Urgrossmutter Klara Schibli lässt es sich nicht nehmen, für das gemeinsame Foto auf Hof im Kreis ihrer Familie Platz zu nehmen. Danach zieht sie sich wieder in ihre Wohnung im alten Bauernhaus zurück. Dass «Grosi» auch im hohen Alter von 94 Jahren noch im eigenen Haushalt leben kann, verdankt sie der liebevollen Unterstützung ihrer Familie. So selten das Modell einer Familiengemeinschaft mit vier Generationen heute auch ist, so gern und selbstverständlich wird es von Familie Schibli gelebt.

Die 30-jährige Enkeltochter Sabrina wohnt mit ihrem Mann Martin und den beiden kleinen Töchtern Jana und Julia im ausgebauten Dachstuhl. Sie putzt und wäscht für «Grosi», die im unteren Stockwerk lebt.

Ihre Schwägerin Egija stammt aus Lettland und hat ihren Mann Markus als Praktikantin während seiner Lehrzeit auf einem Hof im Thurgau kennen gelernt. Gerade einmal 19-jährig, fuhr der Jungbauer damals 36 Stunden mit dem Bus nach Lettland, um seine zukünftige Frau nach Otelfingen zu holen. «Mit zwei Taschen kam ich hier an», erzählt Egija, die zusammen mit Schwiegermutter Yvonne Schibli den gut sortierten und bestens organisierten Hofladen führt. «Wir haben sechs Tage die Woche von 8 bis 19 Uhr offen. Jede von uns ist drei Tage für den Laden verantwortlich, die andere fürs Kochen.»

Punkt 12 Uhr, wenn die 13-jährige Tochter Laura und der 9-jährige Sohn Lukas von der Schule kommen, steht das Mittagessen auf dem Tisch – auch bei «Grosi». Markus hat vor einigen Jahren die Leitung des elterlichen Bauernhofes von seinem Vater Ruedi Schibli (67) übernommen. Alle zusammen wohnen sie im Einfamilienhaus, wenige Schritte über den Hof vom alten Bauernhaus entfernt.

Ein eingespieltes Team

Sabrina lernte den damals in der Pistenrettung tätigen Martin kennen, als sie 2004 als Saisonkraft in der Gastronomie arbeitete – in Zell am See, dem bevorzugten Skigebiet der Familie. «Für einmal hat sie ein Souvenir heimgebracht, das man nicht abstauben muss», neckt ihre Mutter Yvonne den österreichischen Schwiegersohn. Martin Sendlhofer ist technischer Leiter der Wasserversorgung Dänikon, Sabrina arbeitet als Kosmetikberaterin.

«Wenn Not am Mann ist, packen wir auf dem Hof mit an», berichtet der 34-Jährige. «Den Wümmet machen wir jedes Jahr zusammen.» Auch sonst bringt jeder seine Fähigkeiten mit ein, wie etwa beim jährlichen Christkindlimärt, der Ende November 25 Aussteller und Hunderte Besucher auf den Hof brachte. «Einer sorgt für den Strom, der andere für die Deko, so hat jeder seine Aufgabe. Wir können uns aufeinander verlassen», freut sich Egija über das eingespielte Familienteam. Teenager Laura ist sich nicht sicher, ob sie mit einer eigenen Familie später auf dem Hof bleiben will, beschwichtigt aber: «Noch bin ich ja da.»

Mehrgenerationenhaushalte seien äusserst selten, sagt François Höpflinger, emeritierter Titularprofessor für Soziologie. «Mit nicht einmal einem Prozent liegt die Anzahl der Haushalte mit mehr als zwei Generationen in der Schweiz aktuell auf einem Tiefstand. Im gemeinsamen Haus, aber mit getrennten Haushalten, leben immerhin rund 20 Prozent. Wie in anderen nord- und westeuropäischen Ländern waren in der Schweiz Mehrgenerationenhaushalte bereits in früheren Jahrhunderten eher selten und oft auch in der Not begründet.

Familie in eigener Verantwortung

Im Zentrum des Familienlebens stand schon früh die «monogame Zweierbeziehung», nicht die Beziehung zur Sippe oder zum Clan. Alte, erfahrene Menschen haben als Träger kultureller Traditionen an Bedeutung verloren, jede Generation führt ihr Familienleben in eigener Verantwortung. Demgegenüber existiert heute das Konzept «Mehrgenerationenhaus» als Lebensform für das freiwillige Zusammenleben von mehreren unabhängigen und verschieden alten Personen, welches sich vor allem auf die Wünsche der älter werdenden Generation der Babyboomer zurückführen lässt.»