pflegt sie ihren Garten. Alle zwei Tage kümmert sie sich um Beeren, Peperoni, Auberginen – und im Winter um die Meisen. Die 75-Jährige ist überzeugt, dass die Stadtzürcher für das Stadion und gegen die Schrebergärtner stimmen werden.

«Ich selber habe mich auch noch nicht entschieden. Einerseits verstehe ich, dass die Jungen mehr Platz fürs Eishockey brauchen. Andererseits sind die geplanten Gärten im Dunkelhölzli kein echter Ersatz für uns.» Auch sie würde ihr Hobby aufgeben. Irgendwann sei eben Schluss. «Viele pflegen ihre Gärten ja sowieso nicht mehr so gut», sagt sie. Sie meint jene Pächter auf dem Vulkan-Areal, die lieber mit dem Bier in der Hand am Grill stehen als mit dem Handspaten zwischen den Beeten.

Kleingartenordnung und Arealreglement geben klar vor, wie die Parzellen gepflegt werden müssen, wie viel Fläche für Anbau und Rasen bestimmt sind. Doch nicht alle halten sich daran. Zwar gibt es regelmässig Kontrollen. Sich durchzusetzen, sei aber schwierig, sagt Kümin. Dennoch: Alleine im letzten Jahr wurden 20 Kündigungen ausgesprochen. Teils wegen Verstössen gegen die Auflagen, teils wegen versäumter Zahlungen. Jährlich 100 Franken für die Mitgliedschaft und 250 Franken für die Pacht – so viel kostet die 200 Quadratmeter grosse Fläche mit «Ferienhaus für Nicht-Vermögende», wie es Kümin nennt.

Dass Kleinstresidenzen an solchen Lagen in Zeiten der Verdichtung unter Druck geraten, ist offensichtlich. Selbst Kümin glaubt, dass das ganze Gebiet bis in 50 Jahren komplett überbaut sein wird. Doch kampflos will er es nicht hergeben. Auch wenn sich die Betroffenen scheinbar bereits mit ihrem Schicksal abgefunden haben. Kümins Aufruf, zur entscheidenden Debatte im Gemeinderat vor dem Rathaus gegen die ZSC-Pläne zu demonstrieren, folgte lediglich ein halbes Dutzend Gärtner. Die Idee eines Protestmarschs über die Europabrücke liess er schliesslich fallen: zu wenig Budget, zu wenig Unterstützung.