Zürich
Ein Besuch im neuen Kompetenzzentrum für Palliative Care

Othmar Immoos, Abteilungsleiter Pflege, Kathrin Zaugg, Leitende Ärztin der Radio-Onkologie, und Stefan Obrist, ärztlicher Leiter des neu eröffneten Kompetenzzentrums im Unispital Zürich berichten über die Herausforderung der palliativen Arbeit.

Sarah Jäggi
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Die Patientenzimmer auf der Palliativpflege sind die einzigen Zimmer, die am Zürcher Universitätsspital farbige Wände erhalten. Visualisierung zvg

Die Patientenzimmer auf der Palliativpflege sind die einzigen Zimmer, die am Zürcher Universitätsspital farbige Wände erhalten. Visualisierung zvg

Sie stehen im einzigen leeren Zimmer auf der Palliativabteilung im Zürcher Universitätsspital und berichten von ihrer Arbeit: Othmar Immoos, Abteilungsleiter Pflege, Kathrin Zaugg, Leitende Ärztin der Radio-Onkologie, und Stefan Obrist, ärztlicher Leiter des Kompetenzzentrums, das Anfang Jahr eröffnet wurde. Sie berichten von Menschen, häufig nicht älter als 50 Jahre, die hier am Ende ihres Lebens stehen, von der Freude an beruflichen Herausforderungen und von der Notwendigkeit, Hierarchien sein zu lassen, wenn es darum geht, Menschen am Ende ihrer Krankheit zu begleiten.

Sie berichten davon, dass es bei der Arbeit wesentlich darum geht, Symptome zu lindern und da zu sein. «Ja, wir leisten uns hier den Luxus, da zu sein», sagt Othmar Immoos. Einfach bei einem Patienten zu sitzen, ja, das sei möglich. Sie erzählen davon, dass es schwierig sein könne, wenn ein sterbenskranker Mann partout seine Krankheit ignoriere und sich mit der nächsten Bergtour befasse statt mit dem nahen Tod, und dass es nicht minder herausfordernd sei, eine Antwort auf die Frage «Wie lang gahts no, Herr Doktor?» zu geben, sagt Stefan Obrist.

Ausbau auf 20 Betten geplant

Das auf Anfang Jahr neu geschaffene Kompetenzzentrum für Palliative Care am Zürcher Universitätsspital verfügt über acht Einzelzimmer, im Laufe des Jahres sollen fünf weitere hinzukommen, bis 2015 ist ein Ausbau auf 20 Betten geplant. Hier werden Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenen, unheilbaren Krebserkrankungen und anderen lebensbedrohlichen Leiden betreut. Man rechnet damit, dass weniger als die Hälfte von ihnen hier stirbt und die restlichen Patienten entweder nach Hause, in ein Pflegeheim oder in ein Hospiz verlegt werden.

Auch wenn man sich nicht «über das Sterben definiere», so gehe es
in der Palliativmedizin auch darum, «letzte Dinge zu klären», so Kathrin Zaugg. Und berichtet von der Frau, deren Mann im Zimmer nebenan liegt. Unheilbar krank, Jahrgang 66, drei kleine Kinder. Zusammen mit den Fachleuten aus Pflege, Sozialdienst, Psychologie und Physiotherapie klärt man nun ab, ob und wie es möglich ist, dass der Mann noch einmal nach Hause kann. Die Betreuung von Angehörigen, die besonders stark belastet sind, ist ein wichtiger Teil der Arbeit in der Palliativmedizin.

Warmes, geprüftes Gelb

Noch unterscheidet sich das Zimmer, in dem wir stehen, nicht von einem herkömmlichen Spitalzimmer. Das soll sich ändern. Das Kompetenzzentrum wird dereinst die einzige Abteilung mit farbigen Wänden sein, ein warmes, farbpsychologisch geprüftes Gelb hat man im Auge, ein dunkler Kunststoffboden soll dereinst Halt geben. Auch die Bilder an den Wänden: Keine springenden Delfine wie überall sollen die Zimmer schmücken, sondern eine Auswahl an Postern und Bildern bereitstehen, die auf Wunsch montiert werden können.

Überhaupt hat das Individuelle einen hohen Stellenwert in der Palliativmedizin, wo keine Hoffnung auf Heilung mehr besteht und psychische, soziale, religiöse und spirituelle Fragen umso wichtiger werden. So vieles wie nur möglich wird «sehr individuell» gelöst, und so werden zuweilen auch Dinge möglich, die in einem Spital sonst nicht möglich sind. So wird dem Kettenraucher der Weg zu einer Zigarette geebnet und auch ein Hund ans Krankenbett gelassen, weil ein solcher im weit gefassten Begriff «Angehörige» sehr wohl Platz hat.