Altersguthaben
Ein Fehler kostet Rentner eine halbe Million Franken

Das Bundesgericht setzt einen Schlusspunkt unter den Alptraum eines begüterten Zürchers. Es geht um 500000 Franken Altersguthaben, das sich mit der Finanzkrise in Luft auflöste – endgültig, wie nun feststeht.

Marius Huber
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Bundesrat belässt BVG-Zinssatz bei 2 Prozent

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Keystone

Angefangen hatte alles im Frühling 2008, als Ernst Haug* seinen Rückzug aus dem Berufsleben vorbereitete. Die Finanzmärkte waren längst ins Trudeln geraten, der Schweizer Aktienmarkt war in wenigen Monaten um 20 Prozent eingebrochen. Aber Haug hatte vorgesorgt.

Er hatte offensichtlich ein Leben lang gut verdient, zuletzt als Partner bei einer Firma, und so hatte sich bei seiner Pensionskasse ein respektables Alterskapital angehäuft.

Dieses wollte er sich nun in monatlichen Raten auszahlen lassen. Er entschied sich also gegen eine klassische Rente und für den Bezug seines Kapitals – dies aber häppchenweise. So teilte er es seiner Pensionskasse mit, wie aus dem vorgestern publik gewordenen Gerichtsurteil hervorgeht.

Im Spätsommer 2008 stand Haugs Pensionierung unmittelbar bevor. Die Welt taumelte inzwischen am Abgrund, die Schweiz stand im Bann der UBS, die sich selbst demontierte.

Vor diesem Hintergrund muss sich der Brief sehr erfreulich gelesen haben, den Haug Ende August von seiner Pensionskasse erhielt. Sein Sparkapital habe sich im laufenden Jahr weiter vermehrt, stand da, und zwar zu einem Zins von einem Prozent.

Fast 2,5 Millionen Franken habe er insgesamt zu gute – er dürfe künftig mit monatlichen Auszahlungen von über 22000 Franken rechnen. Ernst Haug konnte seine Pension in Ruhe antreten.

Das böse Erwachen

Das böse Erwachen kam im Frühjahr 2009, nach einer Serie von traumatischen Monaten. Die Börsenkurse waren endgültig in den Keller gefallen, als Ernst Haug erneut Post von seiner Pensionskasse bekam.

Es ging wieder um sein Altersguthaben. Diesbezüglich gab es eine nicht unbedeutende Änderung: Der Zins darauf betrug fürs ganze Jahr 2008 satt des angekündigten einen Prozents – minus 17 Prozent. Das Guthaben des Pensionärs schrumpfte auf einen Schlag von 2,5 Millionen Franken auf «nur» noch 2 Millionen.

Im Prinzip kam der schlechte Geschäftsgang von Haugs Pensionskasse nicht überraschend. Der BVG-Index der Bank Pictet, ein Massstab für die Schweizer Pensionskassen, wies fürs Jahr 2008 Verluste zwischen 11 und 31 Prozent aus – je nach Anlagerisiko. Und Kassen, die eine zu geringe Deckung aufwiesen, reichten laut Fachleuten solche Verluste an ihre Versicherten weiter.

Ganze Altersvorsorge verloren

Auch Kleinverdiener, die keine Millionen auf der hohen Kante hatten, verloren in jenen Tagen viel Geld. Damals kursierten Geschichten von Leuten, die ihre ganze Altersvorsorge verloren hatten, weil sie diese auf drängen ihrer Bankberater in angeblich todsichere Anlagevehikel gesteckt hatten, die kurz darauf im Sturm des amerikanischen Subprime-Debakels zusammenbrachen.

Aber Ernst Haug wollte seinen Verlust nicht hinnehmen. Und er hatte die Mittel, sich zu wehren. Er schaltete seinen Rechtsanwalt ein, der ein Büro in einem repräsentativen Bau an der Goldküste hat. Dieser warf der Pensionskasse vor dem Zürcher Sozialversicherungsgericht vor, sie habe seinem Mandanten im Sommer 2008 falsche Versprechungen gemacht – und solle sich nun gefälligst daran halten.

Doch die Richter entschieden anders, wie schon in einem anderen, fast identischen Fall: Das erste Schreiben der Pensionskasse, in dem diese noch ein Prozent Zins angekündigt hatte, sei nicht verbindlich gewesen, argumentierten sie, sondern rein informativ. Die Kasse habe den massgebenden Zinssatz reglementskonform erst nach Ablauf des Geschäftsjahres festgelegt, basierend auf ihrem Geschäftsgang. Ein Urteil, das nun auch das Bundesgericht bestätigte.

Eine Folge der Ratenzahlung

Zum Verhängnis wurde Ernst Haug letztlich, dass er sich dagegen entschieden hatte, sich seine Altersvorsorge am Stück auszahlen zu lassen, sondern dass er sie in Raten beziehen wollte.

Nur deshalb befand sich der grösste Teil seines Guthabens das ganze Krisenjahr über weiter bei seiner Pensionskasse, und nur deshalb wurde es von den Minuszinsen mit ganzer Härte erwischt. Haug hat, mit anderen Worten, ganz am Anfang einen 500000-Franken-Fehler begangen – damals im Frühjahr 2008, als er seinen Ruhestand vorbereitete, und als die Krise noch jung war.

*Name geändert