Heinrich Bullinger
Ein göttliches Zeichen: Der Blitzeinschlag ins Grossmünster während der Zeit des Zürcher Reformators

Eine Ausstellung über die Korrespondenz des Zürcher Reformators zeigt eine Kunstinstallation, die den Blitzeinschlag ins Grossmünster von 1572 thematisiert.

Katrin Oller
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Zur Ausstellung an der Universität gehören ein Buch zu Bullingers Briefwechsel und Kunstinstallationen.

Zur Ausstellung an der Universität gehören ein Buch zu Bullingers Briefwechsel und Kunstinstallationen.

Frank Brüderli

Einen richtigen Blitz darf Florian Germann im Foyer der Universität Zürich nicht erzeugen. Bereit liegen würde eine sechs Meter lange Schlange aus Silber in einer stilisierten Turmspitze. Zusammen mit der Autobatterie daneben könnte ein optischer Blitz entstehen, sagt der Künstler. Feuerpolizeiliche Vorgaben verhindern das aber. Donner darstellen darf Germann allerdings: Mit Sicherheitsschuhen an den Füssen und einem Verstärker auf dem Rücken führte er Ende letzter Woche durch die Vernissage der Ausstellung «Die Stral / Nachrichten von Heinrich Bullinger».

«Stral» ist Frühneuhochdeutsch für Blitz. In den Installationen repräsentiert Germann künstlerisch, wie am 7. Mai 1572 der Blitz in einen der Zürcher Grossmünstertürme einschlug. Damals interpretierte man Blitzeinschläge – erst recht solche in Kirchen – als göttliche Zeichen gegen die Kirchenoberen. Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger als Grossmünsterpfarrer, fürchtete sich vor solchen Fake News und verschickte Briefe mit einer sachlichen Schilderung der Ereignisse. Lediglich das Kirchendach sei zerschlagen worden.

Dank der Löschanstrengungen – gebraucht wurden Kloakenwasser und reichlich Mist – konnte Bullinger zwei Tage später wieder in der Kirche predigen.

«Heute hätte Heinrich Bullinger die Sozialen Medien genutzt», sagt Uni-Prorektorin Gabriele Siegert. Denn er habe nach Bedeutungshoheit und Vernetzung gestrebt. Dies zeigt seine Korrespondenz, die mit 12 000 Briefen diejenige von Zwingli, Luther und Calvin bei weitem übertrifft und wohl der umfangreichste der frühen Neuzeit ist. In der Ausstellung selber gezeigt werden können die alten Schriften aus Sicherheitsgründen aber nicht.

Peter Opitz, Professor am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte, spricht von einem riesigen Schatz, der grösstenteils ungehoben im Staatsarchiv liegt. Ein kleines Team editiert die meist in Latein verfassten handschriftlichen Texte. 2000 stammen von Bullinger, 10 000 sind an ihn adressiert, geschrieben von Gelehrten, Studenten, Kirchenmännern und Politikern aus ganz Europa – dazu gehört auch die Königin von England.

Kein Geld mehr für seine Briefe

Ein Viertel der Briefe wurde bereits bearbeitet, für den Rest fehlt bald das Geld. 2020 ziehen sich der Nationalfonds und die Zürcher Landeskirche aus der Finanzierung zurück und neue Geldgeber müssen gefunden werden. Dabei soll die Ausstellung helfen, der ein Veranstaltungsprogramm angegliedert ist – dazu gehört ein Gönneranlass. Neben den künstlerischen Installationen und den Anlässen bildet ein Buch den dritten Teil der Ausstellung. 4000 Exemplare von «Nüwe Zyttungen» liegen kostenlos zum Mitnehmen auf.

Im Buch sind eine Auswahl von Bullingers Briefen und aktuelle Nachrichten thematisch geordnet. Das kann persönlich werden, etwa wenn Bullinger seiner Frau schreibt, dass er «etwas jähzornig, doch nicht bösartig» sei. Dramatisch ist die Schilderung Conrad Gessners, wie in Frankreich Glaubensflüchtlinge gefoltert und verbrannt wurden und ihnen die Zunge abgeschnitten wurde. Die Flugblätter, die abgeschrieben und weitergereicht wurden, berichten von Missgeburten, Pestepidemien und Naturkatastrophen wie dem Blitzeinschlag vom 7. Mai 1572.

Die Ausstellung im Foyer West des Hauptgebäudes der Universität Zürich an der Rämistrasse 71 dauert noch bis zum 24. Jun i. Sie ist von Montag bis Freitag und am Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet sowie am sowie am Samstag von 10 bis 13.30 Uhr.