Kloten
Ein Gewässer unter dem Flughafen soll für Wärme genutzt werden

Am Flughafen soll fortan noch mehr auf Geothermie gesetzt werden.

Andrea Söldi
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Zunächst müssen geologische Abklärungen beweisen, ob das Gewässer überhaupt genutzt werden kann.

Zunächst müssen geologische Abklärungen beweisen, ob das Gewässer überhaupt genutzt werden kann.

CH Media

200 bis 300 Meter unter dem Flughafen Zürich liegt vermutlich ein See. Dieser soll künftig dazu dienen, die Wärme zu speichern, die bei der Kühlung der Gebäude im Sommer anfällt. Im Winter kann das Gewässer dann wieder als Wärmequelle verwendet werden, um die Räume mittels Wärmepumpe zu heizen. So zumindest die Idee. «Wir stehen ganz am Anfang der Projektierungsarbeiten», erklärt Flughafensprecherin Bettina Kunz. «Die tatsächliche Tiefe der Rinne sowie der genaue Aufbau sind unbekannt.» Geologische Abklärungen sollen zeigen, ob und in welcher Form das Gewässer genutzt werden kann. Der Auftrag für die Bodenuntersuchung wurde am 11. Januar ausgeschrieben.

Kann das Projekt realisiert werden, wäre es in der Schweiz bis anhin erst das zweite seiner Art. Ein ähnliches System ist seit kurzem am Hauptsitz der Uhrenmarke Swatch in Biel in Betrieb. Erdwärme wird zwar bereits von zahlreichen Gebäuden genutzt, die mit Erdwärmesonden ausgestattet oder an ein mit Geothermie betriebenes Fernwärmenetz angeschlossen sind. Auch der Flughafen selber verwendet die natürliche Ressource schon länger: Teile des Werkhofs werden von Erdwärmesonden versorgt. Und sowohl das Terminal E wie auch der Circle stehen auf Hunderten von Pfählen, die rund 50 Meter in die Erde reichen. Sie wurden mit Wärmetauschern versehen, welche Wärme im Sommer ins Erdreich führen und im Winter wieder hervorholen.

Effiziente Technik mit grossem Potenzial

Hingegen sei die sogenannte Aquifertechnologie hierzulande noch nicht angekommen, sagt Katharina Link vom Verband Geothermie Schweiz. «Das Potenzial wäre riesig», betont die Geologin. Die aktuelle Gesetzgebung verhindere aber häufig die Nutzung: Sie verbietet die Erwärmung unterirdischer Gewässer um mehr als drei Grad Celsius, auch wenn sie nicht als Trinkwasser in Frage kommen. Der Verband will nun auf eine Gesetzesänderung hinarbeiten. Denn die Technologie sei sehr effizient, sagt Link: «In einem stehenden Gewässer verflüchtigt sich die Wärme kaum. Sie kann praktisch vollständig wiedergewonnen werden. Zudem wird sehr wenig graue Energie benötigt.»

Führend in der Technologie sei Holland, weiss Katharina Link. Prominente Aquiferspeichersysteme sind zudem beim Berliner Reichstag sowie am Flughafen Arlanda in Stockholm in Betrieb. Am schwedischen Flughafen wird das Wasser des unterirdischen Sees bereits seit über zehn Jahren genutzt, um im Winter den Schnee auf den Pisten zu schmelzen sowie die Ventilationsluft für die Gebäude vorzuwärmen.

Das Aquiferprojekt ist eine von vielen Massnahmen, mit denen der Flughafen seine CO2-Emissionen senken will. 2018 stiess der Betrieb knapp 27000 Tonnen Kohlendioxid aus. Bis 2030 soll die Menge auf 20000 Tonnen reduziert werden, bis 2040 auf 10000, um dann bis 2050 gegen null zu gehen. Geht es nach diesem Plan, wird der Flughafen in 30 Jahren CO2-neutral sein – zumindest was die Gebäude und die Infrastruktur betrifft. Diese machen normalerweise rund 10 Prozent des Gesamtausstosses aus. Die Hauptmenge an Klimagasen entsteht beim Flugbetrieb selber.

Gebäude dämmen und elektrisch fahren

Der Flughafen heizt seine Gebäude derzeit zu einem grossen Teil mit Gas. Dies verursacht beinahe 90 Prozent des CO2-Ausstosses. Durch die Nutzung einer Wärme-Kraft-Koppelungsanlage werden dabei gleichzeitig knapp 20 Prozent des benötigten Stroms produziert. Ein weiteres Prozent stellen die grossflächigen Fotovoltaikanlagen auf verschiedenen Dächern her. Der Rest des Stroms wird am Markt beschafft.

Eine wichtige Massnahme auf dem Weg zur Klimaverträglichkeit ist auch die Dämmung der Gebäude. «Wann immer am Flughafen Zürich ein Gebäude saniert oder neu gebaut wird, ist der Energieverbrauch ein sehr zentrales Thema», versichert Mediensprecherin Bettina Kunz. Bereits saniert wurden etwa das Terminal 2 und das Dock B. Bei Neubauten wie zum Beispiel der neuen Gepäcksortieranlage sind neuste Energiestandards selbstverständlich. Die neue Anlage wird ein Drittel weniger Energie benötigen als die alte, obwohl sie ein Drittel länger ist.

Die Elektrifizierung der Fahrzeuge und Maschinen soll einen weiteren Beitrag zur Einsparung von Klimagasen leisten. Derzeit werden rund 30 Prozent davon von Strom angetrieben. Einige Airport-Taxis fahren zudem mit Wasserstoff. Darüber hinaus ist ein ganzer Strauss von weiteren technischen Verbesserungen geplant– etwa die Installation von LED-Leuchten in Kombination mit intelligenter Steuerung oder der Ersatz der bisherigen Rechenzentren.

«Der Schutz des Klimas gehört zu den Fokusthemen der Flughafen Zürich AG»

«Der Schutz des Klimas gehört zu den Fokusthemen der Flughafen Zürich AG», betont Bettina Kunz. Die Reduktion des CO2-Ausstosses im Flugverkehr selber dürfte aber das weitaus ambitioniertere Ziel sein als bei den Gebäuden und der Infrastruktur am Boden. Einen Beitrag dazu soll das neue CO2-Gesetz leisten, welches das Reisen auf dem Luftweg durch eine Flugticketabgabe verteuern soll. Diese bekämpft Flughafen-CEO Stephan Widrig. Wie er in der «Luzerner Zeitung» kürzlich erklärte, hält er die Abgabe für wirkungslos, weil das Geld nicht direkt in die Entwicklung klimaneutraler Treibstoffe fliessen soll. Auf solche Technologien setzt die Flugbranche grosse Hoffnungen.

Der grünen Kantonsratsfraktion dagegen stösst das Engagement Widrigs sauer auf. Die Produktion synthetischer Treibstoffe in grossem Stil dürfte noch Jahrzehnte dauern, schreiben sie. Zudem erinnern die Grünen daran, dass die Flughafen AG zu 30 Prozent dem Kanton gehört und zu 5 Prozent der Stadt Zürich. Der staatsnahe Betrieb solle endlich Ernst machen mit dem Klimaschutz, fordern sie, und die Interessen der Bevölkerung wahren.